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Das kleine Zimmer

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Das kleine Zimmer
Marc (Eric Caravaca) und Rose (Florence Loiret-Caille)
Foto: Arsenal

Vom Ende und Anfang des Lebens

Die beiden Schweizer Regisseurinnen Stephanie Chuat und Véronique Reymond haben einen kleinen, feinen Film geschaffen, der auf Festivals Erfolg hatte. Er handelt von dem Eigenwillen der Herzen, entsprechend dem Satz von Pascal: »La coeur a des raisons que la raison ne connait pas." (Ein Wortspiel: Das Herz hat Gründe (raison), die die Vernunft (raison) nicht kennt.)

Ausnahmsweise hat der Herzschmerz in diesem Film nichts mit den gängigen erotischen Mann- Frau Konstellationen zu tun. Das Herz des alten Edmond (ein großartiger Theaterschauspieler: Michel Bouquet) wird schwächer, aber er beharrt auf seiner Eigenständigkeit und stemmt sich gegen jede Bevormundung, auch die der ambulanten Altenpflegerin Rose (FlorenceLoiret-Caille). Diese wiederum kann in ihrem Herzen nicht akzeptieren,dass ihr Kind tot geboren wurde. Ihre ins Krankhafte gesteigerte Trauer gefährdet ihre eigene Gesundheit, ihre Arbeitsfähigkeit und nicht zuletzt ihre Ehe mit Marc (Eric Caravaca). Symbol ihrer unerfüllten Hoffnung und Liebe ist das »kleine Zimmer«, mit aller Sorgfalt als Kinderzimmer eingerichtet, nun nutzlos, trotzdem unverändert bewahrt wie ein Heiligtum.

Was das Kinderzimmer für Rose ist, sind für Edmond seine vielen Pflanzen, die der Misanthrop liebevoll pflegt,und von denen er sich keinesfalls trennen will, was er aber müsste, wenn er ins Altenheim käme, wie sein Sohn es plant.

Die Geschichte ist vorhersehbar. Edmond erleidet einen Schwächeanfall, verliert seine Selbständigkeit, seine Wohnung, seine Pflanzen. Rose, deren Mann beruflich abwesend ist, bewahrt Edmond illegal vor dem Altenheim und lässt ihn bei sich wohnen. Gegen ihren Willen bemächtigt er sich des kleinen Zimmers. In der Auseinandersetzung darüber kann sie endlich von ihren Gefühlen sprechen. Es gibt ein Foto-Album, das die Schwangerschaft dokumentiert, dann folgen nur noch leere Seiten, ein starkes Bild.

Für Rose besteht Hoffnung, sie ist jung und hat einen liebevollen Mann. Alles ist noch möglich. Doch wie kann Edmond seine Selbstbestimmung und Würde bewahren? Er versöhnt sich mit seinem Sohn. An der Entfremdung zwischen ihnen war er nicht unschuldig. Dann muss er alle verbliebene Kraft zusammenraffen und Tricks anwenden, um seinen eigenen Weg zuEnde zu gehen.

Nicht der Gang der Handlung ist in diesem Film spannend, sondern die allmähliche Aufdeckung der Gefühle, die in immer tiefere Schichten vordringt. Den Autorinnen und Regisseurinnen ging es auch darum, die Schwierigkeiten der (Schweizer) Gesellschaft im Umgang mit den Alten zu thematisieren. Eine normierte, die Freiheit einschränkende Fürsorge, oder legale und kommerzialisierte Sterbehilfe – sollte es nicht dazwischen noch eine menschlichere Variante geben?

Bewertung: sehr gut

Barbara Wollstein



Das kleine Zimmer
von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond
mit Michel Bouquet, Florence Loiret-Caille und Eric Caravaca
Schweiz/Luxemburg 2010, 87 Min.
Starttermin: 29.9.2011
   
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