Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Filme

Mein Glück

Details

Mein Glück
Farbfilm Verleih

Welt ohne Werte

Ein rätselhafter Filmtitel, denn glücklich ist hier niemand. Es sei denn, man bezeichnet es als Glück, nicht ganz, sondern nur halb tot geschlagen zu werden. Der weißrussisch-ukrainische Regisseur Sergei Losnitsa, Jahrgang 1964, Dokumentarfilmer, bezeichnet »Mein Glück« als Feature. Der Film wirkt zugleich parabelhaft und dokumentarisch. Es ist eine deutsch-ukrainisch-niederländische Koproduktion, die im ländlichen Russland spielt und durch Begegnungen Losnitsas mit Menschen auf der Straße inspiriert wurde.

Die erste Einstellung zeigt, wie die durch Schlamm unkenntliche Leiche eines Mannes in einer Kiesgrube mit Hilfe eines Baggers vergraben wird. Mehrere Menschen sind anwesend, keinen kümmert es. Dann wird die Geschichte Georgys (Victor Nemets) erzählt, eines sympathischen Fernfahrers, der seine Heimatstadt mit einer Lastwagenladung verlässt, auf seiner weiten Fahrt übers Land verschiedene Menschen trifft, zu Umwegen gezwungen wird und in einem Dorf in einer ausweglosen Situation strandet.Am Ende hilft nur Gewalt gegen Gewalt.

Es ist ein beklemmendes Lehrstück über eine Gesellschaft, hier die post-kommunistische, die ihre Werte und Moral verloren hat. Dass es einmal so etwas wie Freundlichkeit, Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft gegeben hat, klingt an. Doch wer sich entsprechend verhält, wird übers Ohr gehauen. Oder diese Tugenden werden vorgespielt, um jemanden in eine Falle zu locken und brutal auszurauben. Wer Macht hat und eigentlich ein Garant der öffentlichen Ordnung sein sollte, wie Beamte, Offiziere und Polizisten, nutzt seine Position, um sich durch Erpressung zu bereichern, andere zu erniedrigen und zu quälen, die eigene Willkür auf perverse Weise zu genießen.

Was sind die Wurzeln dieses Verhaltens? Der Filmspielt in der Gegenwart und auf verschiedenen zeitlichen Ebenen ab der Nachkriegszeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es wird suggeriert, dass Krieg, Leid, Hunger und Vertreibung die Menschen zu Verbrechern machen. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Es gibt die Episode, in der drei entflohene Soldaten zu einem Landhaus kommen, wo ein Lehrer mit seinem kleinen Sohn lebt. Der gibt ihnen einen Schlafplatz und bewirtet sie mit dem Besten, was er hat. Was treibt die Männer dazu, den friedlichen Lehrer im Schlaf zu erschlagen und die Schränke nach ein paar Kleidern und Wertsachen zu durchwühlen? Wahrscheinlich hätte er sie ihnen geschenkt, wenn sie darum gebeten hätten.

Sicherlich ist solche Verrohung durch den Krieg begünstigt, doch es ist schwer vorstellbar, dass Menschen, die einmal in einem humanen Wertesystem aufgewachsen sind, so weit gehen würden. Doch ohne diesen Hintergrund scheinen nackter Egoismus und grenzenlose Gier normal, auch bei Wohlhabenden. Oder die junge Prostituierte, die sagt, sie sei achtzehn, aber wie zwölf aussieht. Als Georgy ihr ohne Gegenleistung helfen will, beschimpft sie ihn. Sie ist stolz darauf, ihren Körper an gewissenlose Männer zu verkaufen. Mehr Einzelkämpfertum geht nicht. So ist dieser verstörende Film unterschwellig ein Appell, für eine Gesellschaft zu sorgen, in der Rechtsstaatlichkeit und ethische Werte herrschen und zerstörerische Triebe in ihre Schranken gewiesen werden.

Bewertung: sehr gut

Barbara Wollstein


Mein Glück
Drama: Deutschland / Ukraine / Niederlande 2010
Farbfilm Verleih
Kinostart: 3. 2. 2011

Infos zum Film

   
© Connection AG 2015