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Frauenzimmer

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Frauenzimmer
Foto: www.lighthouse-kg.com

Für Emanzipation ist es nie zu spät

Der Titel des Films ist doppeldeutig. Handelt es sich um das Zimmer einer Frau oder ist es das altertümlichere Wort für eine Frau? Virginia Woolf schrieb ihrerzeit ein Manifest für die Selbstbestimmung der Frau. Als Symbol dafür wählte sie das »für jede Frau eigene Zimmer«, »ein Zimmer für sich allein«, wie auch der Titel ihres Buches lautet.

Ähnlich kann der Titel dieses Films als Symbol betrachtet werden, denn er erzählt von drei Frauen und darüber, wie sie sich ihre Freiheit und Selbstbestimmung gegen viele Hindernisse erkämpft haben. Es geht um Reifeprozesse, um das Ablegen falscher Konventionen und um den Mut, die beizeiten selbst auferlegten Grenzen zu überschreiten.

Das Außergewöhnliche dieser Geschichten ist, dass ihre Protagonistinnen drei nicht mehr junge Prostituierte sind. Christel ist 58, Karolina 64 und Paula 49. Sie haben den Weg in die Prostitution freiwillig eingeschlagen. Christel, weil sie die Sexualität erst mit 50 als heilend und wohltuend erlebte, nachdem sie manisch-depressiv gewesen war, und nun mehr davon wollte. Paula, weil sie damit ihre finanzielle Selbstbestimmung und damit auch die Freiheit aufrechterhalten konnte, nachdem ihr vorheriges Leben in der DDR mit neun Jahren Gefängnis endete. Karolina, weil sie die in der engen Atmosphäre ihres Elternhauses lang eingesperrten und verdrängten Bezirke ihrer Dominaseele so auf das Beste ausleben kann.

Die drei Frauen werden in ihrer Welt liebevoll gefilmt, Familienmitglieder kommen zu Wort. Wir erleben die Frauen nicht nur als Huren, sondern auch als Mütter, Großmütter und Geliebte. Der Zuschauer kann nicht anders, als diese Personen zu mögen. Sie werden ihm vertraut durch intime Einblicke in ihre Seelen. Keinen Moment langweilt der Film. Die Frauen erzählen über ihre Arbeit, ihre Gefühle, ihre Vergangenheit, ihre Zukunftsträume, mal lustig, mal melancholisch. Sie erzählen ihre Geschichten unprätentiös und ehrlich. Es tut gut, die Prostitution hier mal aus einer anderen Perspektive kennenzulernen, nicht nur als auferlegten Zwang, unter dem Osteuropäerinnen in deutschen Bordellen wie Sklavinnen gehalten werden, sondern als ein Mittel der Identitätsfindung und Heilung.

Der Film beeindruckt durch seine unaufdringliche Intensität der Bilder und nicht zuletzt durch die tolle Musik. Die Regisseurin des Filmes Saara Aila Waasner ist gerade mal 30. Wir freuen uns auf ihre filmische Zukunft, die uns allen noch viel intelligentes Ver - gnügen bereiten wird.

Bewertung: sehr gut

Julia Koloda

Frauenzimmer, Regie: Saara Aila Waasner, November 2011, 14,99 Euro

   
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