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Kaddisch für einen Freund

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Kaddisch für einen Freund
Foto:www.filmstarts.de

Vorurteile und Versöhnung

Der Filmemacher Leo Khasin ist 1973 in Moskau geboren und lebt seit 1981 in Deutschland. »Kaddisch für einen Freund« ist sein 2011 bereits mehrfach preisgekröntes Langfilm-Debüt.

Zum Inhalt: In einem Berliner Plattenbau lebt unter anderem die Familie des 14-jährigen palästinensischen Flüchtlings Ali (Neil Belakh - dar). Er ist in Deutschland nur geduldet. Im gleichen Haus wohnt der 84-jährige russisch-jüdische Emigrant und Kriegsveteran Alexander Zamskoy (Ryszard Ronczeewsi). Das erste Aufeinandertreffen der beiden Mietparteien verläuft noch glimpflich, wenn auch Vorurteile deutlich im Raum stehen.

Ali sucht Anschluss an andere pa - läs tinensische Jugendliche im Viertel. Sie sind älter als er, mit einigen ist er verwandt. Um seinen Mut und seine Zugehörigkeit zu beweisen, muss er sich gegen seinen Willen an einem Einbruch in die Wohnung des alten Juden beteiligen. Die Jugendlichen verwüsten die Einrichtung und schmieren antisemitische Parolen an die Wände. Nur Ali wird erwischt und angezeigt. Das ist fatal für ihn und seine Familie. Um das Schlimmste zu verhindern und Alexander Zams koy zur Rücknahme der Anzeige zu bewegen, bleibt Ali nichts anderes übrig, als tätige Reue zu zeigen, die Wohnung mit dem alten Mann aufzuräumen und zu renovieren. Alexander ist nicht begeistert und misstrauisch, Ali genervt. Doch wie vorherzusehen, kommen sich die beiden bei der Arbeit allmählich näher. Aus anfänglicher Feindseligkeit wachsen Verständnis, Vertrauen, schließlich Versöhnung und Freundschaft.

Khasin erzählt die Geschichte locker und mit tragikomischen Elementen. Die Hauptdarsteller wirken glaubwürdig und authentisch. Die jeweilige Geschichte und Herkunft der Kontrahenten wird skizziert. Die Botschaft ist optimis - tisch: Mit beiderseits gutem Willen kann man Vorurteile überwinden und in dem vermeintlichen Gegner den Menschen mit seiner individuellen Persönlichkeit sehen. Jeder entwickelt Respekt für die Kultur und persönlichen Ziele des anderen.

Das funktioniert aber höchstens im Kleinen und wenn man das Große und Ganze beiseite lässt. Als ich den Film sah, fiel mir auf, was hier nicht gezeigt wird: das wirkliche Problem zwischen Israel und den Palästinensern. Warum flüchten Palästinenser, Israelis aber nicht? Ein alter russischer Jude kann mit Recht sagen, das gehe ihn nichts an. In seiner Gemeinde geht es würdig im Kultus und humorvoll im persönlichen Umgang zu. Der Status dieser Immigranten ist mit dem viel unsichereren der Palästinenser nicht zu vergleichen. Alle Juden im Film sind sympathisch gezeichnet, von den Palästinensern nur Ali und seine fürsorgliche, um Vermittlung bemühte Mutter. Die Männer sind Machos, mehr oder weniger gewalttätig. Das mag es so geben, dennoch habe ich es als parteiisch empfunden. Wie sähe der Film eines Palästinensers zum gleichen Thema aus?

Bewertung: gut

Barbara Wollstein


Infos zum Film aufs Bild klicken

Deutschland 2011
Drama
Laufzeit: 93 Min.
FSK: ab 12 Jahre
Kinostart: 15. März 2012

   
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