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Philipp Blom: Böse Philosophen

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Philipp Blom
Philipp Blom

Die wiedergefundenen Stimmen

Der Autor des Buches, der Wiener Historiker Philipp Blom, fokussiert sich in seinem Werk auf die Auseinandersetzung zwischen den bekannteren Philosophen Rousseau und Voltaire und den beiden Radikalaufklärern Denis Diderot und Paul Thiry d'Holbach. Es gibt eine Menge Rezensionen des Buches »Böse Philosophen« in Zeitungen und im Internet. Viele Rezensenten stellen sich die Frage, ob Voltaire und vor allem Rousseau, der als zunehmend paranoid beschrieben wird, nicht zu einseitig porträtiert werden. Rousseau, zunächst ein enger Freund von Diderot und später sein entschiedener Gegner, hat immerhin mit seinem Werk einige blutrünstige Diktatoren wie Robespierre, Lenin, Hitler, Mao oder Pol Pot inspiriert. Rousseaus Ekel- und Schuldgefühle sowie seiner Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits setzen Diderot und Holbach erotisches Begehren, Empathie und Solidarität entgegen.

Rousseaus Philosophie und die der radikalen Aufklärer und ihrer Inspirationsquellen werden in diesem Buch angenehm verständlich für Nicht-Philosophen dargestellt. Die radikalen Aufklärer trafen sich regelmäßig im Salon von Baron d'Holbach bei gutem Essen und Trank, abgeschirmt von einer feindlichen Umwelt. Sie griffen mit ihren Ideen die weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten der Zeit aufs Schärfste an. Sie nutzten aber auch die Diskussionen und den Austausch in dieser Gesellschaft, um sich selbst weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt standen Fragen über Atheismus, die Freude an Sinnesgenüssen und erotischen Leidenschaften sowie über die Moral. Leiden war, jedenfalls für Diderot und Holbach, kein Wert an sich, und so entzogen sie der Kirche ein Hauptargument.

Wer jetzt befürchtet, es würde zu viel philosophiert in diesem 400seitigen Buch, den kann ich beruhigen, denn es wird sehr viel Persönliches aus den Leben der Denker dieser Zeit berichtet: ihre Affären, ihre Gemütszustände, ihre Reisen, ihre Kämpfe. Außerdem kommt die Beschreibung der gesellschaftlichen Umstände in verschiedenen Ländern des Europa dieser Zeit nicht zu kurz.

Die radikalen Aufklärer waren sich durchaus nicht immer einig in ihren Argumentationen. Die Radikalität der Infragestellung verschiedener Missstände ihrer Zeit aber vereinte sie dennoch. Und in diesen Auseinandersetzungen liegt die Würze der Beschreibungen.

Für mich kann man die verschiedenen Ansichten, die sie vertraten – ob sie nun menschliche Beziehungen, Sexualität oder auch Gott und die Welt betrafen – durchaus als Repräsentanten unserer eigenen Teilpersönlichkeiten oder inneren Systemik begreifen. Auf diese Art und Weise kann man bei der Lektüre des Buches auch sehr viel über sich selber erfahren. Wo ist man einverstanden, wo schockiert, wo in Gewohnheiten gestört, wo unschlüssig, denn es gibt gute Argumente für alle dargestellten Perspektiven.

Warum aber gerieten vor allem die radikalen Aufklärer in Vergessenheit? Die von ihnen geforderte Gleichwertigkeit aller Menschen und Kulturen ist bis heute nicht im Sinne der Machthaber, welcher Couleur auch immer. Dem Satz auf dem Einband, dass heute die Zeit gekommen ist, die Debatten über die Rolle der Religion, das Verhältnis der Geschlechter oder den Umgang mit der Lust wieder aufzunehmen, kann ich nur zustimmen. Auch heute noch sind bei diesen Themen all zu oft sektiererische Denkweisen statt integrale Ansätze anzutreffen.

Bewertung: hervorragend

Alfred Groff

Philipp Blom: Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, Carl Hanser Verlag 2011, 400 S., HC, 24,90 €

   
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