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Die Frau, die singt

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Die Frau, die singt
Lubna Azabal Foto: Arsenal Filmverleih

Mit der Tragödie leben

Der kanadische Regisseur und Autor dieses Films, Denis Villeneuve, bekam dafür eine Oscar-Nominierung in der Auslands-Kategorie. Die Handlung basiert auf dem Theaterstück »Incendies« des gebürtigen Libanesen Wajdi Mouawad. Erzählt wird von der Aufdeckung eines tragischen Familiengeheimnisses, das sich im Nahen Osten abgespielt hat. Dass kein bestimmtes Land genannt wird, macht die Geschichte universell; zugleich ist sie zutiefst persönlich.

Als ein Notar den Zwillingen Jeanne (Mélissa Désourmeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) das Testament ihrer Mutter Nawal (Lubna Azabal) eröffnet, erfahren sie zum ersten Mal, dass ihr tot geglaubter Vater lebt und dass sie einen Bruder haben. Denen sollen sie je einen Brief überbringen, wozu sie sie erst einmal aufspüren müssen. Erst dann wird die tote Mutter von einem ungeheuren Druck befreit sein und ein wichtiges Versprechen gehalten haben.

Jeanne macht sich von Kanada sofort auf in den Nahen Osten, die Heimat der Mutter. Simon will davon zunächst nichts wissen, schaltet sich aber später aus Liebe zu seiner Schwester ein. Und auch der Notar, der der Arbeitgeber der Verstorbenen war, macht sich nützlich. In die spannende Spurensuche wird die beklemmende Vergangenheit immer wieder in Rückblenden eingeschoben.

Die junge Nawal, einer ländlichen christlichen Familie entstammend, hat sich in einen Mann verliebt, den die Familie nicht akzeptiert. Er wird getötet, sie als Ehrlose bei der Großmutter eingesperrt, bis sie ihren Sohn geboren hat, der sofort in ein Waisenhaus gebracht wird. Sie hofft und verspricht, ihn mit Hilfe einer Tätowierung an seinem Fuß eines Tages wieder zu finden. Nawal kann nicht im Dorf bleiben. Glück im Unglück ist, dass sie in der Stadt zur Schule geht und studiert. Sie schließt sich einer Friedensbewegung an und gerät in den Bürgerkrieg zwischen Moslems und Christen. Hier erlebt sie so viel Gewalt, auch ausgehend von eigenen Glaubensgenossen, dass sie sich als Attentäterin gegen einen fundamentalistischen Machthaber zur Verfügung stellt. Die fünfzehnjährige Haftstrafe für ihre Tat verbüßt sie in einem berüchtigten Gefängnis, in dem Folterungen an der Tagesordnung sind. Hier wird sie zu der Frau, die singt und so ihren Mut und Überlebenswillen behält.

Das ist noch nicht die ganze Geschichte. Die zunächst unwahrscheinlich wirkende Auflösung hat die Wucht einer antiken Tragödie. Die Zusammenhänge werden jedoch gut begründet und sind auch psychologisch glaubhaft. Es zeigt sich, welche Macht Krieg und Gewalt über die Menschen haben, wie sie sie verformen. Geänderte Verhältnisse verändern auch die Protagonisten in diesem Film. Die Frage nach Schuld und Verantwortung ist wichtig, wobei sich die Ursprünge der Schuld oft in kaum entwirrbaren historischen und gesellschaftlichen Ursachenketten verbergen. Entscheidend bleibt die persönliche Haltung, für die jeder selbst verantwortlich ist. Am Ende ihres Lebens schreibt die leidgeprüfte, tapfere Nawal in ihr Vermächtnis: Das Wichtigste ist es, zusammen zu sein. Nur die Liebe kann über Gewalt siegen.

Bewertung: sehr gut

Barbara Wollstein


Die Frau, die singt
Drama
Kanada 2010
Kinostart: 12. Mai 2011

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