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Thomas Hohensee: Erleuchtung in sieben Tagen

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Thomas Hohensee
Thomas Hohensee

Mühsame Instant-Erleuchtung

Erleuchtung in sieben Tagen? Was ist das, ein weiteres weiter-schneller-höher-Produkt im Stile von »The Secret«? Weit gefehlt, fand unser Rezensent Reino Kropfgans. Unser Zeitalter erodierender Wertesysteme, politischer, emotionaler und spiritueller Desorientierung und zerfallender Utopien verschafft der Lebenshilfe- und Ratgeber-Industrie mit Büchern, Filmen, Musik-CDs und Workshops zunehmend Auftrieb. Auch wenn ein großer Teil davon lediglich plumpe Geschäftemacherei nach dem Strickmuster von The Secret sein mag, sind doch hin und wieder wahre Perlen der Klarheit und der Inspiration aus dem kommerziellen Morast zu fischen.

Als eine solche Perle entpuppt sich die Erleuchtung in sieben Tagen von Thomas Hohensee. Auf ca. 240 Seiten bringt uns der Autor das Vermächtnis des Siddharta Gautama nahe, der als Buddha vor etwa 2500 Jahren eine Lehre hinterließ, die noch heute für uns alle von verblüffender Aktualität ist. Das große Verdienst dieses Buches ist allerdings der »untraditionelle Blickwinkel«, wie ihn die Rezensentin der DBU (Deutsche Buddh. Union) in vornehmer Zurückhaltung bezeichnete.

So kann der Autor sich die Ehre ans Revers heften, den Dharma aus einer ungewohnt neuen, laienhaften und fast naiven Perspektive zu betrachten. Doch schon bald wird klar, warum die DBU-Autorin Hohensees kritische Fragen und Hinweise mit »Abschreckung« assoziiert. Es ist nicht nur der bewusste Verzicht auf Pali- und Sanskrit-Begriffe – es ist vor allem die Kritik an der Verbiegung und Aufspaltung der Urlehre des Buddha durch Legionen von Auslegern und Interpreten, wie der Verfasser anhand vieler Beispiele demonstriert.

Dieses Buch ist nichts weniger als der gewagte Versuch, die »ursprüngliche Lehre des Buddha so zu rekonstruieren, wie ich sie verstehe…«. Ein mutiges Unterfangen, das letztlich durch seine klare, einfache Sprache, seine Stringenz und seine Respektlosigkeit überzeugt. So unterzieht Hohensee ritualisiertes Elitebewusstsein und religiöse Selbstgefälligkeit der ordinierten »Verwalter der Lehre« beißender Kritik. Der Wettbewerb der unterschiedlichen buddhistischen Schulen und »Alleinvertreter« vernebelt demnach das einzig wichtige Ziel: die Beherrschung des eigenen Geistes. Da stellt auch die verbreitete und oft missverstandene Auffassung der Ich-Losigkeit eher ein Hindernis als ein Hilfsmittel auf dem Weg zur Erleuchtung dar.

Leider erliegt der Autor gelegentlich der Versuchung, seine Kritik an Ordenshierarchien, Demutsgesten und Diskussionsverboten nicht zu präzisieren, also Ross und Reiter zu nennen, sondern sehr allgemein zu argumentieren. Das Kapitel »Zen in der Kunst, einen heiligen Krieg zu führen«, lässt allerdings an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Hohensee beschreibt anschaulich u. a. die Kriegsbegeisterung eines D. T. Suzuki, des großen ost-westlichen Zen-Vermittlers. Er brandmarkt die ideelle und praktische Unterstützung der japanischen Soldateska in China (Nanking) durch fast alle Zen-Meister und Zen-Institutionen im damaligen Japan. Die erste Entschuldigung für dieses skandalöse Verhalten erfolgte durch einen Tempel der Rinzai-Linie – im Jahre 2001.

Im Zentrum der Überlegungen Hohensees steht wie im Titel etwas zu vollmundig angekündigt die Erleuchtung, die nach einer Lehrrede des Buddha unter günstig(st)en Bedingungen in sieben Tagen erreicht werden kann. Nur darum geht es.

Dass der Leser ganz nebenher noch erfrischende und frappierende neue Ansätze beim Verständnis der Vier Edlen Wahrheiten, bei Meditationspraxis und Mitgefühl erfährt, macht den Reiz dieses Buches aus. Leider wird wohl der Titel all die Leser verprellen, die auf die Lösung ihrer persönlichen Probleme durch buddhistische Instant-Offenbarung hoffen. Das Gegenteil ist der Fall: Der Weg zur Erleuchtung ist gepflastert mit Anstrengung, Konsequenz, Denkarbeit und Unvoreingenommenheit. Mal länger … mal kürzer …

Bewertung: 4 von 5 Sternen

-Reino Kropfgans

Thomas Hohensee: Erleuchtung in sieben Tagen, Droemer Knaur 2008, 238 S., SC, 8,95 €

   
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