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Annette Kaiser: Erwachende Seele

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Annette Kaiser
Annette Kaiser

Das Wesentliche aller Religionen

»Sei, wie du wirklich bist.« Mit diesen Worten von Ramana Maharshi beginnt das Buch »Erwachende Seele – Die zwölf Phasen des Gebets« von Annette Kaiser. Sie schreibt: »Wenn wir einen inneren Weg beschreiten, dann erleben wir Phasen, die einen nahezu archetypischen Verlauf nehmen. Wir können diese Phasen als Gebetsphasen bezeichnen.«

Warum wird gerade dieser Begriff benutzt? Er beinhaltet nicht nur das »Bitten« um etwas, sondern auch das »Geben«, das »Sich-Geben«. Die Phasen treten spiralig, dynamisch und in individuellen Entwicklungsschritten auf. Jeder Gebetsphase wird eine Übung als Anregung beigefügt. Dabei geht es um verschiedene Meditationstechniken, Naturerfahrungen, Danksagungen, den Umgang mit Projektionen, Widerstand, Wertung und Anhaftung oder einfach um Präsenz. Die vier ersten Phasen handeln vom Blick nach innen, der inneren Wüste, der Versöhnung und dem ersten Berührtsein. Danach vertiefen sich die Erfahrungen, mit zunehmendem Loslassen wird das Ich freier. Das Sein erstrahlt im Werden.

Aber es geht nicht nur um das »Ich«, sondern auch um das »neue Wir«. Schon vor einem Jahrhundert sprach Rudolf Steiner von der Bildung einer gemeinsamen sozialen Substanz, wenn Menschen freiwillig ihre Gefühle zusammenstrahlen lassen. Dann wird eine Art Gruppenseele gebildet, eine neue Wesenheit – und dies in völliger Freiheit und Aufrechterhaltung der Individualitäten der beteiligten Menschen. Mit den Worten Annette Kaisers hört sich das so an: »Eine neue Herausforderung stellt unser Zusammenwirken, unser Miteinander aus dem So-Sein dar. Die persönliche Transformation ist ein erster Schritt. Wie wir Menschen nun als soziale Wesen universelles Bewusstsein in Manifestation kreativ gestaltend fließen lassen, das ist eine kollektive Aufgabe. Es geht dabei um die Kultur einer erleuchteten Menschheit, in der sich die Menschen als Einheit verstehen und gleichzeitig ihrer Individualität bewusst sind.« Es ist zu hoffen, dass auch Politiker dieses Buch lesen werden und vermehrt zu dieser neunten Gebetsstufe gelangen.

Alles, was Annette Kaiser in ihrem Buch schreibt, klingt so einfach und selbstverständlich, so gar nicht abgehoben. Dies ist nur möglich, weil sie selbst auf einen langjährigen, inneren Erfahrungsweg zurückblicken kann. Es ist so wie bei guten Lehrern, die den Schülern Kompliziertes nur dann einfach erklären können, wenn sie es selbst vollends durchdacht und verstanden haben. Der Text ist auch so ansprechend, weil er einer der heutigen Zeit angepassten Praxis angemessen Rechnung trägt. 130 Seiten genügen, um alles Wesentliche zu beschreiben und dies unabhängig von einer bestimmten Tradition. Diese würde laut Annette Kaiser für die gleichen Erfahrungen nur andere Worte benutzen. Sie meint, es sei heute nicht mehr unbedingt nötig, einen Lehrer oder eine Lehrerin zu haben.

Das Buch schließt mit folgenden Sätzen: »Es geht in der menschlichen Bewusstseinsentwicklung darum, in das nächsthöhere Holon zu schwingen – dem integralen bewussten Sein-Jetzt. Bislang diente uns ein spiritueller Weg dazu, um einen Geschmack des Einen zu erfahren. Im 21. Jahrhundert wird die Spiritualität zur Basis, damit wir kollektiv eine Weltgemeinschaft neu gestalten, in der das einzig Wirkliche in Toleranz, Frieden und Kooperation im Miteinander leuchtet.« Der Schlusssatz, der ebenfalls jeden Übungsvorschlag in diesem Buch beendet, lautet: »Möge es zum Wohle aller Wesen sein.« Es geht um die Kombination von östlicher und westlicher Erleuchtung, um Erleben und Gestalten, um Innen und Außen, also um – alles.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

Alfred Groff

Annette Kaiser: Erwachende Seele. Kösel 2010, 144 S., HC, 14,95 €

   
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