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Satireecke

Die Markenkinder

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© Stephanie Hofschlaeger pixelio.de

Einblicke in das Erziehungssystem der Zukunft

Es war einmal – das funktionierende Gemeinwesen. Dem unter dem Schuldendruck stöhnenden Staat kann heutzutage nicht mehr zugemutet werden, zum Ausgleich für die wachsenden Geldsummen, die er dem Steuerzahler abknöpft, tatsächlich eine Gegenleistung zu erbringen: zum Beispiel ein kostenfreies, funktionierendes Erziehungssystem zur Verfügung zu stellen. Wer aber soll dann unsere Kinder erziehen? Der hoffnungsvolle Blick richtet sich wie so oft auf die Wirtschaft. Großen Markenfirmen gelingt es ja auf rätselhafte Weise, große Teile der von den Arbeitenden erwirtschafteten Geldströme auf sich zu lenken. Was läge da näher, als dass Unternehmer mehr Verantwortung übernehmen – auch für die Erziehung unseres Konsumentennachwuchses? Freilich, eine Kindheit im herkömmlichen Sinn wäre unter dem wachsenden Druck eines neuen globalen Standortwettbewerbs ineffizient und dürfte somit bald der Vergangenheit angehören.

1. Teil: Handy Flummys

Die Handy Flummys sind ein buntes und fröhliches Völkchen: Gnome mit einfältigen Gesichtszügen, die ihre Gemütsstimmung kindgerecht mit nur wenigen gezeichneten Strichen ausdrücken können. Ihre Charaktere sind vor allem durch verschiedenfarbige Jäckchen und Mützen unterscheidbar: Smarty Flummy, der Anführer der kleinen Gemeinschaft, ist rot gewandet, der hektische Quicky Flummy lila und der steinreiche, stets freigiebig mit herzförmigen Bonbons um sich werfende Richy Flummy gelb gekleidet. Nur der immer etwas düster aus der Wäsche schauende Dummy Flummy hält sich in gedecktem Schwarz und steht meistens abseits.

Im Zeichentrick-Universum der beliebten Flummy-Serie, die vom Otter-Konzern exklusiv für die Zöglinge von Kid’s Paradise produziert wird, lösen sich alle Probleme innerhalb kürzester Zeit in Wohlgefallen auf. Meist ist es das omnipotente Fischotter-Wesen »Otti Otter«, das durch Verteilung von Original Otter-Handys gleichsam als Deus ex machina ins Spiel kommt und alle dunklen Schatten über der grünen, mit übergroßen Blumen gespickten Wiese von Flummy-Land wegscheucht.

Auch diesmal ist das nicht anders: »Mir ist sooooo langweilig!« klagt Quicky Flummy, und Richy Flummy assistiert: »Und ich fühl mich sooooo einsam!« »Wisst ihr was?«, wirft der altkluge Smarty Flummy ein: »Wir rufen mit unseren Original Otter-Handys unsere Freunde an und feiern alle zusammen ein Fest.« »Jaa, prima!« rufen alle, und dann kommt der Slogan, den alle Kinder von Kid’s Paradise, längst auswendig kennen und im Chor mitsprechen: »Bei Flummys ist die Freude groß: Otter-Handys sind famos.«

Nur Dummy Flummy steht allein da

Die Augen der rund 40 einheitlich in Otti-Otter-Shirts gekleideten Kleinkinder, die sich im Vorführraum zur täglichen Handy-Flummy-Stunde versammelt hatten, waren gebannt auf die überdimensionierte Videoscreen gerichtet. »Jetzt kommt’s«, flüsterte mir mein Begleiter, Education Manager Guido Schicklgruber, zu und blickte mich dabei herausfordernd an, als hätte ich eine wahrhaftige Offenbarung zu erwarten. Mir war der ganze Kinderkram eigentlich zu viel. Ich hatte den Auftrag, eine Reportage über Kid’s Paradise, die erste geschlossene Markenkinder-Anlage auf deutschem Boden, zu schreiben, ja nur angenommen, weil ich das Geld dringend brauchte. So musste ich wohl gute Miene zum bösen Spiel machen und lächelte Herrn Schicklgruber etwas gequält zu.


