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Martha Marcy May Marlene

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Martha Marcy May Marlene
Foto: 20th Century Fox

In der Sekte gefangen

Die Landkommune im Mitt leren Westen wirkt harmlos, vielleicht ein wenig verschroben. Erst essen die Männer, dann die Frauen. Aber alle sind guter Dinge, gesund und jung. Ein Mädchen schnappt sich ihr Bündel und haut ab. Das geht ganz einfach, da ist kein Zaun, sie läuft über die Straße und verschwindet im Wald.

In der Kleinstadt angekommen, isst sie hastig in einem Imbiss. Einer der Kommunarden kommt und setzt sich dazu. Er fragt, ob sie nicht mit ihm zurück fahren wolle. Sie sagt nein, er geht. Martha (Elizabeth Olsen) ruft ihre Schwester an. Sie ist nervös und lässt sich schließlich abholen. Erst einmal wird sie bei ihrer älteren Schwester (Sarah Paul - son) und ihrem Mann (Hugh Dancy), die beide mit der Landkommu - ne nichts zu tun haben, in deren kom fortablen Ferienhaus an einem See bleiben.

Die Schwester hatte sich Sorgen um Martha gemacht, die nach dem Tod der Eltern bei einer ungeliebten Tante aufgewachsen und dann verschwunden war. Dass mit Mar - tha etwas nicht stimmt, deutet sich im Film sachte an und wird immer unübersehbarer. Sie verhält sich zunehmend merkwürdig und für ihre Gastgeber inakzeptabel. In ihrer Erinnerung tauchen Szenen aus der Kommune auf, die eine Art Sekte ist. Es gibt zwar keine religiösen Dogmen, aber feste Regeln, und alles ist auf den charismatischen Anführer Patrick (John Haw - kes) ausgerichtet. Der scheint wie ein freundlicher großer Bruder zu sein, singt zur Gitarre und kümmert sich um alle liebevoll. Doch er macht sich auf raffinierte Weise alle gefügig. Den freien Sex in der Kommune manipuliert er, wie es ihm passt. »Sportliche« Schieß - übungen münden in die sinnlose Tötung wehrloser Tiere. Gewalt untereinander wird kontrolliert, aber gegenüber den verachteten »Normalos«, besonders wenn sie etabliert und wohlhabend sind, bedenkenlos und zynisch eingesetzt.

Das ist Martha zu weit gegangen, aber Patricks Weltanschauung hat sie übernommen. Sie wirft ihrem Schwager vor, nur an seine Arbeit als Architekt und an Erfolg zu denken. Als er sie wütend fragt, was denn ihre Vorstellung von einem sinnvollen Leben sei, sagt sie: »einfach existieren«. Es stellt sich schnell heraus, dass sie keinerlei Konzept hat, wie das, womöglich von vielen oder gar allen, verwirklicht werden könnte. Martha wird von der Gehirnwäsche in der Sekte wieder eingeholt. Sie ruft dort an und setzt so ihre ehemaligen Genossen auf ihre Spur. Anzeichen einer krankhaften psychischen Verwirrung mit Verfolgungswahn machen sich bei ihr bemerkbar, und doch sind sie und ihre Verwandten auch in echter Gefahr.

Faszinierend an diesem Spielfilmdebut von Regisseur Sean Durkin ist die ruhige, realistische Erzählweise, mit der ein Kippen der Sichtweise bewirkt wird. Martha erscheint zunächst natürlicher und we niger verklemmt als ihre Schwes - ter. Die alternative Kommune, in der fröhlich im Garten gearbeitet wird und überflüssiger Konsum verpönt ist, wirkt sympathisch. Freie Liebe — wunderbar! Aber da wird mit subtilem bis deutlichem Druck der Freiwilligkeit nachgeholfen, Abhängigkeit sorgfältig aufgebaut, die »Werte« der Gemeinschaft und der Wille des monomanen Anführers werden absolut gesetzt. Der Film ist ein Gänsehaut verursachendes Lehrstück über die Verstrickung in eine Sekte und die zerstörerischen Folgen.

Bewertung: sehr gut

Barbara Wollstein


USA 2011
Drama
Laufzeit: 102 Min.
FSK: 12
Kinostart: 12. April 2012

   
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