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Filme

Mein Traum oder die Einsamkeit ist nie allein

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<em>Marina Anna Eich</em>
Die Frau: Marina Anna Eich

Das Warten hat ein Ende

»Warten auf Godot« – dieser Titel des berühmten Stücks von Beckett aus den frühen fünfziger Jahren wurde ein geflügeltes Wort und bezeichnet ein sinnloses Warten, das Warten an sich. In dem philosophischen, skurrilen Film »Mein Traum oder die Einsamkeit ist nie allein« des Autor-Regisseurs Roland Reber (bekannt durch »24 / 7 The Passion of Life«) geht der Mann (Wolfgang Seidenberg) einfach weg von zu Hause und trifft Godot (Mira Gittner) auf einer Mülldeponie.

Warten ist also nicht das Thema, eher das Hinschauen. Godot, eine abgesehen von ihrer Lebensweise frisch und normal wirkende Frau, sucht im Abfall und den Exkrementen der Menschen nach dem Besonderen. Sie beherbergt den Mann in ihrem alten Wohnwagen und veranlasst ihn als Mentorin, genauer auf sein Leben zu schauen, aus dem er gerade abgehauen ist. Der Mann, der sich in einer Art Midlife-Crisis zu befinden scheint, ist so exemplarisch, dass er und die anderen Figuren keine individuellen Namen brauchen: Die verlassene Frau (Marina Anna Eich) ist gekränkt und frustriert, die Geliebte (Sabrina Brencher) nur wegen ihres Körpers interessant. Der Vater (Torsten Münchow) kommandiert den Mann noch aus dem Grabe heraus, der Großvater (Wolfram Kunkel) denkt stramm deutschnational und lässt Hitler als »Schacherlteufel« fröhliche Urstände feiern. Der Freund (Andreas Heinzel) reißt einen Witz nach dem anderen, und so weiter.

Die Szenen seines Lebens erscheinen dem Mann in der Form eines expressionistisch-surrealistischen Querschnitts durch die Medienlandschaft, vom Puppenspiel über Filmprojektionen bis zur Talkshow. Das ist formal reizvoll und lenkt den Blick darauf, wie sehr die Medien und ihre Formate unser Bewusstsein beeinflussen und die Raster vorgeben, in denen wir denken und leben.

In dem Film gibt es zwei Ebenen: die nächtlichen Gespräche, Streifzüge und Begegnungen des Mannes und Godots, die eher real zu sein scheinen, weil sie an Außenschauplätzen gedreht wurden, und die Blicke des Mannes auf sein Leben, die als Spiegelungen, Projektionen und auf Bildschirmen verfremdet inszeniert wurden und daher traumartig wirken. Dabei verliert der Zuschauer nie aus den Augen, dass das ganze eigentlich ein Theaterstück ist, in dem jedes Wort vorgegeben und stilisiert ist.

Der Mann betrachtet und bewertet seine Herkunft, seine Beziehungen. Das wühlt ihn auf, und immer wieder fragt er: Warum? Was ist der Sinn? Hilfesuchend wendet er sich an Godot, die einzige Person – vielleicht auch nur sein eigenes tiefstes Inneres -, mit der / dem er erstmals rückhaltlos kommunizieren kann. Godot antwortet wie eine Figur von Sartre oder Camus: Es gibt keinen vorgegebenen Sinn. Der Mensch ist in sein Dasein geworfen und erfindet sich selbst durch seine Handlungen, für die er die volle Verantwortung trägt. Nicht gerade tröstlich, aber mehr Gewissheit gibt es nicht.

Der ungewöhnliche und erfreulich unzeitgemäße Film wurde von der wtp international GmbH produziert. In diesem kreativen Team um den Autor, Regisseur und Produzenten Roland Reber, der sich gar nicht erst um Förderung und Koproduzenten bemüht, übernehmen Schauspieler auch weitere Aufgaben wie Schnitt, Musik oder Organisation. Von der Herstellung bis zur Pressebetreuung liegt alles in denselben Händen. So entsteht große Unabhängigkeit und zugleich Geschlossenheit. Mainstream ist das jedenfalls nicht. Schon deshalb wünschen wir den Machern Erfolg und noch mehr solcher mutiger Projekte!

Bewertung: 4 von 5 Sternen

— Barbara Wollstein

Mein Traum oder die Einsamkeit ist nie allein
Dramödie von 2007
wtp international
13,99 €

   
© Connection AG 2015