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Satireecke

Der Hybrid-Mann

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Eine Satire aus der nahen Zukunft von Roland Rottenfußer

„Nikolaus?“, fragte ich erstaunt und sah vor meinem inneren Auge einen Mann mit weißem Bart und roter Zipfelmütze. „Nikolas!!!“, korrigierte mich Anna und schloss dabei verzückt die Augen, als würden in ihrem Innersten die Bilder unaussprechlicher Wonnen nachklingen. So hieß also Annas neuer Lover: Nicolas. Dass sie mir das brühwarm erzählt hat, ist menschlich verständlich. Wir hatten nach unserer Trennung ein gutes, fast wieder freundschaftliches Verhältnis zueinander gefunden. Aber dass sie darauf bestand, dass ich Nicolas kennen lernte … das hätte nicht unbedingt sein müssen. Es gibt nur einen Grund, warum eine Frau ihrem Ex ihren Neuen vorstellen möchte: Sie will demonstrieren, dass sich eine Frau wie sie sich rasch und auf hohem Niveau zu trösten weiß und ihren Verflossenen durch die Konfrontation mit einem makellosen Nachfolger beschämen. Und es gibt nur einen Grund, warum sich der Neue der Frau auf so ein Spiel einlassen sollte: Er will in gönnerhaftem Tonfall klar machen, wer jetzt Herr im Haus ist.

Ich teilte Anna also vorsichtig meine Bedenken mit, doch sie meinte: „Nein, so ist es überhaupt nicht. Nicolas ist gar nicht eifersüchtig“. Natürlich konnte sie sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Das muss er auch nicht“ und dabei genießerisch die Augenbrauen zu heben. „Er ist ein starker Mann, weißt du. Stark in jeder Bedeutung des Wortes. Du weißt ja, du hattest mich in dieser Hinsicht in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt.“

Ich war auf so eine Anspielung schon vorbereitet gewesen. O.k., ich war in der Schlussphase unserer Beziehung nach der Arbeit ein bisschen abgespannt gewesen. Und dann der Rauswurf bei der Zeitung, das hatte mich echt weich geklopft, zumal mir die Raten an das Gericht nach meiner Verurteilung wegen eines Patentrechtverstoßes wirklich über den Kopf gewachsen waren. Und dann noch der Stress mit Anna. Ich wollte nicht mehr so oft wie früher, zugegeben, und manchmal konnte ich eben auch nicht mehr. Umso weniger hatte ich Lust auf die Begegnung mit ihrem offenbar nimmermüden Macker. Musste ich in der hollywoodreifen Romanze des Traumpaars Anna und Nicolas unbedingt die beste Nebenrolle des skurrilen Trottels geben?

Ich wollte schon gehen und berief mich (was der Wahrheit entsprach) auf eine hartnäckige gesundheitliche Schwäche, eine noch nicht auskurierte Grippe, die mich mit Fieber, Durchfall und Erbrechen in der letzten Woche arg gebeutelt hatte. Aber Anna hielt mir kommentarlos die Fotos unter die Nase. Widerwillig blätterte ich sie durch: Anna mit Nicolas Wange an Wange auf dem Sofa, Anna mit Nicolas auf der Premierenparty, Anna mit Nicolas in Badekleidung am Strand. In meinem inneren Film verschwand der Mann mit dem Bart und der roten Zipfelmütze vom Schirm, und ein wahrer Prachtkerl nahm seinen Platz ein. Nicolas wirkte, als habe man den Kopf einer jüngeren Version von Bundeskanzler Christian Wulff auf den Oberkörper von Ex-Bond Daniel Craig montiert, dessen wuchtige Statur immer den Eindruck erweckt, als habe man ihm Luft unter die Brustwarzen gepumpt. Selbstverständlich verunzierte – im Gegensatz zu Wulff – keine Brille den zugleich stählernen und jovial-treuherzigen Blick des Erwählten, und sein raubtierhaftes Siegerlächeln legte eine makellos weiße Zahnreihe frei.

„Er sieht … gut aus“, räumte ich etwas eingeschüchtert ein. „Er sieht fantastisch aus!“, schwärmte Anna und fügte, ohne dass ich irgendeine hämische Bemerkung gemacht hätte, hinzu: Ich weiß, was man über schöne Männer sagt, dass die Natur Schönheit, Intelligenz und einen guten Charakter niemals freigiebig an ein und denselben Menschen verteilt. Aber bei Nicolas ist das anders, glaub mir, Nicolas ist perfekt!“

„Anna“, versuchte ich zu erklären, „du weißt doch, wie das läuft. ‚Perfekt’ – sind wir das nicht alle, am Anfang? Weißt du noch, was du mir bei unserem ersten Bodenseeurlaub ergriffen ins Ohr gehaucht hast: „Du bist nicht nur die Liebe meines Lebens, du bist die eine und einzige Liebe aller meiner Leben!“ „Jaja“, versuchte Anna dem Thema peinlich berührt auszuweichen. „Irren ist menschlich und manchmal eben auch weiblich. Aber du verstehst nicht, was ich sagen will. Ich meine: Nicolas ist wirklich perfekt, sozusagen perfekt mit offiziellem Perfektionszertifikat.“

Ich muss sie sehr verblüfft angestarrt haben, denn Anna ließ mich mit einem genervten „Ach, du!“ stehen, ging ins Nachbarzimmer und kam mit einem Nachrichtenmagazin in der Hand zurück, das auf einer bestimmten Seite aufgeschlagen war. Es war eine Werbeseite: nebeneinander die Fotos von zwei Auberginen, zwei Früchte wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten: Die Aubergine auf der linken Seite deformiert, verschrumpelt und an verschieden Stellen von hässlichen Wurmlöchern durchstochen, ihre dunkelviolette Oberfläche von nur mattem und unregelmäßigem Glanz. Die Aubergine auf der rechten Seite dagegen von vierfachem Volumen, makellos, prall wie ein zum Bersten angeschwollener Luftballon und schwarz glänzend wie ein frisch lackierter Konzertflügel. Über den beiden Fotos der Slogan: „SchulzTech –the difference is obvious“.

   
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