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The Age of Stupid

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<em>TAO Cinemathek</em>
© TAO Cinemathek

Warum tun wir nichts?

Aus der Zukunft auf die Gegenwart schauen - das zeigt, wie dumm wir uns kollektiv hinsichtlich des Klimawandels verhalten. So die Idee des gut gemachten britischen Dokumentarfilms »The Age of Stupid« von Franny Armstrong. Aber ist es wirklich so einfach?

Der Film beginnt im Jahr 2055, wenn das eingetreten ist, was Wissenschaftler heute für möglich oder sogar wahrscheinlich halten: Städte wie London sind überflutet, fruchtbare Gebiete zu Wüsten ausgedörrt, der Lebensraum und die Ressourcen für Menschen drastisch geschrumpft. Auf einer riesigen Plattform, auf der alles Wissen und alle Errungenschaften der Menschheit gespeichert sind, sitzt ein einziger alter Mann mit eindrucksvoll vernarbtem und zerfurchtem Gesicht und mit klugen, melancholischen Augen (Pete Postlethwaite), der mit seinem futuristischen Computer (der an den in "Avatar" erinnert), Bilder und Dokumentarfilme aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts aufruft, die zeigen, wie die Menschen ihren Untergang selbst verschuldet haben.

Da ist der alte französische Bergführer, der das Verschwinden der Gletscher aufzeigt und gegen den zunehmenden und absurd anmutenden Lastenverkehr über die Alpen demonstriert. Ein Bewohner von New Orleans hat durch den Wirbelsturm "Katrina" seinen ganzen Besitz verloren und hadert mit seinem früheren Job auf einer Bohrinsel (fährt aber jetzt ein schweres Motorrad). Eine angehende Ärztin in Nigeria klagt die amerikanischen Ölgesellschaften an, die das Land ruinieren und weist auf die vielen Toten hin, denen der Mangel an sauberem Trinkwasser zum Verhängnis wurde. Sie will helfen, aber auch mehr Wohlstand für sich und ihre Sippe und "berühmt werden". Ein reicher Inder mit sozialem Gewissen will seinen ärmeren Landsleuten überfüllte Züge ersparen und gründet eine neue Fluggesellschaft. In Cornwall sind die Menschen sehr für erneuerbare Energien, aber jede geplante Windkraft-Anlage wird durch örtliche Bürgerinitiativen verhindert. Und so weiter. Der Film wertet nicht und zeigt keine Lösungen auf.

Die erste Frage ist jedoch, ob der Klimawandel wirklich im prognostizierten Ausmaß stattfinden wird und allein oder hauptsächlich auf den zu sorglosen Verbrauch von fossiler Energie zurückzuführen ist. Etliche Wissenschaftler bezweifeln das. Zweitens klammert der Film aus, dass man das Problem der Erderwärmung nicht isoliert sehen kann. Würden die Menschen zum Beispiel ihren Konsum tatsächlich drastisch einschränken, bräche die Wirtschaft zusammen, die explodierende Arbeitslosigkeit brächte ungeahnte soziale Probleme. Drittens lässt sich die menschliche Natur, die auf persönliche Vorteile und wachsenden Wohlstand aus ist, nicht plötzlich ändern. Langfristiges, globales Planen und Handeln, das Verzicht einschließt, ist eben nicht die Sache der Erdenbewohner. Bisher haben wir auf Probleme reagiert, wenn sie weh taten, und das funktionierte insgesamt zufriedenstellend. Wir können nur hoffen, dass es so weitergeht. Vielleicht trägt der Film dazu bei. Er kann viele Diskussionen anstoßen. Jedenfalls: im Jahr 2055 wissen wir mehr - wenn es uns noch gibt. Der Weltuntergang wurde schon oft erwartet und dann doch abgesagt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Barbara Wollstein


The Age of Stupid
Dokumentardrama England 2010
Tao Cinemathek
Kinostart: 3. Juni 2010

Infos über den Film

   
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