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Satireecke

Reportage über den Tod Gottes

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Der »Instant-Illuminator« kann Erleuchtung per Knopfdruck erzeugen

»In einem Augenblick, durch Knopfdruck, erreichen Sie, was früher nur großen Meistern und Heiligen nach Jahrzehnten härtester Askese und Selbstdiszplin möglich war«. So vollmundig klingt die Werbung für den geheimnisvollen »Instant-Illuminator« der Firma Awakening Now, die sich an connection vor einigen Wochen wegen einer Werbekooperation gewandt hatte.

Als Redakteur empfand ich die aufgeblasene Werbung als Zumutung und lehnte einen Abdruck in meinem Magazin rundweg ab. Eines Tages aber rief mich der Salesmanager der Firma, Saruman Klohse, an und forderte mich auf, einfach an einem kleinen Experiment teilzunehmen. Ich könne mich ja dann selbst davon überzeugen, ob die in der Werbebroschüre aufgestellten Behauptungen übertrieben wären oder nicht.

Wir fanden uns zu dritt in einem Testlabor des Münchner Firmensitzes von Awakening Now wieder: Klohse, ich und eine mir unbekannte Testperson, ein 45-jähriger Mann, den der Versuchsleiter nach eigenen Angaben durch Verschieben eines Reglers am »Instant-Illuminator« binnen Sekunden in einen Zustand versetzen wollte, den man gemeinhin »Erleuchtung«, »Realisation« oder »Erwachen der Buddha-Natur« nennt.

»Ihrer Skepsis entnehme ich, dass Sie der Ideologie anhängen, alles wirklich Erstrebenswerte müsse hart erarbeitet werden.« Mit diesen forschen Worten versuchte Saruman Klohse meinen Einwänden gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. »Sie glauben, der Weg zur Erleuchtung müsse mühevoll und steinig sein, Ozeane von Zeit müssten durchquert werden, tausend Tode gestorben sein, bevor es so weit ist ...!? Nun, was immer Sie denken, hat die Tendenz, sich in der Realität zu manifestieren. Wenn Sie glauben, die Erleuchtung käme nur durch asketische Geistesschulung zu Ihnen oder durch blinde Unterwerfung unter einen sogenannten Meister - nun, dann wird es für Sie wohl so sein. Sie werden sich das Schicksal, das Sie glauben, erdulden zu müssen, selbst kreieren.

Wir wissen aus der Psychoanalyse, dass einem 'harten' Lebensweg oft ein unbewusster Selbstbestrafungswunsch zugrunde liegt, der in der Kindheit ihren Ursprung hat. Wenn Sie die Illusion durchschaut haben, wenn Sie im Innersten davon überzeugt sind, dass Sie das Glück verdient haben - jetzt! hier! -, dann werden Sie erleben, dass es Ihnen geschenkt wird. Alles wirklich Schöne wird geschenkt, wenn die Zeit dafür reif ist: Bei der Erleuchtung ist dies nicht anders als bei der Liebe. Unsere Kunden haben durchschaut, dass die schweren, die langwierigen Wege vor allem jenen dienen, die ein finanzielles Interesse oder neurotisches Bedürfnis danach haben, Schüler in langfristigen Abhängigkeitsverhältnissen zu halten. Wem die Erleuchtung ständig wie eine Karotte vor die Nase gehalten wird, der wird den Karren seines 'Meisters' länger geduldig ziehen. In Wahrheit ist die Zeitschiene eine Illusion, die Vorstellung, dass es einen Unterschied gäbe zwischen Erleuchtung und Nicht-Erleuchtung, ist Illusion. Alles was Sie je meinen, erreichen zu müssen, sind Sie immer schon gewesen. Warum nicht gleich hier, jetzt 'Das-was-immer-schon-war' realisieren? Lehrer des Advaita Vedanta wissen das schon lange und propagieren deshalb eine 'stufenlose' Instant-Erleuchtung. Vielen ihrer Schüler gelangen auch solche plötzlichen Durchbrüche. Das Problem ist nur: Die Erleuchtungszustände erfolgen zu unregelmäßig, sind in ihrem Kommen und Gehen zu wenig vorhersehbar. Das kann zu Enttäuschungen führen. Der Instant-Illuminator schenkt jedem Erleuchtung: sofort! garantiert! Erleuchtung ist keine Frage der Schulung oder Arbeit an sich selbst. Sie ist eine Frage der Schwingungsfrequenz.«

