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Satireecke

Interview mit Wolf Schneider über Humor und Spiritualität

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Interview mit Wolf Schneider über Humor und Spiritualität
Wolf Schneider © Aniela Adams

Was ist daran so witzig?

Anlässlich der Auftritte von Wolf Schneider im Galli-Theater München im Februar (letzter Auftritt am 23. Februar) hat ihn vor einigen Tagen Verena Kotzwinkle, eine Münchner Studentin der Medienwissenschaften, interviewt und dabei festgestellt, dass es mit seinem Verhältnis zum Humor doch nicht so weit her ist. Er habe sich aber – so jedenfalls ihr Eindruck – ganz gut rausreden können

Herr Schneider, sie treten diesen Februar im Galli-Theater als Esoterik-Kabarettist auf. Was verstehen Sie darunter? Wie können Sie sich als spiritueller Mensch über die Themen belustigen, die Ihnen doch angeblich so am Herzen liegen?

Ja, gerade deshalb. Weil sie mir so am Herzen liegen, deshalb meine ich, dass sie Humor verdient haben. Indem ich sie auf die Schippe nehme, hebe ich sie ja hoch! Viele dieser Themen liegen am Boden – soweit jedenfalls mein Eindruck, wenn ich mich in der Szene umsehe. Diese Themen brauchen jemanden, der sich ihrer erbarmt und sie hochnimmt.

Das klingt aber jetzt doch ein bisschen abfällig, Herr Schneider. Ich praktiziere selbst seit vielen Jahren Reiki und habe nicht den Eindruck, dass das am Boden liegt.

Reiki ist da natürlich eine Ausnahme, denn so viel ich weiß, praktizieren Sie das authentische Usui-System. Aber was ist mit den anderen, den nicht authentischen Systemen? Ich belustige mich natürlich nur über die nicht authentischen Methoden. Anders gesagt: Ich teste die Authentizität der Methoden, indem ich mich über sie belustige. Wenn Sie nicht gerade mich interviewen würden und ich mich deshalb mit Ihnen gut stellen muss, könnte ich jetzt zum Beispiel versuchen, Ihre Methode zu beleidigen …

Oh … (lacht) …, nein, das muss jetzt nicht sein. Ich würde Ihnen lieber noch ein paar Fragen stellen.

Nur zu.

Wie sind Sie darauf gekommen, das zu machen? Als einer, der seit mehr als 30 Jahren täglich meditiert und seit mehr als 25 Jahren die damit älteste spirituelle Zeitschrift auf Deutsch herausgibt.

Ich musste. Schaun Sie: In all den Jahren, da ich als Zeitschriftenmacher diese Szene bediene, hat sich auch so einiges in mir angesammelt. Das muss raus. Man geht ja nicht mit allem 100%ig bewusst um, auch ich nicht. Also sammeln sich da Sedimente an, Ablagerungen. Die werden zu Verkrustungen. Das macht einen dann schwerfällig und hart. Also lieber raus damit! Zum Beispiel, in dem ich auf der Bühne diese Typen inkarniere, denen ich in all den Jahren begegnet bin. Damit nehme ich sie hoch … will sagen: Ich hebe sie auf, ich mache etwas aus ihnen – und erleichtere mich dabei von diesen Ablagerungen.

Ich habe von Zuschauern ihrer Auftritte gehört, dass man da manchmal nicht weiß, ob das nun echt ist, oder ob es eine Verarschung sein soll.

Das weiß man ja auch sonst nicht: in der Politik, in der Wirtschaft, in unseren privaten Beziehungen. Sagen wir lieber: Ich nehme sie hoch. So wie unsere Politiker uns hochnehmen und unsere Wirtschaftsführer. In den arabischen Ländern gehen sie jetzt dafür auf die Straße, bei uns noch nicht.

Aber Sie legen doch sonst so großen Wert auf Ehrlichkeit und Authentizität. Hier aber, zum Beispiel bei ihrem Auftritt als Satsanglehrer, weiß man ja nicht, ob das nun ein echtes Schweigen ist oder ob Sie nur so tun, als würden Sie echt schweigen.

Stimmt. Das weiß ich auch oft nicht. Wenn ich meine Freundin beleidige und sie dann nichts sagt, weiß ich auch oft nicht: Hat ihr das nun die Sprache verschlagen? Ist das ein echtes, tiefes Schweigen? Hat sie Shunyata erreicht, No-Mind, die Leere? Oder überlegt sie nur, wie sie mir diesen Angriff am besten zurückgeben kann? Und wenn ich als Sri Shitananda schweige, dann betrüge ich die Zuschauer natürlich so, wie schon Osho und die anderen Gurus es taten. Ich sage einfach nichts, weil mir in dem Moment nichts einfällt. Und damit mir das nicht als Mangel an Kreativität oder Schlagfertigkeit oder Präsenz ausgelegt wird, tue ich so, als sei das der Inbegriff von Religiosität.

Das ist aber ein heftiger Angriff auf sprituelle Lehrer aller Art!

Das soll es auch sein. Ich oute mich damit gewissermaßen als Kollege von ihnen. Ich mache meinen Zuschauern etwas vor, genauso wie sie es ihren Schülern gegenüber tun. Und wir alle einander. Daraus bestehen die Gesellschaften, unser ganzes soziales Leben besteht daraus. Wer das erkennt, ist erwacht! Aber damit habe ich eigentlich schon viel zu viel verraten. Ich möchte ja, dass die Leute in meine Kabarett-Auftritte kommen! Deshalb habe ich es vorhin auch vermieden, Sie wegen ihres authentischen Reiki zu beleidigen.

Ich bedanke mich herzlich für Ihre Rücksicht – und für dieses interessante Gespräch!

Das Interview führte Verena Kotzwinkle

Verena Kotzwinkle, 26, ist Studentin der Medienwissenschaften, mit großem Interesse an spirituellen Themen. Sie lebt zur Zeit mit ihrem Cockerspaniel im Süden von München. Für dieses Interview haben wir sie leider mit einer gewissen Summe bestechen müssen (+ ein paar Leckerli für den Spaniel), damit sie es überhaupt durchführt. Aber das war es uns wert.

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