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Durst

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<em>Durst</em>
Foto: © MFA

Die sonderbare Geschichte eines katholischen koreanischen Vampirs

Der Film »Durst« des Südkoreaners Chan-wook Park hat dieses Jahr den Publikumspreis beim Filmfest in Cannes gewonnen. Park, 1963 geboren, absolvierte ein Philosophiestudium, bevor er sich dem Filmmetier zu wandte. Bekannt wurde er durch seine Rache-Trilogie, insbesondere den mittleren Teil Oldboy, der nicht nur durch seine Brutalität, sondern auch durch seine kunstvolle Furiosität in der Umsetzung des Themas auffiel. Jetzt also ein Vampir-Film, der auch Verächter des Genres interessieren könnte.

Sang-hyeon (Kang-ho Song) ist ein vorbildlicher junger Priester, der sich auch in einem Krankenhaus engagiert. Aus Pflichtbewusstsein und Nächstenliebe stellt er sich für einen medizinischen Versuch zur Verfügung, bei dem ein Impfstoff gegen eine tödliche Infektionskrankheit entwickelt werden soll. Er überlebt als Einziger von hundert Versuchspersonen, doch er ist nach dem Versuch nicht mehr derselbe. Entsetzt stellt er fest, dass er zum Vampir geworden ist, der Blut zum Überleben braucht.

Was nun folgt, ist eine ebenso intensiv gespielte wie parabelhafte Entwicklung. Gezeigt wird ein »guter Mensch, der sich in seinem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewusst« ist (Goethe, Faust I). Der junge Priester ist zunächst recht einfallsreich darin, an Blut zu gelangen, ohne jemandem zu schaden. Er hat ein empfindliches Gewissen und kommt doch nicht gegen den wachsenden Blut-Durst an, der nun zu seiner Natur gehört. Parallel dazu entwickelt sich sein sexueller Drang. Er verkehrt in der Familie einer wohlhabenden Schneiderin, die vor Jahren ein Findlingsmädchen aufgenommen hat, das nun mit dem unattraktiven Sohn der Familie zwangsverheiratet worden ist. Der schmucke Priester gefällt der hübschen Tae-joo (Ok-vin Kim) viel besser als ihr rüder Ehemann, und es kommt wie es kommen muss. Die Heimlichkeiten der beiden lassen sich bald nicht mehr verbergen. Schritt für Schritt eskaliert die Situation in eine Spirale, die von erster, scheuer Zärtlichkeit bis zu Leidenschaft, Gewalt, Vertuschung und Schuldgefühlen führt. Die Figuren vermitteln ihre Gefühle und Konflikte nuanciert und expressiv. Das für uns exotische Ambiente steigert die Eindrücke – manchmal auch ins Groteske und Komische. Als alle Hindernisse für das Paar überwunden scheinen, ist auch der moralische Verfall vollkommen. Das Ausleben des Rauschs bringt keine Steigerung des Genusses mehr, es dient nur dem Vermeiden von Entzugserscheinungen. Nun zeigen sich die Widrigkeiten des Vampir-Alltags, und der Expriester sucht nach radikaler Erlösung.

Für den Begriff »durstig« gibt es kein Gegenteil (so wie zu hungrig: satt). Der Durst eines Vampirs nach Blut steht für die Sinnenlust und Machtgier, die sich steigern, je mehr man sie zu befriedigen sucht. Gewöhnlich gibt es in Vampir-Filmen einen heldenhaften Gegenspieler, der den Unhold zur Strecke bringt. Hier findet der Kampf innerhalb eines Charakters statt. Das ist interessanter, und wie es endet, das ist schaurig-schön!

Bewertung: 4 von 5 Sternen

— Barbara Wollstein



Durst
Kinostart: 15. Oktober 2009
Südkorea 2009

Regie: Park Chan-Wook
Film-Länge: 133 Min.


Trailer

   
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