Klohse kam dann auf komplizierte biophysikalische Vorgänge zu sprechen, die widerzugeben den Rahmen dieser kurzen Reportage sprengen würde. Alles Lebendige, so der Tenor seiner Ausführungen, habe eine spezifische Schwingungsfrequenz. Höhere Frequenz bedeute eine zunehmende Verfeinerung, eine Durchlichtung und Durchgeistigung von Materie. Sie sei gleichzeitig an höhere Formen des Bewusstseins gekoppelt. Ein Organismus, der massiv der Bestrahlung durch höhere Frequenzen ausgesetzt sei, neige dazu, seine Schwingungen denen des »Instant-Illuminators« anzugleichen. Beim vorliegenden technisch ausgereiften Verfahren sei es dem Hersteller gelungen, höhere bis höchste Ebenen des Bewusstseins allein durch einfaches Verschieben eines Reglers zu erzeugen.

Dann erklärte mir Klohse die Apparaturen. Zwei Elektroden waren an den Schläfen der Testperson angeschlossen, mit einer Art Kopfhörer verbunden. Die Arme waren auf dem weichen Poltersessel festgeschnallt. Unter den armbandartigen Verschlüssen befanden sich Metallplättchen, die mit einem feuchten Tuch mit den Handgelenken verbunden waren. Der Instant-Illuminator selbst war nur ein erstaunlich kleines Gerät, im Umfang vergleichbar einer Schuhschachtel. Er enthielt nur wenige Knöpfe und als zentrale Vorrichtung einen Regler, ähnlich den Drehknöpfen an Waschmaschinen oder Backöfen. Der Regler umfasste fünf Stufen.

»Stufe 1 ermöglicht Ihnen eine noch milde, beinahe unmerkliche Bewusstseinsanhebung«, erklärte mir Klohse. »Sie werden weitgehend frei von den gröbsten Formen der Anhaftung an materielle Dinge und Menschen. Sie identifizieren sich nicht mehr so stark mit Ihrem Körper, Ihren Emotionen und Ihrem Intellekt, sind imstande, sich von den Dramen Ihres Lebens ein Stück weit zu distanzieren und die Position eines liebevollen Zeugen gegenüber Ihren eigenen Handlungen und denen Ihrer Mitmenschen einzunehmen.

Auf der Stufe 2 werden Sie hellfühliger gegenüber feinstofflichen Phänomenen. Aurasehen und die Wahrnehmung positiver und negativer Energien können spontan auftreten, sogar die Fähigkeit, feinstoffliche Wesen, Verstorbene und andere, für Nicht-Erleuchtete unsichtbare Wesen wahrzunehmen. Der Prozess der Entidentifikation mit der Persönlichkeit, mit Masken und Rollen schreitet weiter fort. Auf Stufe 3 treten Erlebnisse des Einsseins und der Verschmelzung mit der unmittelbaren Umgebung auf: mit Bäumen, einem Berg oder einem anderen Menschen. Sie fühlen sich dann nicht mehr isoliert in Ihrem Körper, sondern sind zugleich der Baum, die Blume, der Himmel über Ihnen. Es ist, als ob der Baum ein Teil Ihres Körpers sei, der sich selbst durch Ihre Augen betrachtet. Die Zustände auf Stufe 3 sind aber nur vorübergehend und noch sehr labil.

