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Nathalie küsst

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Nathalie küsst
Nathalie (Audrey Tautou, vorne rechts)
© 2011 Concorde Filmverleih GmbH

Das ideale Paar

Klaus-Jürgen Becker legt uns die französische Komödie »Nathalie küsst« ans Herz, einer der berührensten Filme, die er je gesehen hat. Der französische Autor David Foenkinos hat seinen Bestseller selbst ins Kino gebracht. Audrey Tautou (»Die wunderbare Welt der Amelie«) spielt darin mal wieder eine bittersüß Liebende.

Wie der euphorische erste Satz einer klassischen Sinfonie beginnt der Kinofilm mit der Liebesgeschichte eines »idealen Paares«, bei dem der Mann unerwartet durch einen Unfall stirbt und seine Frau Nathalie sich nach dem Tod ihres Mannes in die Arbeit stürzt und ansonsten keinen Mann mehr an sich heran lässt, bis sie dem trotteligen, aber gutmütigen Markus begegnet und ihn unerwartet küsst.

Es ist nur selten so, dass ich einen Regisseur »begnadet« nenne, vielleicht liegt dies auch daran, dass ich meinen ganz eigenen Geschmack habe. Die Bilder und Szenen in dem Film sind kurzweilig, aber sie sind auch voller Tiefe und prosaischer Schönheit. Der Regisseur arrangiert die Szenen einfühlsam und vermeidet die in modernen Szenen oftmals übliche Effekthascherei. Bewusst vermeidet es der Regisseur den Zuschauer direkt mit Szenen von Tod und Gewalt zu konfrontieren – erst aus dem Sinnzusammenhang lässt er den Zuschauer erkennen, was geschehen ist. So bleibt die Seelentiefe erhalten, vielleicht ähnlich einer guten Sinfonie von Sibelius: Stark, gesund und voller Tiefe.

Das Zusammenspiel der Farben und Szenen lädt den Zuschauer ein, bewusster Teilnehmer am Geschehen zu sein. Kurzweil und Seelentiefe geben einander in einer gut abgestimmten Synergie die Hand, so viel ein kunstvoll bereitetes Mahl. Was mich besonders berührt ist die nahezu alchemistische Begegnung zwischen Nathalie und dem einfachen, nicht besonders attraktiven, aber aus dem Gefühlsreichtum nährend gebenden Markus. Markus erinnert in seiner Einfachheit an den homöopathischen Barium-Typen, jedoch von großer Gestalt mit beginnender Kopfglatze ist im Grunde genommen der Seelenkönig, der sich allerdings erst im Laufe des Films als der Schatz entpuppt, den Nathalie an Land gezogen hat. Dass Nathalie für sie selbst unerwartet Markus geküsst hat, später aber an ihrer Tat zweifelte, zeigt, dass das Unbewusste bzw. das Herz über die Dinge der Liebe oftmals mehr weiß als der Verstand. Schonungslos zeigt der Film die Hohlheit und Leere einer nur auf Glamour aufgebauten Welt und ihrer »Spielchen« auf. In deutlichem Kontrast dazu steht die Liebesbeziehung zwischen Nathalie und Markus und auch die herzensweise Großmutter von Nathalie, welche offenbar in der Lage ist, hinter die Fassaden der Menschen zu blicken.

Die Schlussszene in dem Film war für mich so erschütternd wie der Schlag eines Zen-Meisters – im positiven Sinne. Alles in dem Film arbeitet, ohne dass es der Zuschauer bemerkt, auf den entscheidenden »Zen-Koan« am Filmende hin. Als der Film vorbei war, blieb ich wie angerührt lange Zeit im Kino sitzen – mir liefen die Tränen. Ich wusste, der Film meint mich – er meint jeden von uns. Er kündet auf seine unaufdringliche Art dezent von der großen Liebe zwischen Anima und Animus in uns, der inneren Liebesgeschichte von Ur-Mann und Ur-Frau, die sich seit Anbeginn der Zeit suchen und im Herzen finden. Da ich nicht spoilern möchte, behalte ich die Schlussszene für mich. Ich kann jedem nur empfehlen, diesen Film mit der größtmöglichen Bewusstheit und Aufmerksamkeit in sich aufzunehmen.

Jeder von uns kennt das Gefühl, Abschied nehmen zu müssen, das Rad nicht mehr zurück drehen zu können, von da an in der Vergangenheit und den Erinnerungen zu leben und sich der Gegenwart – und damit einer neuen Zukunft – zu verschließen: Das Schönste des Lebens, der Höhepunkt, liegt hinter mir, die Zukunft wird niemals so schön sein wie das, was ich einmal erlebt habe.

In solchen Situationen erinnere ich mich an den Rat meines Vaters: Am Bahnhof des Lebens nicht auf die Züge zu schauen, die bereits abgefahren sind, sondern auf jene, welche erst noch ankommen. Und auch in meinem eigenen Leben wurde ich immer wieder angenehm überrascht damit, dass die Gegenwart sich mir in einem neuen, wundervollen Gewand zeigte und Erfüllung, Gnade, Beglückung immer »jetzt« möglich ist.

Bewertung: hervorragend

Klaus-Jürgen Becker


Nathalie küsst
Regie: Stéphane Foenkinos
Komödie, Frankreich 2011
Kinostart: 12. April 2012

   
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