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Monyama: Tiger in High Heels

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Monyama
Monyama

Vereinigung der Widersprüche

Toni ist eigentlich ein ganz normaler Junge. Er tobt gern und viel in Mutters Garten, und im Kindergarten mimt er immer den Verkehrspolizisten. Vielleicht ist er etwas sensibler als die anderen Jungs, aber doch ein echter Kerl, der auch auf Bäume klettert. Als Jugendlicher wird er zum Skin Head: Glatze, Springerstiefel, aggressive Musik, Kampfsport. Später geht er zur österreichischen Armee, dort nennen sie ihn »Kampfsau«. Was in diesen jungen Jahren noch keiner seiner Freunde weiß: Toni trägt in seiner Freizeit heimlich Netzstrümpfe, Dessous und High Heels. Die gefallen ihm einfach. Schon bei seiner Erstkommunion war er eifersüchtig auf die Mädchen, die verspielte weiße Rüschenkleidchen tragen durften, während er Anzug tragen musste, nur weil er ein Junge ist.

Heute nennt sich Ton Monyama. Er ist transident. Emotional fühlt er/sie sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig. Anders als die meisten Transsexuellen hat sie kein Problem mit ihrem männlichen Körper, doch fühlt sie wie eine Frau.

Ich fand es spannend zu lesen, wie Monyama die Suche nach ihrer Identität beschreibt. Vor allem, wie sie es schafft, die Widersprüche zwischen einerseits als männlich geltenden Eigenschaften und andererseits als weiblich geltenden Verhaltensweisen unter einen Hut zu bringen. In gewisser Hinsicht kann ich ihre Suche nachvollziehen: Selber betreibe ich Kampfsport – Schwertkampf, Ringen, Jiajitsu – und ich kann auch Reifen wechseln und Schränke aufbauen! So mancher nicht ganz so weise Weisheitslehrer wollte mir schon einreden, dass diese als traditionell männlich geltenden Fähigkeiten ein Zeichen dafür sind, dass ich mit meiner Weiblichkeit ein Problem habe. Die waren dann oft erstaunt, dass ich tatsächlich gerne Röcke und Kleider trage und für Korsagen schwärme. Insgesamt hatte ich es aber doch einfacher als Toni – denn eine Frau, die Schwertkampf lernt, erntet eher Bewunderung als ein Mann, der in High Heels herumstöckelt. Besonders dann, wenn sie es schafft, ihre Amazone mit ihrer Venus in Einklang zu bringen.

Monyama identifiziert Geschlechterrollen als soziale Konstruktion und plädiert für die Freiheit, männliche und weibliche Anteile in sich gleichermaßen zu entwickeln. In ihrem Buch beschäftigt sie sich aber noch mit anderen Themen: gesellschaftliche Zwänge, Selbsterkenntnis, Erleuchtung, Religionen – vom Judentum über das Christentum bis zum Buddhismus. Insbesondere ihre Anmerkungen über Jesus als Rebellen und wie die Kirche seine Worte verdreht und missbraucht hat, finde ich sehr interessant.

Es ist ja irgendwie »in«, Kapitel mit Zitaten einzuleiten. Die meisten spirituellen Autoren verwenden dazu Sprichwörter oder Weisheiten von Gurus. Monyama leitet ihre Kapitel mit Zitaten von Rock-, Punk- oder Metal-Bands ein wie Die Ärzte, Die Böhzen Onkelz, Rammstein, Manowar und Ozzy Osbourne. Klasse!

Bewertung: sehr gut

Christine Höfig

Monyama: Tiger in High Heels. Zweimal Käfig und zurück. Lotus-Press 2010, 568 S., SC, 34 €

   
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