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Satireecke

Der Hybrid-Mann

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„’Kein Wunder’, haben beide gesagt‚ bei den Eltern!’ Verstehst du, was ich meine?“ Ich verstand durchaus.

„Und siehst du, deshalb möchte ich von dir nie wieder – verstehst du mich: nie wieder – hören, dass irgendjemand anderes für dein Leben die Verantwortung trägt als du selbst.“ Ich merkte, dass ich gegen Nicolas’ rhetorische Brillanz keine Chance hatte und versuchte es mit einer Flucht nach vorn. Vielleicht war das offenherzige Eingeständnis der eigenen Erbärmlichkeit der Weg, um Gnade vor den Augen des Makellosen zu finden. „Sicher hast du Recht, Nicolas. Ich wollte sowieso diese Woche wieder mit dem Schwimmen im Volksbad anfangen. Es hat erst letzten Samstag wieder geöffnet. Die Trennung von Anna hat mich nur etwas traurig gestimmt. Ich brachte morgens einfach nicht die Energie auf …“

„Nein, nein, nein!“, unterbrach mich Nicolas mit einem vehementen Blitzen seiner Augen. Ich starrte ihn eingeschüchtert an.

„Nicht Anna war es, die dich traurig gemacht hat. Du hast dich dazu entschlossen, dich traurig zu fühlen. Ebenso gut hättest du dich entschließen können, zu sagen: ‚Na gut, ich habe diese Frau jetzt verloren. Aber schon heute beginne ich damit, mein neues Leben erfolgreich und dynamisch zu gestalten. Dann bin ich auch für eine neue Frau wieder ein attraktiver Partner.“

„Schon heute beginne ich damit, mein Leben erfolgreich und dynamisch zu gestalten …“, wiederholte ich leiernd. Es muss wohl geklungen haben, als sagte ein Schüler eher unwillig seine Lektion auf.

„Nein, nein, nein! Das klingt immer noch so, als ob du auf einer Beerdigung wärst. Schultern nach hinten, Bauch rein, Beine schulterbreit fest auf dem Boden und erst mal drei kräftige Atemzüge. Es ist nicht nur die innere Haltung, die die äußere Haltung beeinflusst, diese Regel gilt genauso gut auch umgekehrt.“ Überwältigt von Nicolas’ Charisma gehorchte ich und atmete in soldatischer Körperhaltung hastig ein und aus. Die Übelkeit überkam mich unerwartet und jäh. Ohne Anna und Nicolas etwas erklären zu können, rannte ich auf die Toilette und übergab mich in einem säuerlich riechenden Sturzbach. Als ich wieder herauskam, merkte ich, wie meine Beine schwankten und das Bild vor meinem Blick verschwamm. „Ich …“, stammelte ich, „ich habe mich dazu entschlossen, Übelkeit zu empfinden und dann habe ich mich dazu entschlossen, auf dem Klo zu erbrechen … und … ich glaube, ich habe mich auch dazu entschlossen, jetzt nach Hause zu gehen.“

„Setz dich erst mal“, sagte Anna und brachte mir ein Glas Mineralwasser. Zum ersten Mal seit unserer Trennung glaubte ich etwas wie Wärme in ihrer Stimme zu spüren. Es war immer eine Stärke von Anna gewesen. So kühl sie im Alltag wirken konnte, wenn es mir oder jemand anderem wirklich dreckig ging, war auf Anna Verlass.

„Du musst nicht so streng mit ihm sein“, wandte sie sich an den sichtlich angewiderten Nicolas, so wie eine Mutter bei einem Vater für den gemeinsamen Sohn um Schonung bittet. „Er hat halt nicht deine Gene.“ „The difference is obvious“, rezitierte Nicolas ungerührt und begann wieder auf mich einzureden: „Atme tief und sprich bei jedem Atemzug im Gedanken: Mir geht es gesundheitlich in jedem Augenblick immer besser und besser.“ Ich schwieg noch leicht benommen und war froh, dass Anna die angespannte Stille unterbrach:

„Schon wieder eine Spinne“, rief sie fast zärtlich, während ihre Augen zu einem schummrigen Winkel an der Zimmerdecke wanderten. Tatsächlich hockte dort zwischen staubigen Fäden ein recht großes Exemplar, hochbeinig, mit schlankem Körperbau. „Anna, hatten wir nicht ausgemacht, dass das Ordnungsniveau in deiner Wohnung …“, mahnte Nicolas.

„Ich weiß, Schatz, aber ich hatte in den letzten Wochen immer erst so spät Dienstschluss, musste für eine Kollegin einspringen …“ „Anna! Was hatten wir ausgemacht?“ „Ich weiß Schatz, ‚keine Entschuldigungen’. Du hast natürlich Recht. „Ganz genau“.

„Ich hol sie“, sagte ich und ging mit der Selbstverständlichkeit eines ehemaligen Mitbewohners in die Küche, um die Utensilien zum Spinnenfang zu holen: einen alten Plastikbecher und einen quadratischen Notizzettel von Annas Zettelblock, der immer auf dem Telefonschrank lag.

Anna mochte Spinnen. Als wir noch zusammen waren, hatten wir eine besonders dicke Kreuzspinne sogar als eine Art Haustier adoptiert. Wir nannten sie „Kankra“ und beobachteten sie oft stundenlang fasziniert beim Netzbau. Wir hatten keine Angst vor ihr. Anna bestand sogar darauf, Kankra ihren Lebensraum zu lassen solange sie wollte, obwohl ich dafür plädiert hatte, sie vorsichtig mit der Becher-Papier-Methode nach draußen zu befördern. Manchmal, wenn die Fäden bei einem bestimmten Licht glitzern, ergaben sie ein bezauberndes, hauchzartes Muster vor der Fensterscheibe, während Kankra trotz ihres kugelförmigen, massigen Körpers mit erstaunlicher Eleganz auf ihrem Netz hin und her balancierte. Irgendwann war das Netz dann über Nacht verschwunden. Offenbar war Kankra freiwillig gegangen, weil in unserer Wohnung nicht genügend Fliegen verkehrten.

   
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