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Alan Weisman: Gaviotas – Ein Dorf erfindet die Welt neu

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Alan Weisman
Alan Weisman

Schöpfer des Friedens

Dieses Buch ist erfrischend. Denn es zeigt im Stil einer lebendigen Erzählung, dass es möglich ist, ein gutes, auch materiell reiches Leben zu führen, ohne den Planeten zu zerstören.

Gaviotas (»Flussschwalben«, Mö wen) wurde als utopisches Experiment gestartet, ohne dass es konkrete Vorstellungen gab, was wie gemacht werden sollte. Der Gründer, Paolo Lugari, sagte später einmal: »Gaviotas ist ein nichtlineares Phänomen. Es hat sich ohne jeden Plan entwickelt.« Und an anderer Stelle: »Es ist kein Modell, es ist ein Weg.« Angesiedelt wurde das Projekt zu Beginn der 1970er Jahre in Kolumbien, einem Land, das einerseits sowohl über großen Ressourcenreichtum als auch gut ausgebildete Fachkräfte verfügte, andererseits aber unter politischer Instabilität und vor allem den ständigen Kriegen zwischen den Drogenbaronen, der Guerilla und dem Militär litt. Zudem wählte Lugari eine Gegend, die äußerst schwach besiedelt und schwer zu erreichen war: eine öde Savanne – nach dem Motto: Wenn wir hier etwas auf die Beine stellen, dann ist es überall auf der Welt möglich! Schritt für Schritt wurden die Grundlagen geschaffen für den Aufenthalt von Menschen in dieser Gegend: Energie, Gebäude, Nahrung waren die wichtigsten davon. Und bei jedem Schritt wurde darauf geachtet, dass die Grundprinzipien beachtet wurden: im Einklang mit der Natur und so einfach wie möglich. Für bestimmte Aufgaben wurden Experten geholt – auch sie mussten ihr Fachwissen anhand der vorgefundenen Aufgabenstellungen neu überdenken.

Doch die meisten Lösungen wurden sowieso von Leuten gefunden, die sich einfach einer Aufgabe annahmen und oft langwierige Experimente durchführten, bis sie zu bisher nie in Erwägung gezogenen Ideen gelangten. Eine wichtige Grundlage war der Anbau von Pflanzen. Auch hierbei – wie bei so vielen späteren Fragen – halfen Zufall und Intuition, die Lösung zu finden: Die Pflanzung einer Karibischen Kiefer schuf die Voraussetzung für alle anderen Pflanzen, die zur Nahrungsgrundlage für Mensch und Tier werden sollten. Es ist spannend und lehrreich zu lesen, wie sich die Gavioteros von Aufgabe zu Aufgabe hangelten und dabei einen erstaunlichen Erfindungsgeist entwickelten. Für mich wurde aber auch hier wieder klar, dass auch für diese Umsetzung einer Utopie in ein reales Projekt eine Person nötig war, für die es sich nicht mehr um eine Vision handelt, sondern vor deren Augen das Ganze bereits Wirklichkeit ist. Eine Person, die durch nichts verunsichert werden kann und anderer seits den Mitstreitern ihre Unsicherheit nimmt. Dieses Sendungsbewusstsein hat als Nebeneffekt auch einmal dazu geführt, dass die Guerilla Paolo Lugari nach zwei Tagen Gefangenschaft wieder frei ließen, sie waren einfach zu erschöpft, weil er ständig auf sie eingeredet hatte ...

Bewertung: sehr gut

Volker Freystedt

Alan Weisman: Gaviotas – Ein Dorf erfindet die Welt neu, Piper 2012, 384 S., HC, 19,99 €

   
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