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Tag und Nacht

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Tag und Nacht
Anna Rot (r.) und
Magdalena Kronschläger gehen anschaffen

Königinnen des Zwiespalts

»Tag und Nacht«, so lautet der Filmtitel und der Name der zwielichtigen Escort- Agentur, für die Hannah und Lea, zwei Studentinnen aus Wien, arbeiten. So unterschiedlich wie Tag und Nacht sind Lea und Hannah äußerlich und so wie jene gehören diese zusammen. Lea bemüht sich um die Aufnahme in die Schauspielschule, Hannah versucht ihre Prüfungen in Kunstgeschichte abzulegen. Daneben läuft das parallele Leben des schnellen und relativ leicht verdienten Geldes.

Es geht ums Geld und es geht darum, die Kontrolle über die anderen zu erhalten, wenn schon im eigenen Privatleben alles schief läuft. Es geht um Macht, es geht darum, eine Königin zu sein im Reich der Männer.

Teilnahmslos beobachten sie die Männer, wie sie besinnungslos über den weiblichen Körper herfallen, lassen sich dafür bezahlen, dass sie die schmutzigen geheimen Vorlieben der anderen kennenlernen, und stellen die Regeln auf, wie und was zu geschehen hat. Ein Oszillieren zwischen dem Beherrschen und Beherrscht-Werden fasziniert die jungen Frauen nicht weniger als das schnelle Geld. Und so wälzen sie sich unter geilen und schwitzenden Männern in Strapsen, Männern mit ödipalen Phantasien, Männern aus dem höchsten Management, Männern, die ihre Frauen betrügen, Männern, die schlagen.

Und irgendwie kann es doch nicht so weitergehen. Die Versuche, eine richtige Beziehung aufzubauen, in der es Geborgenheit und Liebe gibt, scheitern bei beiden. Auch beruflich kommen sie nicht weiter, und schließlich findet sich die Beziehung der beiden Frauen auf die Zerreißprobe gestellt. Hannah geht nach Berlin, Lea meldet sie bei ihrem gemeinsamen Zuhälter als tot, und das Ende bleibt offen. Alles ist kaputtgegangen, und die Frage, ob es wenigstens für eine der jungen Frauen einen Neuanfang gibt, beantwortet der Film nicht eindeutig.

Der Regisseurin gelingt es, ohne Kitsch und Getöse eine fesselnde Spannung aufrecht zu erhalten. Auch wenn man am Anfang des Films den Frauen nicht das Studentinnenalter abkauft, so freundet man sich doch schnell mit den Schauspielerinnen an und ist nach kurzer Zeit bedingungslos bereit, mit ihnen ihre Schmerzen und ihre Freuden zu teilen. Man kann nicht anders, als sie ins Herz zu schließen und über ihre komplexen Charaktere und Lebensgeschichten zu staunen. Der Film kommt fast ganz ohne Gewalt und Waffen aus. Er berührt leise und still.

Bewertung: sehr gut

Julia Koloda

Tag und Nacht
Drama, Österreich 2011
Regisseur: Sabine Derflinger
DVD 101 Minuten, FSK 16

   
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