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Der Karski-Bericht

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Der Karski-Bericht
Foto: Arte Edition

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Ich werde berichten und ich tat es!« Mit diesen Worten endete das erschütternde Zeitzeugengespräch mit Jan Karski in Lanzmanns Dokumentarfilm »Shoah«. Unvergessen bleibt jedem Zuschauer das blanke Entsetzen in den Gesichtszügen Karskis, als er um Fassung ringend von dem erzählt, was er gesehen hatte. 1942 war er von jüdischen Widerstandskämpfern ins Warschauer Ghetto und in ein Konzentrationslager eingeschleust worden, um als »Botschafter und Zeuge des Holocaust « der Welt von der Vernichtung der Juden in Europa Bericht zu erstatten. »Es handelte sich um eine nie da gewesene Form des Verbrechens, davon musste ich die Welt in Kenntnis setzen«.

Aus dem zweitägigen Gespräch mit dem ehemaligen polnischen Widerstandskämpfer und Kurier des besetzten Polens, Jan Karski, hat Claude Lanzmann 2010 einen eigenständigen 45- minütigen Dokumentarfilm gemacht.

Er enthält die Gespräche des Folgetages, in denen der am ersten Tag von seinen Erinnerungen überwältigte Karski seine Fassung weitgehend wiedererlangt hat. Nun wird der polnische Patriot sichtbar, für den das Schicksal des eigenen Volkes erklärtermaßen an erster Stelle und die Rettung des jüdischen Volkes vor dem Völkermord erst an zweiter Stelle stand. Ist es ihm zu verdenken an gesichts des entsetzlichen Schick sals seines eigenen Volkes unter der deutschen Besatzung? Schmälert dies den Mut, mit dem er wiederholt sein Leben riskierte, um die Gräueltaten am jüdischen Volk zu bezeugen? Doch wie reagierten die führenden Vertreter der freien Welt – unter ihnen der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt – auf seine ungeheuerlichen Berichte vom Völkermord an den europäischen Juden?

All dies schildert Jan Karski in eindringlichen Worten und wirft damit für die Zuschauer die Frage auf: Haben die Alliierten genug getan, um die europäischen Juden zu retten? Wir erfahren von dem Schweigen Roosevelts auf Karskis Bericht aus dem Warschauer Ghetto, wir erfahren von den jüdischen Reaktionen in der freien Welt auf die Berichte des »Botschafters des Holocaust«: »Ich glaube Ihnen nicht! Nein, nein, nein! Ich kenne die Menschen, ich kenne die Menschheit, das ist völlig ausgeschlossen«, rief Felix Frankfurter, Richter am obersten Gerichtshof der USA und selbst jüdischer Abstammung, Karski erschüttert entgegen. »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar«, schrieb uns Ingeborg Bachmann in das Stammbuch der Nachkriegsgeschichte. Was geschieht, wenn Menschen sich mit einer unvorstellbaren Wahrheit konfrontiert sehen und diese als unzumutbar zurückweisen, davon legt dieser kurze Film eindrückliches Zeugnis ab.

Da es nichts Vergleichbares in der Geschichte der menschlichen Zivilisation gab, so Karski, war es Menschen in der freien Welt unvorstellbar, dass ein solches Maß an Unmenschlichkeit überhaupt möglich sei. Darin erblickte er selbst den Grund, weshalb seine Berichte über den Holocaust in der freien Welt auf taube Ohren trafen. Die Zuschauer werden sich an dieser Stelle unweigerlich der Frage stellen müssen, ob die Alliierten die Wahrheit nicht hören konnten oder ob sie diese vielleicht nicht hören wollten. Der Film Lanzmanns gibt daher nicht nur einen tiefgehenden Einblick in die Geschichte der Shoah, sondern ist zugleich auch Ausgangs punkt weitreichender Überlegungen und Diskussionen. Für den Zeitzeugen und Botschafter des Holocaust Jan Kars ki war es bis zuletzt unbefassbar, was er gesehen hatte und bezeugen musste: »Ich kann es nicht fassen! Was ich sah an Vernichtung der Juden, ist mir unbegreiflich.«

Bewertung: 3 gut

Christa Spannbauer

Der Karski-Bericht
Dokumentation
Arte Edition 2012
14,99 Euro

   
© Connection AG 2015