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Satireecke

Der Hybrid-Mann

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Ich stieg also mit Becher und Papier auf einen Stuhl und näherte mich der Spinne vorsichtig. Sie musste aber etwas gewittert haben, denn immer entkam sie dem Becher um Haaresbreite. Ich stieß mit dem Becherrand auch nicht so schnell und heftig zu, wie ich es hätte tun können, denn ich hatte Angst, die zarten Beine der Spinne einzuklemmen und irreparabel zu beschädigen.

„Nun wollen wir das traurige Spiel aber mal ein wenig abkürzen.“ Ich wollte gerade meinen Stuhl in eine andere Position bringen, um die Spinne besser erreichen zu können, da hörte ich ein lautes Klatschen. Triumphierend präsentierte uns Nicolas eine TV-Zeitschift, auf der – platt gedrückt und armselig – die Leiche der Spinne klebte.

Ich suchte Annas Augen, um herauszufinden, ob sie dasselbe empfand wie ich, doch sie wich mir aus. „Ich töte Spinnen normalerweise nicht“, murrte sie, jedoch mit der gedämpften Wut einer Frau, deren Wille schon teilweise gebrochen ist. „Sie hat ihre Chance gehabt. Wer zu langsam ist, den bestraft das Leben“, sagte Nicolas ungerührt. Und er vergaß nicht, an mich gewandt hinzuzufügen: „Wie bei der Jobsuche, mein Lieber“.

Anna sagte nichts mehr, schien aber immer noch traurig zu sein. „Was ist?“, schnauzte sie Nicolas an. „Machst du mir Vorwürfe wegen dem Spinnenvieh?“ „Sie wollte vielleicht auch leben“.

„Es geht nicht darum, ob jemand leben will, Anna. Es geht darum, ob er stark genug ist, sich sein Leben auch zu verdienen. Das ist ja gerade der Irrglaube, der zu dem beklagenswerten Verfall der alten Menschheit geführt hat: Ihr wollt sie alle am Leben lassen: die Schwachen, die Trägen, die Ineffektiven … Es rechnet sich einfach nicht, gesellschaftliche Ressourcen an die Schwachen zu verschwenden. Wenn ihr das nicht begreift, dann seid ihr eine zum Aussterben verurteilte Spezies – genetisch defekte Auslaufmodelle, deren historische Bedeutung sich darin erschöpft, für uns den Weg bereitet zu haben.“

„Jetzt übertreibst du aber, Schatz“, meinte Anna mit einer schüchternen Stimme, die ich an ihr früher nicht gekannt hatte. „Wahrscheinlich hat er Recht“, sagte ich. „Ich hatte sowieso schon länger den Eindruck, dass das Wirtschaftsleben fast nur noch aus Menschen wie Nicolas besteht. Die genetische Optimierung wäre vielleicht gar nicht notwendig gewesen.“

„Ah, der Herr Transferleistungsempfänger versucht, witzig zu sein“, sagte Nicolas in einem Tonfall, der ruhig, überlegen und zugleich bedrohlich klang. „Menschen wie ich, wie du dich auszudrücken beliebst, leisten Tag für Tag einen wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft. Zum Beispiel, wie in meinem Fall, indem sie zur Zwangsversteigerung freigegebene Häuser billig aufkaufen und sie dann mit hohen Preisaufschlägen an Interessenten weiterverkaufen.“

„Es stimmt, von der Not anderer zu profitieren, qualifiziert ihn eindeutig als die Spezies der Zukunft“, sagte ich augenzwinkernd zu Anna. Ich fühlte mich jetzt wieder ein bisschen kräftiger und gegen meine Gewohnheit sogar kampfeslustig.

Aus Nicolas’ sonst so heiter-nichtssagendem Blick funkelte mich für einen Augenblick ein konzentrierter Hass an, der mich zusammenzucken ließ. „Ich verspreche dir, Schlaumeier, dass auf diesem Planeten in weniger als 5 Jahren alle maßgeblichen Machtpositionen von uns besetzt sein werden. Wie es um die Zukunft eurer wehleidigen und ineffizienten Spezies bestellt sein wird, darüber entscheiden dann wir. Für Loser wie dich, die sich uns in den Weg zu stellen versuchen, sehe ich dann jedenfalls schwarz – ganz, ganz schwarz.“ Nicolas verzog dabei seinen Mund zu einem breiten Schwarzenegger-Grinsen, das mehr Beißlust als Heiterkeit ausdrückte. „Vergiss nicht, dass wir in der Mehrheit sind“, erwiderte ich frech, musste dabei aber gegen eine aufkommende kalte Angst ankämpfen.

„Auch das ist wieder so ein Denkfehler, der mir beweist, wie wenig zukunfts- und wettbewerbsfähig Eure genetische Codierung ist. Kannst du dich erinnern, dass sich politische Entscheidungen in letzter Zeit jemals danach richteten, was die Mehrheit der Menschen will? Politisches Handeln befindet sich schon lange in einem fortschreitenden Prozess der Emanzipation von den Vorurteilen und überholten Denkmustern des unwissenden Volkes. Ein Politiker ist nicht dem Besitzstandsdenken des Pöbels, sondern einzig seine überlegenen Einsicht in das Notwendige und Zukunftsfähige verpflichtet.“

Wieder traf mich sein scharfer Minzeatem aus nächster Nähe wie ein Geschoss, und ich sah in seine kalten Augen wie in einen endlosen Brunnenschacht, von dessen Grund mich statt des Leben spendenden Wassers die kalte, ungeformte Weite des Nichts anblickte. Mich fröstelte, und ich musste den Blick abwenden..

   
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