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Satireecke

Der Hybrid-Mann

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„Das ist doch klar“, sagte sie: „Hybrid-Männer sind unfruchtbar. Wenn sie zum Orgasmus kommen, ejakulieren sie nicht. Da ist nichts, was herauskommen könnte. Und das, obwohl es ihnen, was die Funktionstüchtigkeit betriff, an nichts fehlt. Ganz im Gegenteil. Ich sagte ja: schwächenbereinigt.“ Anna zwinkerte und hatte wieder diesen träumerisch-genüsslichen Blick. „Du musst zugeben, dass das enorme Vorteile mit sich bringt. Man hat nicht jedes Mal dieses feuchte Geschlabber zwischen den Beinen, keine weißlichen, rauen Flecken auf dem Laken. Und vor allem: keinerlei Gefahr, schwanger zu werden, weshalb das Thema Verhütung komplett entfällt. Damit muss ich auch in keinerlei Weise vorsichtig sein: du weißt schon, wegen Patentrechtsverletzung.“

Ich konnte nur ahnen, was sie damit meinte: Schulz-Humanoide konnten sich nicht fortpflanzen. Das Sperma, das zu ihrer Erzeugung notwendig war, wurde in Labors gezüchtet, und wer den Wunsch nach einem „besonderen Kind“ verspürte, musste für teures Geld genoptimiertes Sperma bei Schulz-Tech kaufen. Wer sich Schulz-Genmaterial auf illegalen Wegen besorgte, konnte wegen Genpiraterie und schweren Verstoßes gegen geltendes Patentrecht zu Haftstrafen nicht unter 5 Jahren verurteilt werden. Aber was hatte das mit Annas Situation zu tun?

„Du verstehst immer noch nicht, hm? Du scheinst wirklich in den letzten Monaten auf einem anderen Planeten geweilt zu haben. Das neue Patentgesetz. Seit 1. Januar. Verbot der Wildzeugung von Exemplaren einer patentrechtlich geschützten Spezies.“ In der Tat hatte ich auch jetzt noch nicht begriffen und musste Anna mit offenem Mund angestarrt haben.

„Also gut, noch mal von vorne für den begriffsstutzigen Mann der Prä-Schulz-Ära: Seit dem 1. Januar ist das Erbgut der gesamten menschlichen Spezies Eigentum von SchulzTech. Darauf habe sich UNO, Weltbank und Weltpatentamt im letzten Herbst geeinigt. Erinnerst du dich nicht an die Massendemonstrationen mit über 30 Teilnehmern am Münchner Odeonsplatz im November? Stoppt Schulz. Kein Patent auf menschliches Leben, und so weiter. Dämmert’s jetzt bei dir?“ Die Massendemonstration musste mir in der Tat entgangen sein, vielleicht auch weil mir mein Provider im Herbst wegen Zahlungsunfähigkeit den DSL-Anschluss abgeschaltet hatte.

„Die Protestwelle ebbte schnell ab, es regte sich kein nennenswerter Widerstand gegen die Pläne von Schulz, und das heißt, ab 1. Januar ist die Menschheit quasi Eigentum von Schulz. Verboten ist nicht nur, sich Sperma von SchulzTech widerrechtlich anzueignen, verboten ist auch, ein Kind zu zeugen und auszutragen, das nicht bei Schulz ordnungsgemäß bestellt und bezahlt worden ist. Was meinst du, warum die Abtreibungsraten so in die Höhe schießen? Pure Angst, wegen Patentrechtsverbrechen belangt zu werden. Poppen ist heutzutage nicht mehr so einfach. Es ist sozusagen illegaler Sperma-Download.“ Anna zitierte einen offenbar verbreiteten Werbeslogan, den sie – einschließlich des ernst-bedrohlichen Tonfalls – perfekt imitierte. „Menschliches Erbgut ist keine Freeware. Genpiraterie ist kein Kavaliersdelikt. Wer menschliches Leben wild und unter Umgehung der geltenden Rechtsnormen erzeugt, macht sich strafbar. Helfen Sie der Polizei. Bringen Sie illegale Schwangerschaften zur Anzeige.“ „Aber …“, versuchte ich bestürzt einzuwenden.

Ich konnte nicht ausreden, weil in diesem Moment der Schlüssel in Annas Wohnungstür ging. Die Tür öffnete sich mit einem entschlossenen Schwung. Vor mir stand Nicolas. Er wirkte noch mächtiger als ich ihn mir vorgestellt hatte. Der anthrazitfarbene, seidige Stoff seines Maßanzugs schmiegte sich perfekt um seine Muskelberge. Von seinem Gesicht sah ich zunächst nicht viel, da Nicolas, ohne mich auch nur anzusehen, sogleich begann, Anna ausgiebig zu begrüßen. „Hallo, meine Schöne, meine Zuckerschnute“ rief er mit voll tönender Stimme. Dann küsste er sie nicht nur, er wühlte mit seiner Zunge in ihrer Mundhöhle, wie ein Kind eine Schüssel Pudding ausschleckt, während er meine Anwesenheit kurz aus dem Augenwinkel registrierte. Zwischen Anna und mir war sexuell schon lange der Ofen aus gewesen, aber dieser Anblick war mir denn doch etwas zuviel.

   
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