© Stephanie Hofschlaeger pixelio.de

Die drei Flummys hackten inzwischen mit ihren Fingern auf ihren Handy-Tastaturen herum. Offenbar schrieb jeder eine SMS. Smarty Flummy, Quicky Flummy und Richy Flummy waren auch sogleich von einer Schar von Freunden umringt. Nur Dummy Flummy stand in seiner schwarzen Jacke allein da. Was regelmäßige Zuschauer der Serie längst wussten: Dummy Flummy besaß kein Original Otter-Handy. Im schlichten Zeichenstil der Handy-Flummy-Serie drückten seine Gesichtszüge mit den übergroßen Augen äußerste Niedergeschlagenheit aus. »Selber schuld, Dummy Flummy«, sagte eine belehrende Männerstimme aus dem Off.»Handy-Flummys hat man eben nur mit Handys lieb.« Und ein Chor aus Kinderstimmen sang: »Dummy-Flummy, Dummy-Flummy, niemand hat dich gern. Niemand spielt mit Dummy-Flummy, Freunde bleiben fern.«

Auf dem Bildschirm leuchtete ein gelber Stern mit nach allen Seiten blitzenden Strahlen auf. In seiner Mitte ragte nun eine Fischotterhand heraus, die dem Zuschauer ein nagelneues Original Otter-Handy entgegenstreckte: »Das neue Otter Omega-Kid: Handy, Fotoapparat, iPod, Babymelder und Schnuller in einem«, sagte eine Stimme. Tatsächlich war unterhalb der Tastatur, die von zwei winzigen Abbildungen des Maskottchens Otti Otter flankiert war, ein honiggelber Schnuller angebracht. »Natürlich sind die Handys für die Altersgruppe von ½ bis 2 ½ Jahre noch nicht geeignet«, erklärte Schicklgruber. »Bei den Kleinkind-Modellen sind ein paar Knöpfe angebracht, die Geräusche oder einfache Worte von sich geben: ‚hallo!’ oder ‚Tschühüß’ zum Beispiel. Die Kids sollen sich einfach früh an die Handys gewöhnen.»

Mythen und Identifikationsfiguren

Die kleinen Kinder im Vorführraum hatten vor Lachen gegrölt, während sie die Missgeschicke von Dummy-Flummy mitverfolgten. Ein Junge, gute zwei Jahre alt, drosch in der Spielecke auf eine etwa 8 Zentimeter große Weichplastik-Nachbildung von Dummy Flummy ein. »Du bist blöd!«, schrie er. Der bedauernswerte Dummy Flummy sah schon ganz ramponiert aus, die schwarze Farbe war abgeblättert, und die Naht, an der die beiden Plastikhälften der Figur zusammengefügt waren, war aufgeplatzt. Smarty-Flummy, Quicky Flummy und Richy Flummy sahen dagegen noch aus wie aus dem Ei gepellt. »Warum haust du denn deine Puppe?«, fragte ich den Kleinen verwundert. »Er ist blöd!«, war die schlichte Antwort, und das kleine, noch so glatt und unschuldig wirkende Gesicht verzog sich für einen Moment zu einer gehässigen Fratze. Der Junge bohrte verbissen mit seinem Fingernagel im rechten Auge Dummy Flummys herum.

»Sie sehen also, wir produzieren unsere hauseigenen Trickfilmserien nicht umsonst«, bemerkte mein Begleiter Guido Schicklgruber selbstzufrieden. »Es steckt durchaus ein pädagogisches Konzept dahinter.« Der EM, wie man den Education Manager abgekürzt nannte, ließ sich von meinem offenbar etwas skeptischen Gesichtsausdruck nicht beirren. »Überhaupt gibt es für jede Altersstufe die entsprechenden Mythen und Identifikationsfiguren. Das Gute an unserem Konzept des CES, des Closed Education System, ist ja nicht nur, dass wir die Einflüsse, denen die Kids ausgesetzt sind, selbst bestimmen können; wir können auch schädliche Einflüsse von außen ausschalten. Ein konsumfeindliches Kinderbuch wie z. B. »Momo«, mit dem anderswo Kinderseelen vergiftet werden, käme nicht einmal in die Nähe unserer Schützlinge.«

Die Kinder hatten – angeleitet durch erwachsene Kontaktpersonen – in erstaunlicher Ordnung und Lautlosigkeit den Vorführraum verlassen. Nur ein einsamer Junge mit etwas deprimiertem Gesichtsausdruck saß noch auf seinem Stuhl und drückte eine Plastikpuppe schützend an seine Brust. Die schwarze Mütze der Puppe ließ darauf schließen, dass es sich um Dummy Flummy handelte. Schicklgruber scheuchte den Jungen mit einer herrischen Geste hinaus. Wir waren jetzt allein im Raum.

