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Regisseur Florian Opitz. Foto: DJV

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Der Protagonist des Filmes ist der Regisseur selbst, Florian Opitz. Er dreht diesen dokumentarischen Film, weil er ein Problem hat, das er auch als gesellschaftliches Problem identifiziert. Er ist jung, wohnt in der Hauptstadt, hat eine Freundin, ein Kind und das Gefühl, dass ihm ständig die Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens fehlt. Diese unangenehme Erfahrung versucht er zu verstehen, indem er nachfragt: Wo ist die Zeit denn geblieben, die wir uns mit der immer schnelleren Technologie angeblich sparen?

Warum ist es überhaupt so, dass man das Gefühl hat, dem Leben hinterher hetzen zu müssen? Hängt es nur mit dem Individuum zusammen oder nicht auch mit dem Gesellschaftssystem? Schließlich geht es für Florian Opitz um die alles entscheidende Frage, die nach dem Sinn seines Lebens. Um Antworten zu bekommen, macht er sich auf den Weg, der räumlich immer weiter führt. Wenn er am Anfang noch bei einem Therapeuten herauszufinden versucht, ob er unter einem Burn-out leidet, fliegt er später nach London und blickt hinter die Kulissen des Aktienhandels, wo ganz ohne menschliches Eingreifen Computer in Millisekunden Kaufoder Verkaufsentscheidungen fällen.

Seine nächste Reise führt ihn nach Patagonien, zum Ex-Chef von Esprit, der sein Leben auf der Überholspur aufgab, um sich der Bewahrung der Erde zu widmen. Auch nach Bhutan verschlägt es den Dokumentarfilmer, wo er herauszufinden versucht, ob das Glück als staatliche Verordnung funktionieren kann. Florian Opitz trifft sehr interessante Menschen auf seinem Weg. Er findet sich im Seminar des Zeitmanagement-Papstes Lothar Seiwert wieder und spricht mit der Star-Unternehmensberaterin der Boston Consulting Group darüber, wie die Geschwindigkeit mit unserer wirtschaftlichen Produktivität zusammenhängt. Auf einer Alm trifft er einen Ex-Broker, der sein Leben umkrempelte, nachdem sein Körper und seine Psyche das reibungslose Funktionieren sabotierten.

Der Professor der Soziologie Hartmut Rosa wird immer wieder eingeblendet und fungiert so als eine begleitende Stimme der soziologischen Sichtweise auf die Verbindung von Zeit, Geld und Individuum. Anfangs verstärken die leichte Musik und die Vorstellung von Florians Familie die Naivität und Authentizität der forschenden Fragen des Protagonisten, der immer sympathisch rüberkommt, weil er nie mit einem erhobenen Zeigefinger moralinsauer wird. So kann sich der Zuschauer sehr gut mit seinen Problemen identifizieren.

Die E-Mail-Flut, das ständig klingelnde Handy, das gehört für uns zu einem nach finanziellem Erfolg strebenden Menschen. Mit dem tieferen Einsteigen in das Thema Burn-out, Überforderung des Individuums und des Planeten werden auch die Bilder schneller, man kann so physisch die Beschleunigung spüren. Es macht Freude, einen sowohl inhaltlich als auch formal intelligenten Film zu sehen. Schließlich liefert der Film keine definitive Antwort, aber einen Hinweis darauf, wie man es gesellschaftlich und privat besser machen könnte.

Bewertung: sehr gut

Julia Koloda

DVD: Speed. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Regisseur: Florian Opitz Lighthouse Home Entertainment 2013 15,99 €

   
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