Auf Stufe 4 schließlich erreichen Sie den Zustand des »immerwährenden Samadhi«. Sie verschmelzen nicht mehr mit der Natur um Sie herum, weil es kein Ich mehr gibt, was verschmelzen könnte. Die Dualität von Subjekt und Objekt, Ich und Welt ist völlig aufgelöst, Sie haben ein sogenanntes nonduales Bewusstsein erreicht.« Ich merkte, dass Klohse bei der Erklärung von Stufe 5 halt machte, als hielte ihn eine unsichtbare Schranke, eine Art Tabu davor zurück, auch dieses Letzte zu enthüllen. Nach einem Zögern fuhr mein Begleiter jedoch fort: »Wenn du die 5. Stufe auf dem Regler einstellst - dann wirst du zu GOTT. Es ist technisch machbar«, sagte er mit einem Ausdruck von Nervosität und Scheu im Gesicht, den ich an dem sachlichen Mann bisher nicht kannte, »aber es ist nicht erlaubt. Es ist in der Ordnung der Natur nicht vorgesehen. Alle Versuchspersonen müssen vorher ein Papier unterschreiben, in dem sie sich unter Strafe verpflichten, nicht selbst den Regler auf Stufe 5 zu stellen.«

Ich sah hinüber in die verklärten Gesichtszüge der Testpersonen. Sie waren so entspannt wie niemals die Züge gewöhnlicher Personen. Entpannter selbst als die eines Schlafenden, eher vergleichbar einem Toten, nur leuchtender und vollkommen lebendig. »Er hat den immerwährenden Samadhi erreicht«, erklärte Klohse. »Immerwährend?«, frage ich. »Wie lange kann der Instant-Illuminator denn seinen Betrieb aufrecht erhalten?« »Die Batterien können während des Betriebs ausgewechselt werden. Theoretisch unbegrenzt lang. Die Grenze ist aber durch die Erhaltungsfähigkeit seines Körpers gegeben. Wir müssen abschalten, wenn der Organismus Nahrung braucht. Die Versuchspersonen werden vorher darauf aufmerksam gemacht, dass wir sie zurückholen müssen und dass die Rückkehr hart sein wird. Keiner, der je dort gewesen ist, möchte zurückkommen, aber es geht nicht anderes. Aus rechtlichen Erwägungen können wir sie nicht einfach sterben lassen, selbst wenn sie dies wünschen.«

Plötzlich sah ich, wie die Versuchsperson in heftige Zuckungen und Vibrationen geriet. Innerhalb weniger Sekunden schien sein Körper in einem hellen, durchsichtigen Orange zu leuchten wie die Glut eines erlöschenden Feuers. Dann schien er sich in ein weißes blendendes Licht aufzulösen, vor dem ich unwillkürlich die Augen mit meinem Handrücken verdeckte. »Er hat den Regler selbst auf Stufe 5 gestellt«, hörte ich Saruman Klohse entsetzt rufen. Ich sah, wie er den Regler hektisch zurückdreht und an der Versuchsperson Wiederbelebungsversuche anstellte, die wie eine leblose Puppenhülle in den Sessel gesunken war. Aber offensichtlich war es zu spät.

»Gott ist tot«, sagte Klohse bestürzt. »Sein Organismus ist einfach verglüht. Er war zu begrenzt, um das Bewusstsein Gottes aufnehmen zu können.« »Er war in diesem Moment wirklich Gott?«, fragte ich zweifelnd. »Ja, und wir wissen nicht, wie lange dieser 'Moment' für ihn gewesen ist. Für Gott zählen unsere Zeitkategorien nicht. Er kann, während er da lag, ein Universum mit Myriarden bewohnter Planeten erschaffen und wieder vernichtet haben. Vielleicht ist ja die Welt, wenn wir dieses Labor verlassen, eine andere als vorher, weil Gott sie durch seinen unerforschlichen Willen umgestaltet hat. Vielleicht ist da draußen ja jetzt eine neue Erde, neue Sterne, neue Farben, neue Düfte, neue Pflanzen, neue Tiere, neue Menschen ...«

Während Saruman Klohse das sagte kam mir ein noch wahnwitzigerer Gedanke: Wie, wenn unser Universum der Traum eines Menschen wäre, der an einen Instant-Illuminator angeschlossen wurde. Irgendjemand hat die Maschine dann abgeschaltet, und Gott fiel wieder aus seinem Universum heraus. Und so leben wir seitdem: allein, ohne ihn. Jedenfalls würde das vieles erklären, was hier geschieht ...

Roland Rottenfußer arbeitete jahrelang als connection-Redakteur, ehe es ihn zum Schweizer Magazin "Zeitpunkt" verschlug. Er schreibt auch für das Konstantin Wecker Projekt www.hinter-den-schlagzeilen.de.

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