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Slow Sex

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Slow Sex
Diana Richardson

Mut zur Entschleunigung im Bett

»Slow Sex, was ist das?«, mag sich mancher Leser fragen. Die Filmemacher stellten die Frage nach dem veränderten Sexleben Paaren und vor allem Männern, die bereits Kurse in Slow Sex besucht haben. In vielen Interviews geben diese Männer und ihre Frauen anfängliche Bedenken preis und sprechen über die Verwunderung und schließlich die Begeisterung für ein reduziertes Tempo im Bett. Denn genießen kann Mann und Frau viel besser, wenn viel Zeit für die Lust vorhanden ist. Am besten reserviert sich das Paar zwei bis drei Stunden zu einem festen Termin und stimmt sich darauf ein. Es ist gut, vor dem Zusammentreffen etwas zu tun, das einen selbst besser im eigenen Körper verankert, Yoga, Tai Chi oder auch Tanzen. Raus aus der Kopfsteuerung lautet die Devise. Weg vom Leistungsdruck im Bett.

Diana Richardson berichtet im Film über ihre jahrelangen Erfahrungen als Therapeutin. Sie gibt zusammen mit ihrem Ehemann Michael Kurse in »Making Love«, Tantra und Meditationsretreats, die bereits Monate vorher ausgebucht sind. Die Nachfrage für Slow Sex nimmt laufend zu. Nach ihrer Motivation befragt, berichten Kursteilnehmer, ihnen fehle die Liebe, das Glück und die Intensität in der Beziehung. »Erfüllter Sex ist wie Medizin für den Menschen«, sagt Diana erklärend. Wichtig sei, die sexuelle Konditionierung zu erkennen, meint dazu ihr Mann (er ist Sexualtherapeut), denn konventioneller, auf Leistung ausgerichteter Sex wurde uns beigebracht.

Männer leisten genug im Alltag, Frauen selbstverständlich auch. Beim Slow Sex ist jedoch keine Leistung gefragt, und auch eine bleibende Erektion muss nicht unbedingt sein. Des Mannes bestes Stück kann sich in die Vagina hinein entspannen. Wer stundenlang in entspannter, stiller Vereinigung liegt oder sitzt, merkt, wie Vagina und Penis sich aufeinander einstimmen. Dieses mit Worten kaum fassbare Einstimmen wiederum fördert die Lust. Vagina und Penis kommunizieren mittels eines energetischen Austausches. Wer das einmal erlebt hat, möchte diese Erfahrung gerne wiederholen. Die Bewegung im Becken folgt dann mit Steigerung der Erregung irgendwann – zum richtigen Zeitpunkt – von selbst.

Der Akt ist dann kein Machen mehr. Die Intimität entwickelt sich aus und in der Langsamkeit. Dabei hilft es Paaren, sich ganz bewusst auf die Beckenregion zu konzentrieren. Was passiert da, wie fühlt es sich für die Frau an, wenn sie penetriert wird, ohne dabei sofort den Reiz der Reibung zu spüren? Ihre Vagina öffnet sich in ihrer Fülle und Weichheit. Der Penis nimmt die gesteigerte Bereitschaft zur Hingabe energetisch auf und wächst von ganz alleine. Er fühlt sich aufgenommen, begehrt und kann beginnen, mit der Vagina zu spielen. Vor allem Männer mit Erektionsstörungen finden so wieder zu einer lustvollen Sexualität zurück. Und Männer, die zu früh kommen, haben alle Zeit der Welt, um langsam zu kommen.

Wenn dieser Lernschritt erst einmal getan ist, vertieft sich die Beziehung fast automatisch. Die Paare teilen etwas, was normalen Paaren, die sich mit immer mehr Stimulationen reizen, um überhaupt noch zu kommen, fehlt. Wie es besser zusammen gehen kann, zeigen die einzelnen Kapitel des Filmes: Entspannung, Achtsamkeit, weicher Blick, Kommunikation, bewusste Berührung. Höhepunkt und Entladung. Gefühle und Emotionen. Slow Sex im Alltag. Mit allen Sinnen den Moment zu erfassen, ist die Essenz von Slow Sex. Dennoch ein Einwand. Was mir in diesem Film fehlt, ist die Ansprache der Millionen leidender Männer, die sich mit immer mehr Stimulanzien versorgen, dabei aber trotzdem auf Dauer die Lust verlieren. Sie werden hier nicht angesprochen, weil die Sprache in diesem Film das Publikum zu sehr auf ein esoterisch-alternatives einschränkt.

Bewertung: sehr gut

Irene Siegl

Slow Sex.
Wie Sex glücklich macht.
Der neue Stil des Liebens
Innenweltverlag 2012
17,99 €

   
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