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Satireecke

Der Hybrid-Mann

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Ich kannte die Anzeige, eine Art medialer Vorher-Nachher-Show, in der sich der weltbekannte Schulz-Konzern, Marktführer auf dem Gebiet der Erbgutpatente, als Schöpfer makelloser Exzellenz empfahl. Es gab dieselbe Anzeige mit Tomaten, mit Himbeeren und zum Schluss sogar mit Hunden und Milchkühen. Immer war die Aussage dieselbe: Das Gewöhnliche, Fehlerbehaftete und Erbärmliche konstrastierte mit dem Strahlenden, Fleckenreinen und Erhabenen.

Ich verstand zunächst nicht. „Und was hat das ganze mit Nicolas zu tun?“, fragte ich. „Hast du nie von dem DNS-optimierten, neuen Menschentyp gehört? Sag mal, liest du keine Zeitung, seit du bei der Redaktion rausgeflogen bist?“ „Ich brauchte noch ein paar Sekunden, bis ich begriff. Dann entlud sich meine angestaute Spannung in einem heftigen und anhaltenden Lachkrampf. „Nicolas ist … er ist …“, prustete ich, „er ist … ein Schulz-Primat!“

„Man sagt: ‚Schulz-Humanoid’, korrigierte mich Anna verärgert. „Ich möchte nicht, dass du über Nicolas schlecht redest. Das ist doch nur der Neid. Wenn überhaupt, dann ist er ein genbereinigter Schulz-Humanoid der neuesten Generation. Es ist aber auch nicht falsch, ihn weiterhin als einen Menschen zu bezeichnen. Vielleicht ist Nicolas sogar mehr Mensch, ich meine: in einem höheren Sinne Mensch als du und ich zusammen.“ Der Ausdruck „Schulz-Primat“ war mir einfach so rausgerutscht. Vor ungefähr 5 Jahren, als SchulzTech erstmals das Patent auf die Himbeerpflanze und ihren kompletten genetischen Code angemeldet hatte, war die neue Sprachregelung noch ungewohnt gewesen: „Schulz-Beeren“, das ging konservativen Menschen wir mir nicht leicht von der Zunge. Später, als Schulz das Monopol auf die genetische Optimierung von immer mehr traditionellen Nutz- und Kulturpflanzen an sich riss, gewöhnte man sich an die seltsamen Wortungetüme: Es gab Schulz-Beeren, Schulz-Nachtschattengewächse (Tomaten), Schulz-Hülsenfrüchte (Bohnen) und schließlich, nachdem die Patentierung von Nutztierarten legalisiert worden war, auch Schulz-Paarhufer (Schweine) und Schulz-Carnivoren (Hunde). Das seltsame war, wie schnell sich die Bevölkerung daran gewöhnte. Kaum war ein neues Patent vergeben und eine neue Sprachregelung über die Medien bekannt geworden, konnte man nirgendwo mehr einfach von „Kühen“ sprechen, ohne von einem Besserwisser mit ernstem Gesicht und bestimmtem Tonfall korrigiert zu werden: „Sie meinen: Schulz-Wiederkäuer“.

Irgendwann kam einer meiner Freunde dann auf den grandiosen, damals aber noch absurd anmutenden Gedanken, dass Schulz wohl demnächst auch das Patent auf menschliches Erbgut anmelden würde. Wir überlegten, wie die neu zu züchtende Spezies heißen könnten, und kamen auf „Schulz-Primaten“, was wir unter ziemlich einhelligem Gelächter der Zuhörer bei verschiedenen gesellschaftlichen Veranstaltungen zum Besten gaben. „Schulz-Primaten“ – die Wortschöpfung machte die ganze Absurdität dieses Gedankens – Patent auf menschliches Leben – schlaglichtartig deutlich. Wie amüsierten uns noch lange darüber, und „Schulz-Primat“ wurde in meinem Bekanntenkreis zu einem gern zitierten geflügelten Wort. Wir lachten solange, bis in der Zeitung über die ersten Verhandlungen zwischen SchulzTech und der Regierung über die Vergabe des Patents an genetisch optimiertem menschlichem Erbgut berichtet wurde. Der Papst, attac und ein paar unverbesserliche gesinnungsethische Fundamentalisten protestierten zwar noch eine Weile; schon bald stellte sich jedoch heraus, dass Gegner des neuen „Schulz-Menschen“, wenn sie versuchten, sich dem alles mitreißenden Strom des Fortschritts entgegen zu stemmen, ungefähr so altbacken wirkten wie die Verteidiger der klanglichen Überlegenheit von Vinyl-Langspielplatten. Bilder der ersten Schulz-Baby gingen bald darauf durch die Presse; stramme, quietschvergnügte, vor Vitalität strotzende Kinder schienen es zu sein, kleine Schönheiten allesamt, die ihren stolzen Eltern nichts als Freude zu bereiten schienen.

   
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