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Precious - das Leben ist kostbar

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<em>Precious</em>
Gabourey 'Gabby' Sidibe in Precious © Prokino

Jedes Leben ist kostbar

Claireece Jones, genannt Precious, ist 1987 siebzehn Jahre alt, schwarz, extrem übergewichtig, zum zweiten Mal schwanger, wieder von ihrem eigenen Vater. Sie lebt in Harlem, drangsaliert, gedemütigt und ausgebeutet von ihrer nichtsnutzigen Mutter (Mo'Nique, Oscar für die beste Nebenrolle). Wegen schlechter Leistungen fliegt sie von der Schule. Dieses Leben scheint alles andere als »precious« (wertvoll) zu sein.

Das sind für sie allenfalls ihre Träume: Im Spiegel sieht Precious (Gabourey Sidibe, Oscar für die beste Hauptrolle) ihr Wunschbild von sich: weiß, schlank, hübsch. Ihr weißer Mathelehrer auf dem Schulfoto macht ihr einen Liebesantrag. Sie tritt mit großem Erfolg in einer Show auf und hat smarte Verehrer. Sie singt in einem Gospelchor. - Nichts davon liegt im Bereich ihrer Möglichkeiten, sie kann ihre Leiden und Träume nicht einmal in Worte fassen. In ihrem Milieu erfährt sie nur Gewalt. Einzig die Großmutter, die sich um Precious' behindertes erstes Kind kümmert, verhält sich menschlich, doch sie hat weiter keinen Einfluss. Dass Precious nicht völlig untergeht, sondern ihr Leben schließlich einigermaßen in den Griff bekommt, verdankt sie der eigenen verborgenen Stärke und der hartnäckigen Unterstützung einiger engagierter Menschen guten Willens. Da ist zunächst die Schul-Direktorin, die keine Mühe scheut, ihr den Besuch einer besonderen Bildungseinrichtung nahe zu legen. Bei »Each One Teach One« hat die Lehrerin (Paula Patton) das richtige Maß an Verständnis und Konsequenz für die schwierigen Mädchen aus prekären Verhältnissen. Sie leitet sie dazu an, sich zu respektieren und zu artikulieren. In der Entbindungsklinik gibt es einen freundlichen und humorvollen Krankenpfleger (Lenny Kravitz), und schließlich ist da noch die Sozialarbeiterin (Mariah Carry), die die »Stütze« für Precious' Mutter auszahlt und versucht, der Wahrheit dieser zerrütteten Familie auf den Grund zu gehen. In ihrem engen Büro kommt es zu einer Aussprache zwischen Mutter und Tochter, die zu der notwendigen Trennung führt. In einem eindrucksvollen Monolog enthüllt die Monster-Mutter die Tragik ihres eigenen Lebens und zeigt sich als verletzter Mensch.

Der u.a. von Oprah Winfrey und Lee Daniels produzierte und realisierte Film, der auf die autobiographische Romanvorlage »Push« der schwarzen, inzwischen an Aids verstorbenen Autorin Sapphire zurückgeht, ist ein vollständig afro-amerikanisches Produkt. Schon bevor ich auf entsprechende Medienberichte stieß, wunderte ich mich darüber, wie schonungslos diese ethnische Gruppe von den »eigenen Leuten« gezeichnet wird. Tatsächlich haben viele Afro-Amerikaner dagegen protestiert. Von Rassismus ist die Rede, zumal die positiven, unterstützenden Charaktere überwiegend von Weißen verkörpert werden. Aber wer hat das Recht, die eigene Misere zur Sprache zu bringen, wenn nicht die Betroffenen? Hier wird Ghetto-Bewohnern eine Stimme gegeben, nicht nur, damit sie wahrgenommen werden, sondern weil die Aneignung der Sprache auch die Chance bietet, das Elend hinter sich zu lassen.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

— Barbara Wollstein



Precious - das Leben ist kostbar,
USA 2009,
Drama
110 Minuten
Kinostart: 25.03.2010
FSK: Ab 12

Precious der Film

   
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