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Albert Schweitzer

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Albert Schweitzer
Albert Schweitzer

Das Beste in uns

Seit dieser oscarprämierte Dokumentar-Film gedreht wurde, sind erst 57 Jahre vergangen. Beim Zuschauen will man meinen, dass die Welt und die Menschen, die hier gezeigt werden, ob im Elsaß oder in Gabun, in einer fernen Vergangenheit liegen oder gar nie existierten. Vielleicht liegt es daran, dass Albert Schweitzer der Zeit vor den beiden Weltkriegen entstammt und sich unsere Wahrnehmung sowie die Menschen grundlegend verändert haben. Albert Schweitzers Stimme erzählt hinter der Kamera zu nachgestellten Szenen über seine behütete Kindheit als Pfarrerssohn, seine Jugend als Außenseiter, sein Erlebnis des Vögelschießens, welches zum Mitgefühl für die Tiere führte und vom christlichen Gebot des Du-sollst-nicht- Töten beeinflusst war.

Sein unglaublicher akademischer Werdegang, mehrere Promotionen und schließlich der innere Entschluss, das, was man geschenkt bekam, die Sicherheit, den Wohlstand, die Schmerzlosigkeit, die Liebe den weniger Glücklichen weiterzugeben. 1957, als dieser Film gedreht wurde, war Schweitzer 77 Jahre alt. Die Kamera begleitet ihn auf der Schiffsfahrt zu seiner damals bereits in Europa berühmten Klinik in Lambaréné, in Gabun. Schweitzer kommentiert alles, was der Zuschauer sieht, mit für heutige Ohren vielleicht nicht immer politisch korrekten, aber immer sehr liebevollen Äußerungen. Die Klinik, die nach heutigen Begriffen aus elenden Baracken besteht, in denen die Patienten zusammen mit ihren Angehörigen untergebracht sind, lässt die heutigen Zuschauer erschaudern und den Einsatz von Schweitzer und seinem Personal wertschätzen. Beeindruckend ist auch Schweitzers Insistieren auf der Verantwortungsübernahme der Angehörigen und bereits weitgehend gesundeten Patienten für die Gemeinschaft.

Alle sollen mitarbeiten, damit es allen besser geht, das ist die Vorstellung von Albert Schweitzer. Die Arbeitskraft war auch wirklich vonnöten, denn die Klinik sollte weitgehend autonom zu versorgen sein. Auch für den Bau eines entlegenen Komplexes für die Leprakranken wurde jede Hand gebraucht, auch von denen, die vorher nie einen Hammer in der Hand gehalten hatten. Der Umgang Schweitzers mit den Tieren ist bemerkenswert. Im Haus leben Antilopen, Katzen und Gorillababys Seite an Seite mit den Menschen und werden von ihm mit der gleichen liebevollen Art behandelt wie die Menschen. Afrika wurde für Schweitzer zu seiner Heimat. Er führt uns zum Ende des Films wieder in seine frühere europäische Heimat, in das Dorf seiner Kindheit, in dem jeder jeden kennt, und wo er folgerichtig über seinen Tod reflektiert.

Der Film glorifiziert die Person Albert Schweitzers, unbestritten. Das bewirken der Einsatz und die Art der Musik, die die Bilder untermalt, die Kameraeinstellungen, die seine Gestalt in Szene setzen. So würde man heute nicht mehr drehen. Allerdings gibt es heute auch kaum mehr öffentliche Personen, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit so auf ihre ethischen Ziele zu lenken verstehen, wie dies einst Albert Schweitzer gelang. Empfehlenswert ist dieser Film trotz der Glorifizierung, weil dieser Mensch ein Teil unseres kulturellen Gedächtnisses und ein Vorbild für das Beste im Menschen ist.

Bewertung: sehr gut

Julia Koloda

DVD: Albert Schweitzer Mit der Originalstimme Albert Schweitzers als Erzähler. Restaurierte deutsche Fassung des Oscar-prämierten Filmklassikers. Regisseure: Jerome Hill, Erica Anderson absolut Medien 2013 (1957) 13,99 €

   
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