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Satireecke

Der Hybrid-Mann

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„Ah, und da ist der werte Verflossene“, wandte er sich nun an mich, während er sich mit der Rückhand noch einmal genüsslich über seine makellosen, vollen Lippen fuhr. Seine große Hand presste die meine mit kernigem Griff, zwei Augen von der Klarheit eines Bergsees fixierten mich herausfordernd, während sich seine dichten Brauen dachförmig nach oben wölbten. „Freut mich, freut mich.“ Und zu Anna hinüberzwinkernd: „Tolle Frau! Aber wem sage ich das, nicht wahr?“

Anna stellt mich vor. Dann spürte ich unvermutet einen leichten Klaps seiner Rückhand auf meinem Bauch, der mich zusammenzucken ließ. „Du hast ja mächtig zugelegt, mein Lieber. Auf den Fotos siehst du jedenfalls um einiges schlanker aus.“ Unwillkürlich fühlte ich mich unbehaglich und schielte entschuldigend zu meinem zugegebener Weise in den letzten Monaten etwas angeschwollenen Bäuchlein hinunter. „Ich hatte in der letzten Zeit etwas Stress. Kam nicht so zum Sport treiben …“, setzte ich zu einer Erklärung an.

„Nein, nein, nein!“, unterbrach mich Nicolas und fixierte mich mit einem zwingenden Blick. „Keine Entschuldigung. Wie sagt Jonathan Sunday so schön: ‚Es gibt keine Entschuldigung für Entschuldigungen’.“ Mir war der Name des amerikanischen Mentaltrainers Jonathan Sunday, Autor des Weltbestsellers „Pray for Cash“ natürlich ein Begriff.

„Wenn du eingesehen hast, dass du zu dick bist, dann fang nicht an, mir das zu erklären, sondern triff eine Entscheidung und ändere dann dein Verhalten Schritt für Schritt. Ich z.B. gehe jeden Morgen erst Mal eine Stunde joggen, bevor ich meinen Rote-Beete-Saft trinke. Da bin ich eisern. Keine Ausnahmen, keine Entschuldigungen. Es gibt zwei Typen von Menschen, weißt du, welche das sind?“, fragte er, und ich fühlte mich plötzlich wie ein Schüler in einer Prüfung. Ich zuckte mit den Achseln.

„Es gibt Gewinner und Verlierer. Und weißt du, was die einen von den anderen unterscheidet? – Für einen Verlierer sind immer nur die anderen daran schuld daran, was sie aus ihrem Leben gemacht haben: Mal ist es das Milieu, mal die Eltern, der Lehrer, der Chef … Ein Gewinner dagegen …“ Nicolas war mit seinem Gesicht jetzt noch näher gekommen, so dass ich sein Rasierwasser und den reinen Minzegeruch seines Atems riechen konnte. „… Ein Gewinner trifft Entscheidungen und übernimmt die Verantwortung dafür. Was machst du übrigens beruflich?“

In Anbetracht meiner momentan eher ruhmlosen beruflichen Situation fühlte ich mich durch diese Frage etwas unter Druck gesetzt. Ich merkte, wie ich an den Handflächen und unter den Achseln zu schwitzen begann und fühlte mich am ganzen Körper klebrig und verschlackt. Mein bisheriger beruflicher Weg erschien mir auf einmal wie eine ununterbrochene Kette von Fehlleistungen und Versagen. „Ich bin … nun ja, das lässt sich nicht so in einem Satz sagen … ich betreibe ein unabhängiges Webmagazin.“ „Wie viele Hits pro Tag? Wie viele Einnahmen durch Bannerwerbung?“, fragte Nicolas in einem ungeduldigen, zackigen Tonfall. „Nun ja, das Magazin ist eigentlich im Moment noch im Aufbau begriffen. Es ist noch ein bisschen Arbeit nötig, bis es mich finanziell trägt …“ „Er ist Hartz-IV-Empfänger“, unterbrach mich Anna. Ich quittierte ihren Verrat mit einem giftigen Blick.

Wider Erwarten schien diese Eröffnung Nicolas jedoch gnädig zu stimmen. „Naja, das macht ja nichts. Es kommt nicht so sehr darauf an, ob jemand fällt. Worauf kommt es an?“ Er ließ seine geöffnete, rechte Hand ungeduldig in Brusthöhe kreisen, womit er sagen wollte, dass ich mich mit meiner Antwort zu beeilen hätte. „Es kommt darauf, an ob jemand die Kraft hat, wieder aufzustehen“, assistierte ich ihm, weniger aus Überzeugung, als in der Hoffnung, das Gespräch durch mein Entgegenkommen vielleicht abkürzen zu können.

„Ganz genau!“ Er deutete mit seinem Zeigefinger wie mit einer Lanzenspitze auf mich. „Es kommt darauf an, dass ob er fähig ist, genau einmal öfter aufzustehen als er hinfällt.“ Nicolas legte seine Hand auf meiner Schulter ab, die unter dem Druck leicht nachgab und setzte seinen unerschütterlichen Motivationsblick auf. „Kennst du die Geschichte von den beiden Brüdern? Der einer landet als Obdachloser unter der Brücke, der andere ist jetzt ein erfolgreicher Day-Trader mit eigenem Maklerbüro, Haus in der Elbchaussee und Ferienhaus an der Costa del Sol. Und weißt du, was beide unisono geantwortet haben, als ich sie fragte, was sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind?“

Ich musste die Antwort schuldig bleiben.

   
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