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Satireecke

Der Hybrid-Mann

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„Entschuldige, Anna, aber ich wusste nicht, dass die schon so weit sind“, sagte ich verlegen. “Ich dachte, das wären alles noch kleine Windelkacker.“ „Ihre neue genetische Programmierung ermöglicht es bei Schulz-Humanoiden, den Wachstumsprozess um das zehnfache eines mit herkömmlichen Methoden reproduzierten Menschen zu beschleunigen“, dozierte Anna, die sich offenbar gut in die Materie eingearbeitet hatte. „Schulz-Menschen bleiben nur etwa 5 Wochen im Uterus und fallen nach ihrer Geburt praktisch auf ihre Füße – wie kleine Fohlen, die schon wenige Minuten nach der Geburt oft, wenn auch wackelig, selbst laufen können. Schulz-Menschen sind nach 3 ½ Monaten trocken, schreien nur selten (und wenn, dann aus triftigem Grund) und machen ihren Müttern kaum Mühe. Selbst die wenigen Exkremente, die sie produzieren, riechen dank neuartiger genetischer Programmierung eher angenehm wie frischer Humus mit einem Hauch von Lavendelduft.“

„Vor zwei Jahren wurden die ersten Babys geboren, und du willst ernsthaft behaupten, dass Nicolas in diesem Zeitraum zu einem Mann herangewachsen ist!? Du musst dich beeilen, seine Vorzüge zu genießen, sonst ist er in weiteren zwei Jahren ein Greis und in drei Jahren zu einem Skelett verfallen“, spottete ich. „Du irrst dich“, korrigierte mich Anna ruhig. „Schulz-Humanoide“ können ihre optimale Körperform, wenn sie einmal erreicht ist, über ca. 120 Jahre aufrechterhalten. In diesem Zeitraum findet kaum ein sichtbarer Alterungsprozess statt. Du kennst doch die Werbung …“

Ich schaute noch einmal auf die Anzeigenseite mit den beiden Auberginen und verglich die Daten, die darunter aufgelistet waren. Linke Aubergine: Haltbarkeit bei Zimmertemperatur maximal vier Tage, rechte Aubergine: Haltbarkeit bis zu 12 Tagen. Die Langlebigkeit der von Schulz genetisch neu codierten Feldfrüchte zählte zu ihren populärsten und offensichtlichsten Marktvorteilen. Warum sollte das bei menschlichem Genmaterial anders sein?

Ich war nun doch etwas verärgert. „Ach, und du willst damit sagen, dass ich dieser kleinen, verschrumpelten Aubergine entspreche, und Nicolas der großen, prallen. Dein Macker ist also der edle Elbenprinz, und ich bin Gimli, der hässliche Zwerg!?“ „Naja, weißt du“, beschwichtigte Anna wenig überzeugend, „du siehst wirklich nicht schlecht aus, auch wenn du bei der Körperpflege mal ein bisschen besser auf dich achten könntest …“

Ich schnupperte verunsichert unter meinen Achselhöhlen: In der Tat stand es um Haarschnitt, Outfit und Pflege bei mir nicht zum Besten, vor allem nach meiner Krankheit und seit meine finanzielle Misere eskaliert war. „Aber, sei mir nicht böse, mit Nicolas kannst du dich dann doch nicht vergleichen. Nicolas ist …“

„… perfekt, ich weiß. Vermutlich hat er auch keine charakterlichen Schwächen.“ „Hybrid-Männer sind mit einem Gen-Code ausgestattet, der ihnen die optimale mentale Verarbeitung negativer Umweltreize ermöglicht. D.h. die bei Männern sonst üblichen Neurosen und psychischen Unzulänglichkeiten sind bei ihnen quasi wegprogrammiert. So was wie Kindheitstraumata gibt es bei ihnen praktisch nicht, zumal die Eltern, die ein solches Prachtkind austragen dürfen, von Schulz vorher sorgfältig dafür ausgesucht werden. Und welchen Grund hätten Eltern, ein Kind schlecht zu behandeln oder zu traumatisieren, das schlichtweg perfekt …“ „Ja, ich weiß.“

„Hybrid-Männer gleichen dem strahlend blauen Himmel an einem wolkenlosen Tag, bei normalen Männern ziehen dagegen immer wechselnde Wolkenformationen vorbei. Verstehst du, in der Seele eines Hybrid-Mannes gibt es keine dunklen Flecken. Ich bin noch nie einem solchen Menschen begegnet wie Nicolas. Er belastet mich nie mit seinen eigenen Problemen. Er reflektiert mich wie ein klarer Spiegel, weil er im Gegensatz zu gewissen anderen Männern nicht ständig wie ein Pubertierender um seinen eigenen Nabel kreist: Er ist sozusagen schwächenbereinigt, menschlichkeitsbereinigt!“ Zum ersten Mal hatte ich das merkwürdige Wort bewusst aufgenommen: „Hybrid-Mann“. Ich fragte Anna, was es bedeutete.

   
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