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Sean Esbjörn-Hargens und Michael E. Zimmerman: Integrale Ökologie

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Sean Esbjörn-Hargens und Michael E.
Zimmerman
Sean Esbjörn-Hargens (l.) und Michael E. Zimmerman

Ein multiperspektivischer Zugang zur Natur

»Integrale Ökologie« lautet der Titel. Da dachte ich zunächst: Schon wieder ein Amerikaner, der seinen Interessensbereich à la Wilber integralisiert, um dann im Sommer eine Kongresstournee durch Europa zu starten. Und wenn du als Zuhörer nicht begeistert bist, bist du halt nur ein Flachlandbewohner. Doch dann sah ich, dass neben Sean Esbjörn-Hargens auch Michael Zimmerman Co-Autor dieses Buches ist.

Ihn habe ich beim Integralen Kongress 2010 in Berlin zu diesem Thema gehört. Er hat damals unter den Teilnehmern des Kongresses eine spannende, kritische Kontroverse ausgelöst. Er behauptete unter anderem, führende Wissenschaftler seien vielfach politisch beeinflusst, und er propagierte den Vorzug von Adaptation gegenüber Vermeidung in Bezug auf die Kohlendioxidproblematik. Mein Interesse, die 542 Seiten zu lesen, stieg und ich sollte es nicht bereuen. Die amerikanische Originalausgabe umfasst 800 Seiten, da ein Appendix mit Beispielen von 200 ökologischen Perspektiven, Fußnoten und eine umfangreiche Bibliographie nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Man findet sie in ihrer Originalform auf der Webseite des Phänomen- Verlages. Leider hat man dort einige der Layoutfehler wiederholt.

Im Vorwort wird von einem »Menschentier« gesprochen – so bezeichnet sich programmatisch dessen Autor! Er weist auf die Wichtigkeit der Innerlichkeit beim Thema Ökologie hin und bedauert, dass diese oft ausgelassen wird. Mit dieser Ansicht startet dann das erste Kapitel. In diesem wird eine dreifache Definition von Natur gegeben: Natur als der ganze Kosmos in all seinen Dimensionen. Natur als die äußeren Bereiche des Kosmos und schließlich Natur als die empirisch-sinnliche Welt mit einer äußeren und einer inneren Bedeutung.

Das Wesentliche des Buches besteht in der multiperspektivistischen Sichtweise. Die Autoren haben über 100 spezifische Perspektiven und Ansätze im Bereich der Ökologie zusammengetragen und 25 Hauptansätze identifiziert. Um angesichts dieser Vielfalt den Reduktionismus zu vermeiden, wurde integrale Ökologie als »die Erforschung der subjektiven und objektiven Aspekte von Organismen in Beziehung zu ihrer intersubjektiven und interobjektiven Umwelt auf allen Ebenen der Tiefe und Komplexität« definiert. Wer das AQAL-Modell von Wilber kennenlernen will, findet in diesem Buch ein ideales Sachgebiet, um alle Dimensionen des Seins an einem konkreten Thema kennenzulernen. Manche Leser werden allerdings bedauern, dass Wilber einen so großen Platz in diesem Werk einnimmt und andere integrale Forscher zu wenig Berücksichtigung finden. Das Ganze wird durch zahlreiche praktische Beispiele und Graphiken ergänzt und ist somit, trotz der Komplexität des Themas, angenehm zu lesen. Nachdem einige Kapitel das Was, Wer und Wie untersuchen, wird dieses Bezugsystem angewendet, um die wichtige Frage »Wie können wir kollektiv eine Umweltkatastrophe verhindern?« zu beantworten.

Die verschiedenen Wahrnehmungen ökologischer Krisen werden dabei aufgezeigt. Die integrale Ökologie meint, dass die Situation sich paradoxerweise zugleich verschlechtert, besser wird und immer schon vollkommen ist. Das Wichtigste an der integralen Herangehensweise scheint mir die Fähigkeit, »multiple und sogar einander widersprechende Perspektiven in seinem oder ihrem Herzen und Geist halten zu können«. Durch die Möglichkeit, unterschiedliche Sichtweisen einzunehmen und durch Empathie wird der Dialog verschiedener Meinungen leichter und eine gemeinsame Lösung wahrscheinlicher. Zu Recht wird darauf hingewiesen, »dass wir mit ökologischen Informationen übersättigt sind, aber das hat nicht das Verhalten geändert«. Bildung allein genügt nicht.

Das Buch bietet etliche Übungen zur Kultivierung eines integralen ökologischen differenzierbaren Gewahrseins an. Dabei geht es um eine integrale ökologische Identität, ein integral ökologisches Handeln, die integrale Verbundenheit mit allen Wesen und die Mitgliedschaft im integralen Netz des Lebens. Mir sind dabei einige Begriffe zu schwammig. So etwa, wenn man aufgefordert wird, durch die Sinne zu beobachten (der Quadrant oben rechts, gemäß dem AQAL System von Wilber), dann unmittelbar seinen Körper zu erfahren (oben links), was ich normalerweise auch sinnlich vornehme und zu guter Letzt der Temperatur gewahr zu sein (unten rechts). Dies tu ich auch mit einem Sinn, nämlich mit dem Wärmesinn. Die letzen Worte des Buches lauten »für effektive Veränderungen arbeiten«. Das wünsche ich allen Lesern dieses lesenswerten Buches.

Bewertung: sehr gut

Alfred Groff

Sean Esbjörn-Hargens/Michael E. Zimmerman: Integrale Ökologie, Phänomen Verlag 2013, 580 S., SC, 29,90 €

   
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