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Die Twilight Saga

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Die Twilight Saga
© Summit Entertainment

Die verborgenen Sehnsüchte der Postmoderne

Mit »Eclipse - Bis(s) zum Abendrot« ist die dritte Staffel der Twilight-Saga nach den Bestseller-Romanen von Stephenie Meyer in den deutschen Kinos angelaufen. Die Religionswissenschaftlerin Regina Heimerl sieht in dem Triebverzicht der Protagonisten mehr als nur die Sehnsucht nach ewiger Liebe.

Ein schöner Vampir, der seinen Durst auf Menschenblut bezwingt und die geliebte Frau vor dem Biss verschont, das ist der Stoff der Twilight-Saga, der Millionen junger Mädchen seit einigen Jahren in Atem hält. In vier Romanen erzählt die amerikanische Jugendautorin Stephenie Meyer die Geschichte des amerikanischen Teenagers Bella Swan und ihres geheimnisvollen Freundes Edward Cullen, der sich als Mitglied einer alten Vampirfamilie zu erkennen gibt. Edward entflammt in Liebe zu Bella, beschützt sie mit seinen übernatürlichen Fähigkeiten und verzichtet bis nach der Hochzeit auf den Biss.

Die Bücher, die auf deutsch unter den Titeln »Bis(s) zum Morgengrauen«, »Bis(s) zur Mittagsstunde«, »Bis(s) zum Abendrot« und »Bis(s) zum Ende der Nacht« erschienen sind, haben eine Art »Twilight«-Hype ausgelöst. Die Romane stehen seit Jahren auf den Bestsellerlisten, aktuell belebt der vierte Band »Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl« den Buchmarkt. Auch im Kino ist die Saga ein Riesenerfolg: Am 15. Juli startete die dritte Folge »Twilight Eclipse – Bis(s) zum Abendrot« in die Kinos. Die konservative Botschaft der Erfolgsstory lässt auch die Theologin Theresia Heimerl aufhorchen. Im Erfolg der Twilight-Saga erkennt sie eine verborgene Sehnsucht der postmodernen Gesellschaft.

Und erlöse uns von den Trieben

Ich hätte ihn gleich nach dem zweiten Band geheiratet«, sagt eine junge Frau in einer meiner Lehrveranstaltungen. Der Traum-Bräutigam, von dem sie da spricht, heißt Edward Cullen und ist Vampir. Mit ihrer Begeisterung für den dunklen Helden der Twilight-Saga drückt meine Studentin eine tiefe Sehnsucht von Millionen junger Frauen aus, die diese Bücher und Filme verschlingen. Und wenn wir Theologinnen und Theologen uns daran erinnern, dass die Sehnsucht unser Hauptgeschäft ist, dann kommen auch wir nicht daran vorbei, uns auseinanderzusetzen mit der Twilight-Story der amerikanischen Autorin Stephenie Meyer. Denn diese Saga vom guten Vampir, der nicht gleich zubeißt, sondern seinen Trieb aus Liebe bändigt, behandelt Themen, die allesamt der theologischen Hardcore-Fraktion angehören: Leben, Tod und Verdammnis (Dogmatik), Triebverzicht, voreheliche Enthaltsamkeit (Moral) und ewige Liebe (beides).

Die Mädchen und Frauen zwischen zehn und 25 lesen Twilight nicht nur: Sie sehnen sich nach einer Beziehung, wie die Protagonistin Bella Swan sie mit Edward, dem Vampir, erlebt. Ausgerechnet jenes Publikum also, das die kirchliche Ehe- und Sexualmoral nicht einmal mehr vom Hörensagen kennt und verbindliche Lebensentscheidungen angeblich scheut wie der Teufel das Weihwasser.

Für meine Generation ist Twilight dagegen eine Provokation: Hier wird hemmungslos die ewige Liebe verherrlicht, von der wir seit der zweiten Frauenbewegung wissen, dass es sie nicht gibt – und vor der als irrealem Idyll auch verantwortungsvolle Theologinnen nicht müde werden zu warnen. Der Mann beschützt seine Angebetete auf Schritt und Tritt vor allem Bösen, das ihr von Menschen, Wölfen und triebgeleiteten Vampiren droht. Er will Sex nur nach vorheriger Heirat, selbige dafür im zarten Alter von 18 Jahren. Ohne ihn ist der Heldin ihr Leben nichts mehr wert, und darum leidet sie im zweiten Teil beinahe 400 Seiten lang. Nicht nur Feministinnen geraten ob so viel Kitsch und Retro-Geschlechterrollen in Rage und schütteln den Kopf über die rückschrittlichen Wunschträume ihrer Töchter. So sie auch noch Theologinnen sind, tun sie sich schwer mit den augenfälligen Überlegungen zur Heilsmöglichkeit der Verdammten, mit den Bösen, die so viel besser sind als die Durchschnitts-Guten der Postmoderne. Und natürlich können sie es auch kaum ertragen, wie »ihre« Themen Leben, Liebe und Tod in einer trivialen Jugendbuchserie abgehandelt werden.

