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Das Summen der Insekten

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<em>Das Summen der Insekten</em>
© Peter Liechti Filmproduktion

Sehnsucht nach dem Jenseits

Der preisgekrönte, experimentelle Film des Schweizers Peter Liechti ist seltsam. Ohne Schauspieler, nur zwei Stimmen aus dem Off. Anfangs eine weibliche, die berichtet, dass im Wald im nördlichen Hochmoor eines nicht näher bezeichneten Landes die mumifizierte Leiche eines circa 40-jährigen Mannes gefunden wurde, der offenbar Selbstmord durch Verhungern begangen hat. Man sieht den Abtransport auf der verhüllten Bahre in verschneiter Landschaft.

Dann die Stimme des namenlosen Mannes, der seine bei ihm gefundenen Tagebuch-Aufzeichnungen spricht. Seine Herkunft und Vorgeschichte erwähnt er nicht. Die kurzen Notate handeln von seinem Weg in den Wald, dem Bau einer Behausung aus Zweigen und Plastikbahnen, dem Wetter, dem Radiohören, das er sich täglich zwei Stunden gönnt, bis alle Batterien aufgebraucht sind, und seinem schmerzhaften körperlichen Verfall, der sich über zwei Monate bis zum Tod hinzieht. Dazu sieht man: Wald, Moortümpel, windbewegte Wipfel, Regen und Tannennadeln auf Plastikfolie, Käfer und Ameisen, verschwommene städtische Straßenszenen, undeutliche Figuren am nächtlichen Strand. Viele der Bilder sind grobkörnig und wirken farblos. Sie sind unterlegt mit klassischer Musik, Naturgeräuschen und sensibel eingesetzten Instrumenten.

Der Film geht auf eine Novelle von Masahiko Shimada zurück, der eine wahre Geschichte gestaltet hat. Ein 80-minütiges Nahtod-Erlebnis. Warum mutet man sich so etwas zu? Diese Frage kann man ebenso in Bezug auf den Mann wie auch auf den Zuschauer im Kino stellen. Bleiben wir zunächst bei dem, der den Suizid begeht. Ihm ist bewusst, dass es schnellere und schmerzlosere Todesarten gibt. Er wirkt ruhig, bei klarem Verstand und wie einer, der eine Erfahrung machen will, vergleichbar einer Bergbesteigung. Wer etwas so detailliert plant und sorgfältig ausführt, verbindet eine Absicht, ein Ziel damit. Kann der Tod so etwas sein? Offenbar, denn sonst gäbe es keine absichtlichen Selbsttötungen. Der Mann sagt, er sei nicht religiös, aber er kennt die Weltreligionen. Er vergleicht sein Fasten mit dem von Siddharta, Moses und Jesus. Diese hatten spirituelle Erlebnisse, wurden erleuchtet, sahen Gott oder widerstanden den Versuchungen Satans. Sie kehrten aus der Einsamkeit zu den Menschen zurück. Er dagegen begegnet nur sich selbst. Von sich sagt er lapidar, er sei in dieser Welt nicht zurecht gekommen, er hofft auf eine bessere im Jenseits.

Der Film mit seiner herben Ästhetik weckt Mitgefühl für einen entfremdeten, einsamen, wahrscheinlich depressiven, intelligenten Menschen, der nur deshalb nicht durchdreht, sondern innerhalb seiner Absichten planvoll handelt, weil er sich in einem langsamen Sterbeprozess spüren will und die rational nicht begründbare Hoffnung auf ein besseres, erlöstes Dasein jenseits des Todes hat. Das kann ein Anstoß sein, sich vielerlei Gedanken über das eigene Leben zu machen. Was hält mich hier? Wie will ich meinem unausweichlichen Tod begegnen? Also sollte man sich diesen Film ruhig zumuten.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

— Barbara Wollstein


Das Summen der Insekten
Dokumentation
Schweiz 2009
im Kino ab 6. Mai 2010

Trailer

   
© Connection AG 2015