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Sommer in Orange

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Sommer in Orange
Copyright: Majestic/Christian Hartmann

Bhagwan-Jünger in Bayern

Für Lili, die zwölfjährige Ich- Erzählerin in dem neuen Film von Marcus H. Rosenmüller, »Sommer in Orange«, ist die Welt in Ordnung, solange sie mit ihrem jüngeren Bruder Fabian und ihrer Mutter in einer Sannyasin-Kommune in Berlin lebt. Dass ihr Vater weiß Gott wo die Welt rettet und die alleinerziehende Mutter wie alle anderen Erwachsenen in der Gemeinschaft ein sexuelles Bäumchen-wechsel-dich-Spiel betreibt, ist für sie normal.

Doch dann erbt der derzeitige Lover der Mutter den Huberhof im oberbayrischen Talbichl. Acht Bhagwan-Anhänger ziehen mit den beiden Kindern dorthin, um ein Therapiezentrum aufzubauen. Alsbald bricht ein Kampf der Kulturen aus, und Lili gerät mit ihrem Bruder zwischen die Fronten.

Die Geschichte wird authentisch und psychologisch genau erzählt, denn die Drehbuchautorin Ursula Gruber hat sie 1980/81 mit ihrem Bruder, dem Produzenten Georg Gruber, selbst erlebt. Der zeitliche Abstand zum Geschehen ermöglicht eine kräftige Prise nostalgischer Ironie, und die herzerfrischende kindliche Perspektive wirkt befreiend und lässt die übersinnliche Erscheinung Bhagwans ganz natürlich wirken. Mal ist sein Rat hilfreich, mal weiß er auch nicht weiter und lacht sich darüber kaputt. Ungefähr so wie im richtigen Leben.

Der Film lebt von den wunderbaren Figuren und ihren spielfreudigen Darstellern. Amber Bongard ist die selbstbewusste und sensible Lili, ihre Mutter Amrita (Petra Schmidt-Schaller), wunderschön und auf der spirituellen Suche, wird zeitweilig zum verzückten Lustobjekt des hinreißend scheinheiligen Gurus Prem Bramana (Thomas Loibl). Siddharta (Georg Friedrich), Amritas Gefährte, muss erleben, dass das Ideal der allumfassenden Liebe keineswegs die ganz gewöhnliche, zu Handgreiflichkeiten anstachelnde Eifersucht besiegt.

Die bodenständigen Bewohner des Dorfes, angeführt vom Bürgermeister (Heinz-Josef Braun), lassen sich einiges einfallen, um die orange gekleideten verdächtigen »Spinner« zu vertreiben. Unterdessen entdecken Lili und ihr Bruder die Vorteile des Spießertums, zum Beispiel feste Familienstrukturen und ordentliche Mahlzeiten, den gar nicht so ekligen Verzehr toter Tiere eingeschlossen. Beharrt Lili in der Schule zunächst darauf, selbst zu wissen, was gut für sie ist –Hausaufgaben gehören nicht dazu –, passt sie sich doch bald an. Sie will dazugehören, und auch unter den Dorfbewohnern gibt es welche, die tolerant sind und ganz ohne guru-gesteuerte Erleuchtung das Herz am rechten Fleck haben.

Doch vor dem Happy-End muss noch ein herzzerreißender Mutter-Tochter-Konflikt durchlebt werden, und beim Dorffest, das die heile Welt feiert und das die Bhagwan-Jünger zur Versöhnung der Gegensätze nutzen wollen, fliegen erst einmal die Fäuste. Ein Ausblick skizziert augenzwinkernd die Rückkehr der Kommune-Mitglieder ins bürgerliche Leben in den folgenden Jahren. Das Leben in Orange war eine Phase – sie ist vorbei, nicht ohne Spuren in den Lebensläufen hinterlassen zu haben.

Während des Abspanns sollte man noch nicht aus dem Kino gehen, sonst verpasst man eine kleine Szene, die zeigt, wie östliche Weisheit auch für das bayrische Eheleben nutzbar gemacht werden kann.

Bewertung: hervorragend

Barbara Wollstein


Sommer in Orange
Komödie: Deutschland 2011
Kinostart: 18. 8. 2011

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