Die Twilight Saga
© Summit Entertainment

Fantasien und Ängste

Der Vampir war schon immer ein Spiegel gesellschaftlicher Fantasien und Ängste. Das zeigt sich bei den ersten Vampiren in den Romanen des 19. Jahrhunderts, die die Frauen der besseren Gesellschaft verführten, gefügig machten und schließlich selbst zur Bedrohung braver Männer und Kinder werden ließen. Später werden die animalischen Aspekte des Vampirs in Literatur und Film immer weiter zurückgedrängt: Die Gestalt des Blutsaugers wird zunehmend zivilisiert und moralisiert, bis sie schließlich zum bleichen Abbild des jungen Liebhabers à la Hollywood wird.

Heute warten die Frauen längst nicht mehr als »Angel in the House« auf einen Lover, dem sie verschämt ein Fenster offen stehen lassen. Vielmehr sind sie den Spielregeln der Leistungs- und Spaßgesellschaft unterworfen und auch allein spät abends in dunklen Straßen unterwegs, im Konsum von Sex und Beziehungen ebenso erfahren wie Männer. Dementsprechend ist nunmehr ein Mann, der nicht gleich seinen Trieben nachgeht, eine fremdartige, ja beunruhigende Erscheinung. Jetzt wird gerade der zur bedrohlichen Fantasiegestalt, der seinen Trieb beherrschen kann: Edward Cullen in Twilight.

In einer Gesellschaft, in der jeder unterdurchschnittliche Serienmörder seine Opfer ausweidet oder verstümmelt, wird ausgerechnet der Vampir zum Gegenmodell, der den Wert menschlichen Lebens sogar gegen sein eigenes Begehren schützt.

In einer Gesellschaft, in der jeder unterdurchschnittliche Serienmörder seine Opfer ausweidet oder verstümmelt, wird ausgerechnet der Vampir zum Gegenmodell, der den Wert menschlichen Lebens sogar gegen sein eigenes Begehren schützt. Inmitten des hedonistischen Diesseitsvergnügens wirft Edwards Erscheinen die Frage auf: Kann es eine Erlösung geben von den eigenen Trieben und Begierden, wenn man sich nur bemüht? Ist böse zu sein ein Schicksal, das man besiegen kann? Stephenie Meyer sagt: Ja. Mit Edward wird die böse, triebhafte Natur beherrschbar. Der gute Vampir ist hilfsbereit, dem Wohl der Menschheit verpflichtet und schwört die eheliche Treue. Im Twilight-Vampir kristallisiert sich der dunkle Held oder – theologisch formuliert – der gefallene Engel, der zurück will zum Guten. Diese Wandlung hat aber den hohen Preis der permanenten Selbstüberwindung. Diese altmodische Tugend – in aller Deutlichkeit zuletzt in seelsorglichen Schriften der 1970er-Jahre präsent – wird in der Twilight-Saga episch ausgebreitet, ja sie ermöglicht erst die erotische Spannung über die ersten drei Romane hinweg. Dieses Konzept der Romane erinnert nicht von ungefähr an den Moralismus des 19. Jahrhunderts. Dort haben die Mormonen, zu denen die Autorin gehört, ihre Wurzeln.

Neue Romantik

Der Erfolg von Twilight zeigt aber auch das deutliche Bedürfnis nach einem neuen Umgang mit der Frage nach Gut und Böse in der Postmoderne. Es ist wieder eine zentrale Frage, die hier nicht von der Kanzel, sondern breitenwirksam in Buch und Film abgehandelt wird. Das Adjektiv, das zur Beschreibung der Twilight-Saga am häufigsten fällt, ist »romantisch«. Vom ersten Blick zwischen Edward und Bella, der ersten Berührung bis zum ersten Kuss, vom unerträglichen Schmerz des Verlassenwerdens und dem Verlangen nach mehr – so eindringlich und emotional ist jugendliche weibliche Sehnsucht schon lange nicht beschrieben worden. Sätze wie der folgende erscheinen nach fast vierzig Jahren Emanzipation wie eine archaische Provokation: »Er begrüßte mich mit seinem schiefen Lächeln, brachte meinen Atem zum Stocken und mein Herz zum Stillstand. Es erschien mir undenkbar, dass ein Engel mehr Herrlichkeit ausstrahlen konnte.«

Provokant ist auch die ewige Treue, die hier wieder zum Ideal wird: Mehrfach wird die Liebe von Bella und Edward von verschiedenen Seiten bedroht. Die Versuchung einer anderen Beziehung ist ebenso groß wie die Angst vor der ungleichen Partnerschaft. Dennoch bleiben die beiden zusammen und besiegeln ihre Liebe mit einer in der Hochzeitsnacht entstandenen Schwangerschaft, die trotz Lebensgefahr für die werdende Mutter nicht abgebrochen wird. So viel christliche Sexualmoral hat die Zielgruppe der jungen Frauen im gesamten Religionsunterricht ihres Lebens noch nicht rezipiert.