Nachdem die Leinwand dunkel geworden und mit Hilfe einer automatischen Vorrichtung in einem Wandschrank verschwunden war, wurde die Aufmerksamkeit des Betrachters unvermeidlich von dem auffälligsten Einrichtungsgegenstand in diesem Raum angezogen: Das Porträt von Papa Otter, dem Firmengründer und ebenso abwesenden wie omnipräsenten geistigen Vater aller Otter-Kinder, schaute – je nachdem wie man es interpretieren wollte – gütig und zugleich mit einer gewissen Strenge auf uns hernieder. »Ich habe recherchiert«, konnte ich mir nicht verkneifen, zu erwähnen, »und weiß natürlich, dass der Firmengründer nicht Otter, sondern Klöck heißt. Der derzeitige Vorstandsvorsitzende heißt Ahriman Schnöhsel. Was sollen also diese Porträts von Papa Otter?«

Papa Otter sieht alles

»Sie haben uns durchschaut. Ich hätte mir denken können, dass ein professioneller Journalist wie Sie das herausbekommt«, sagte Guido Schicklgruber mit einem verschmitzten Lächeln. »Papa Otter gibt es natürlich nicht wirklich. Er ist eine imaginäre Figur, dargestellt von einem Schauspieler, die unseren vaterlosen Kindern Halt und Geborgenheit geben soll. Papa Otter wird noch in 100 Jahren genauso aussehe wie auf diesem Bild, er wird nie altern, nie in Rente gehen und nie sterben. Gerade deshalb ist er die höchste moralische Instanz unserer Anlage. Wir bläuen den Kindern von Anfang an ein, dass Papa Otter alles sieht – jede kleine Verfehlung. Und wenn sie nicht brav sind, spricht er strenge Strafen aus: z. B. ein SMS-Schreibverbot oder eine Woche Handy-Flummy-Entzug. Jetzt stell ich Ihnen aber eine unserer KCMs vor.«

»KCMs?«, frage ich leicht verwirrt nach.
»Kid Contact Managerinnen«, belehrte mich Schicklgruber. »In Ihrer Sprache könnte man wohl Ammen und Leihmütter dazu sagen. Sie übernehmen bei unseren Education Projects das Doing, controlen also die Hinführung der Kinder zum Konsum im frühen Growing Up-Stadium. Alle KCMs verfügen zugleich über eine fundierte Fachausbildung in Human Warmth. Dieser Aufbaulehrgang hat die Otter AG einen Haufen Geld gekostet, aber es war nötig geworden, nachdem uns ein paar Kinder eingegangen sind. Sie wissen ja: Bis zu einem gewissen Alter sind Liebe und Körperkontakt nun mal unverzichtbar – so ineffizient sie auch unter Kosten-Nutzen-Aspekten erscheinen mögen. Wir mussten das auch erst durch Try and Error lernen, nachdem ein paar fanatische Menschenrechtler uns wegen der Todesfälle in der Erprobungsphase mit Prozessen überhäuft haben und fast die Schließung unseres Kid-Paradieses erreicht hätten.«

»Bevor wir zu den Leihmüttern gehen: Sie wollten mir doch noch die Babyklappe zeigen«, wechselte ich das Thema.
»Richtig, gut, dass Sie mich daran erinnern«, sagte Schicklgruber. Wir nahmen einen Umweg. Der Seitenpfad führte uns an einem kleinen Planschbecken in Form eines übergroßen Handys vorbei. In dessen mit Wasser gefülltem »Display« hatten drei bis vier kleine Kinder Platz. Wenn man sich auf eine der »Tasten« setzte, erklangen, mit einer Computerstimme gesungen, beliebte Kinderlieder, etwa »Dummy Flummy, niemand hat dich gern.«

Die Mauer, die das Otter-Kid’s Paradise umgab, sah gar nicht wie die Umzäunung eines Kasernengeländes aus. Sie war gerade so hoch, dass ausgewachsene Teenager nicht über ihren Rand hinausschauen konnten und mit Otti-Otter-Motiven in allen Regenbogenfarben bemalt. An den meisten Stellen war die Mauer überdies durch dichten Pflanzenbewuchs nicht zugänglich. »Unsere pädagogischen Bemühungen reichen in der Regel aus, um zu bewirken, dass kein Kind auch nur das Bedürfnis hat, jemals in seinem Leben über den Rand der Mauer hinaus zu schauen«, erklärte mein Begleiter. Es hat ein paar Fluchtversuche gegeben, aber die Kids wurden bald wieder eingesammelt, weil sie heulend auf der Straße saßen und nach ihren Handys und nach ihren KCMs riefen. Die Mauer ist für diese Kinder die äußerste Grenze ihrer Welt.«

»Und wer ist dann Papa Otter?«, fragte ich mit einem Blick auf das hoch über der Mauer von einem Riesenplakat auf uns niederblickende Porträt des angeblichen Firmengründers.

»Oh, Papa Otter …«, antwortete Schicklgruber, und sein Blick funkelte ergriffen. »In dieser Welt, die für die Kinder die einzige Welt ist, die es gibt, steht Papa Otter für GOTT – und er duldet keine Götter neben sich.«

   
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