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Der Name der Leute

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Der Name der Leute
Foto: X Verleih

Herkunft und Identität

In dem autobiographisch inspirierten Film von Michel Leclerc und seiner Co-Autorin/Lebensgefährtin Baya Kasmi geht es nicht nur um die Liebesgeschichte zwischen einer überdrehten Halb-Algerierin und und einem pedantischen Halbjuden, sondern um viele andere Themen, die gewöhnlich nicht in eine Komödie gepackt oder dort nur seicht behandelt werden.

Zunächst zum Inhalt: Die junge, attraktive und temperamentvolle Bahia (Sara Forestier) wird wegen ihres Vornamens oft fälschlich für eine Brasilianerin gehalten. Sie läuft gerne leicht- oder auch unbekleidet herum und schläft gezielt mit politisch rechtslastigen Männern, um sie ideologisch umzudrehen. Voller Idealismus engagiert sie sich mal für diese mal für jene Randgruppe oder Bürgerinitiative. Dann trifft sie auf den Linkswähler mit dem Allerweltsnamen Arthur Martin (Jaques Gamblin), einen unauffällig und zurückgezogen lebenden Wissenschaftler, dessen Weltbild sie gehörig durcheinander wirbelt. Schließlich bringt sie ihn dazu, endlich offen mit seiner jüdischen Herkunft und Familiengeschichte umzugehen.

Wie in französischen Filmen üblich wird auch hier viel geredet und dabei locker und mit Esprit das Wesen der Dinge diskutiert. In diesem Fall geht es um Politik und vor allem um die Frage der Identität im Zusammenhang mit der Herkunft. Die Zeiten, in denen praktisch jeder im angestammten Kulturkreis aufwuchs und davon selbstverständlich und eindeutig geprägt wurde, sind vorbei – falls es sie jemals in dieser reinen und idyllischen Form gab. Migration, gemischte Herkunft, Pluralismus, Streben nach Selbstverwirklichung sind heute an der Tagesordnung, gerade auch in Frankreich, wo Einwanderer aus nordafrikanischen Staaten einerseits um Anerkennung als Bürger wie alle anderen bemüht sind und andererseits entscheiden müssen, wo sie zwischen Tradition und Moderne, zwischen den Religionen und Lebensstilen ihren individuellen Platz finden wollen.

Der Film wendet sich gegen eine voreilige Verknüpfung bestimmter Merkmale. So wie es zum Beispiel auf dem Boden des Christentums gewachsene Atheisten gibt, findet man sie auch vor dem Hintergrund des Islam. Die feiern dann vielleicht trotzdem Weihnachten oder muslimische Feste. Spießigkeit oder Freigeistigkeit sind nicht an ethnische Milieus gebunden, ebenso wenig Fortschrittlichkeit oder Traditionalismus. Natürlich ist das auch verwirrend. Es ist praktisch und erleichtert die Übersicht, die Menschen in eine überschaubare Zahl von Schubladen einzuordnen. Und wer im Kolonialismus oder durch Antisemitismus zum Opfer geworden ist, tut nur vermeintlich gut daran, das zu verdrängen. Dagegen machen Differenzierung und Aufarbeitung der Vergangenheit Mühe, sind aber durch nichts zu ersetzen, wenn man den Anspruch auf Vernunft und Gerechtigkeit nicht aufgeben will. Gut, dass auch Komödien sich dieses Themas annehmen, wie letztens schon »Fasten auf Italienisch« und jetzt »Der Name der Leute«. Der Name ist nämlich Schall und Rauch, auf den Menschen kommt es an.

Bewertung: gut

Barbara Wollstein


Der Name der Leute
Komödie: Frankreich 2010
X Verleih
Kinostart: 14. 4. 2011

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