Für die Mädchen heute, die von ihrem Freund mit 15 Jahren zum Anal-Sex gezwungen werden, ist einer wie Edward, der ganz zurückhaltend ist und bis zur Ehe warten will, schon attraktiv.

Was noch bei meiner Generation, den in den frühen 1970ern Geborenen, für instinktive Abwehrreflexe sorgt, ist für die Mädchen und jungen Frauen heute zu einem nie erlebten Ideal geworden. Oder, wie es eine Studentin sehr deutlich formuliert hat: »Für die Mädchen heute, die von ihrem Freund mit 15 Jahren zum Anal-Sex gezwungen werden, ist einer wie Edward, der ganz zurückhaltend ist und bis zur Ehe warten will, schon attraktiv.« Die Schattenseiten des moralischen Ideals der frühen Ehe zwischen zwei unerfahrenen Partnern sind jungen Frauen heute nicht mehr bekannt. Wohl aber jene der Lebensabschnittspartnerschaften, Scheidungen und der pornografischen Plattformen, die auch über die Handys von 13-jährigen Jungen konsumiert werden. Die Lebenswirklichkeit der weiblichen Jugendlichen steht in kaum überbietbarem Kontrast zum hingehauchten Kuss und Heiratsantrag des schönen Vampirs.

Liebesmystik

Wenn die Theologie hier etwas lernen kann, dann, dass Werte heute kaum mehr über Normenkataloge oder pseudo-rationale Argumentationen vermittelbar sind, mit denen die Moraltheologie noch so gerne arbeitet. Keine jener Studentinnen, die sich zumindest vom Ideal her eine solche einmalige, dauerhafte Beziehung wünschen, ist von der vorehelichen Keuschheit oder gar der mangelnden Verhütung per se fasziniert, sondern vielmehr von der individuellen Erfahrung der völligen Hingabe, wie sie Stephenie Meyer beschreibt.

In ihren besten Passagen kommt die Autorin der mittelalterlichen Liebesmystik einer Mechthild von Magdeburg oder Hadewijch sehr nahe, wenn sie die Absolutheit und Ausschließlichkeit der Liebe zum Einen und Einzigen beschreibt, neben der jede andere mögliche erotische Erfahrung als nicht mehr so erstrebenswert erscheint. Die Liebe, zuletzt in der Teenie- und Twen-Literatur als aussterbende Begleiterscheinung eines ebenso expliziten wie frustrierenden Sexuallebens präsent, erhält in Twilight wieder geradezu metaphysische Qualitäten.

Durch die im Vampirmotiv grundgelegte Verbindung von Liebe und Tod wird eine Debatte eröffnet, die den unverbindlichen Highschool-Dates eine Liebe mit weit höheren Anforderungen und Entscheidungsnotwendigkeiten entgegenstellt. Die Entscheidung für den Geliebten ist eine Entscheidung für die Ewigkeit. Der Lebensabschnittspartnerschaft als Beziehungsmodell erteilt Twilight durch die Protagonistin eine klare Absage. Dieses Liebesideal ist eine Provokation für alle Progressiven, ein Ideal, das sich über alle Realitäten postmoderner Endlichkeiten hinwegsetzt. Es ist aber auch eine Provokation für alle Christlich-Konservativen, deren moralische Ermahnungen nun ausgerechnet als Ideale eines »Bösen« verwirklicht werden.

Ersehnte Sicherheit

Der Erfolg von Twilight bringt auch das Unbehagen an der Freiheit der Postmoderne zum Ausdruck: Die Welt des 21. Jahrhunderts ist ein unsicherer Ort, wo junge Frauen überall allein zurechtkommen und notfalls auch den Preis für ihre Freiheit bezahlen müssen. Ein Mann, der seiner Liebsten heimlich überallhin folgt und unter ihrem Fenster wacht – eigentlich der Alptraum jeder Emanzipation –, wird in Twilight zur ersehnten und mangels intakter Familie lange entbehrten Sicherheit. Die Twilight-Saga spiegelt den Diskussionsstand zur Frage nach Gut und Böse wider, wie er in der Trivialkultur und damit bei der Mehrzahl der Menschen angekommen ist. Für die Theologie ist sie ein deutliches Signal, dass die Debatte über Gut und Böse, Schuld und Erlösung nicht ad acta gelegt ist. Zugleich macht sie deutlich, dass diese Themen unter den Bedingungen der Postmoderne neu gedacht und vor allem auch ins Bild gesetzt werden müssen. Dasselbe gilt für die Werte von Liebe und Treue. Wenn der Böse auf einmal der Gute ist, wenn der dunkle Verführer zum selbstlosen Schutzengel wird, und wenn die Töchter jener, die noch insgeheim die wilde Ehe bewundert haben, sich nach der ewigen, einzigen Liebe sehnen, dann ist die Theologie endgültig in den Verwirrungen der Postmoderne angekommen.

Theresia Heimerl (veröffentlicht in Publik-Forum, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 13/2010)

Theresia Heimerl, geboren 1971, ist Professorin am Institut für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz

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