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Der atmende Gott

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Der atmende Gott

Die Wurzeln des modernen Yoga

Der moderne Yoga, der täglich von Millionen Anhängern in aller Welt praktiziert wird, geht nach indischer Überlieferung unmittelbar auf Gott Shiva zurück. Zugleich ist der moderne Yoga aber eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts, eine Erfindung des indischen Gelehrten Tirumalai Krishnamacharya. Diese Geschichte ist weit weniger bekannt, und von ihr handelt der Film »Der atmende Gott«.

Neulich gingen zwei meiner Teilpersönlichkeiten, der Al und der Fred, den Film »Der Atmende Gott – Reise zum Ursprung des modernen Yoga« von Jan Schmidt-Garre anschauen. Fred sagte nach dem Film zu Al: Typisch westlicher Film über Yoga, körperliche Übungen ohne Ende. Die uralten religiösen oder weltanschaulichen Grundlagen des traditionellen Yoga wurden kaum erwähnt. Al hingegen sagte: Aber das Hatha Yoga ist nun mal die bekannteste Variante im Westen, und deren Ursprünge sind durchaus interessant. Wer hat schon so viele Urväter des modernen Yoga in einem Film vereinigt gesehen? Die historischen Aufnahmen von Krishnamacharya, dem Vater des modernen Yoga, die Interviews mit Pattabhi Jois, seinem Meisterschüler, der während der Dreharbeiten starb, und vom legendären Iyengar, der bereits Yehudi Menuhin Yoga beibrachte, die sind doch einmalig! Das zeigt die verschiedenen Yogastile.

Wenn man bedenkt, dass Millionen Fans in aller Welt von Asanas begeistert sind und sie praktizieren, ist das doch besonders für sie hochinteressant! Fred: 80% der Menschen, die Yoga hierzulande machen, seien Frauen, heißt es. Al: Mag sein, aber das ist auch ein gesellschaftspolitisches Verdienst Krishnamacharyas. Yoga für alle, das war damals gar nicht selbstverständlich, besonders nicht für Frauen. Und wie fandst Du die alten Schwarzweißaufnahmen aus den 30er Jahren, von ihm selbst, seinen Schülern, seiner Frau und seinen Kindern?

Fred: Ja, die sind Klasse. Was die sich an Körperbeherrschung erarbeitet haben, das bewundere ich wirklich. Obschon sie sicher nicht immer nur aus Freude ge - übt haben, vor allem da Krishna - macharya so streng war. Sein Schwa ger, der Angst vor seinen Händen aus Stahl und seinen Ohrfeigen hatte, scheint ihm das ja etwas übel genommen zu haben. Er behauptet, Yoga sei immer angesehen worden als etwas für Scharlatane und Halbdebile, erst im letzten Jahrhundert sei es salonfähig geworden. Krishnamacharyas Tochter vermied es deshalb in ihrer Schulzeit, zuzugeben, dass ihr Vater Yogalehrer war. Al: Yoga gibt es aber schon seit ewigen Zeiten. Krishnamacharyas Sohn führte uns ja in den Krishnatempel, den sein Vater besuchte. Dort sieht man das Bild von einem der wichtigsten Götter, Narasimha, sitzend das erste Asana der Mythologie ausführend.

Es ist der atmende Gott, der Gott in Meditation, an dessen Atem wir partizipieren, wenn wir Yoga machen. Fred: Er sieht aus wie der Hund meiner Nachbarin, mit drei Frauen zu seinen Füßen. Aber Yoga ist doch mehr als nur Atmen. Es wurde deutlich in einem der zahlreichen Interviews des Filmes gesagt, dass die Kontrolle des Körpers hin zur Kontrolle des Geistes führen müsse, sonst könne man nicht von wahrem Yoga sprechen. Ausdauer und Konzentration gehören auch dazu.

Al: Ob das Yoga nun aus mythischen Zeiten stammt oder erst mit Krishnamacharya richtig begann, empfindet Jan Schmidt- Garre als nicht so unwichtig, denn er sagt, mechanisch ausgeführt, ist auch das älteste Asana nicht mehr als eine Demutsübung, aber mit Konzentration und dem richtigen Atem verwandelt es sich und beginnt zu wirken, dann ist es Yoga. Fred: Ich muss trotzdem sagen, dass ich diesen eine Stunde 40 Minuten dauernden Film mit den vielen Interviews etwas langatmig fand. Eine interessante Reportage, aber auch nicht mehr. Es fehlte die zusammenhängende Geschichte, um wirklich spannend zu sein. Aufnahmen aus vielen Jahren wurden irgendwie zu diesem Film verknüpft. Besonders die Szenen, wo Jan Schmidt-Garre selber übte, hätte man von mir aus getrost weglassen können.

Al: Das sagst du so, aber nur so konntest du die Meister in Aktion sehen. Und es wurde gezeigt, dass Yoga auch für normale und auch für ältere Menschen erlernbar ist. Fred: Mag sein, aber ich zog dann doch die Szenen aus dem Indien von heute vor. Und ich war froh über die deutschen Untertitel des Films. Würde sagen, der Film war ganz ok. Al: Ich fand ihn sehr gut. Fred: Okay, einigen wir uns auf ein »gut«!

Bewertung: gut

Alfred Groff

Der Atmende Gott – Reise zum Ursprung des modernen Yoga, Regisseur: Jan Schmidt-Garre, MFA+ 2012, 15,99 €

   
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