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Plug & Pray

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Plug & Pray

Der Traum von der künstlichen Intelligenz

Der deutsche Jude Joseph Weizenbaum – Jg.1923, 1936 in die USA emigriert, im Alter nach Berlin zurückgekehrt – hat ein Problem mit seinem Laptop, der ihm gerade nicht gehorcht. Das ist nicht ohne Ironie, denn Weizenbaum war 18 Jahre lang Professor für Computer Science am MIT und hat maßgeblich an der Entwicklung von künstlicher Intelligenz mitgewirkt. Er nimmt die kleine Panne mit Humor und weiß sich natürlich zu helfen. Erst mal den Stecker rausziehen, dann »plug & pray«, also einstöpseln und beten, dass es funktioniert.

1966 wurde er durch sein Spracherkennungsprogramm ELIZA berühmt. 1975 veröffentlichte er sein wichtigstes Buch, deutscher Titel: »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft«. Der große und vielfach geehrte Pionier der Computertechnik und Informatik entwickelte sich zu einem Mahner für den verantwortungsvollen Umgang mit diesen Techniken. Den grenzenlosen Optimismus etlicher Kollegen teilt er nicht. Weizenbaum ist 2008, noch vor der Fertigstellung des Films, gestorben.

Der Regisseur Jens Schanze interviewte für seinen hochinteressanten Film Forscher mit ganz unterschiedlichen Positionen und Zukunftsvisionen im Bereich der künstlichen Intelligenz, der mit vielen Disziplinen vernetzt ist. Robotik, Biologie, Neurowissenschaften und Entwicklungspsychologie spielen dabei eine Rolle. Letztlich muss man sich auch mit philosophischen und ethischen Fragen befassen. Was macht die menschliche Intelligenz aus? Inwieweit ist der Mensch durch Maschinen zu ersetzen? Werden beide irgendwann verschmelzen und der Mensch damit potentiell unsterblich? Wollen wir das?

Ein wichtiger Verfechter der »harten« künstlichen Intelligenz ist Raymond Kurzweil. Ein amerikanisches Wirtschaftsmagazin bezeichnete ihn wegen seiner vielen Erfindungen als »rechtmäßigen Erben von Thomas Edison«. Er entwickelte so nützliche Dinge wie Tastaturen und Lesegeräte für Blinde und berät aber auch die Regierung in militärischen Fragen, sein Hauptanliegen aber ist die Überwindung des biologischen Todes beim Menschen. Ein bezeichnender Buchtitel von ihm ist: »The Age of Spiritual Machines«. Hiroshi Ishiguro leitet das »Intelligent Robotics Laboratory« in Osaka und wird von CNN zu den »acht weltweit wegweisenden Wissenschaftlern« gezählt, »die unser Leben verändern werden«. Seine Spezialität sind Roboter, die in lebensechte menschliche Figuren eingebaut werden. So hat er unter anderem eine täuschend ähnliche Kopie von sich selbst geschaffen, die mit seinen Kindern spielen oder mit Besuchern Gespräche führen kann. Sein Ziel ist es, Menschen durch Roboter zu ersetzen, z.B. bei der Hausarbeit, der Pflege, aber auch als Gesellschafter und Sexualpartner. Sein Kollege Minoru Asada trainiert bereits eine Roboter-Fußballmannschaft.

Es scheint, dass die je Nation verschiedenen kulturellen Hintergründe und Menschenbilder in die Entwicklung der künstlichen Intelligenz einfließen. Die tüchtigen Deutschen haben ethische Bedenken. Die Amerikaner greifen zu den Sternen der Unsterblichkeit. Die Japaner sehen in den Maschinen Menschen und umgekehrt, und Giorgio Metta, Professor in Genua mag offensichtlich Bambini: Er arbeitet an einem lebenslang lernenden künstlichen System, dem er die Gestalt eines dreijährigen Kindes gibt. Weitere Wissenschaftler kommen in diesem spannenden Austausch zu Wort. Nicht verpassen!

Bewertung: sehr gut

Barbara Wollstein


Plug & Pray
Dokumentarfilm
Kinostart: 11. Nov. 2010

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