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Satireecke

Die Markenkinder

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3. Teil: Die Flucht

»Julia, hast du des Update downgeloadet?« Die Stimme der Erzieherin klang unerbittlich. »I hab dir doch ausdrücklich g’sagt, dass du des Update downloaden sollst. Schau, jetzt is der Firewall mit dem Pop-up-Preventer ned upgedatet, und jetzt muass i andauernd diese furchtbaren Pop-ups wegklicken!«

Die kleine Julia schaute schuldbewusst in den Boden. »Ich hab das Apdäit nich daunlouden können, weil ich nicht eingemörtscht war«, gestand sie mit stockender Stimme.

»Du warst ned eingemerged, ja warum denn ned? I hab dir doch extra letzte Woch’ a neue User-ID outgeprintet, damit du’s in’d Hosentaschen tun kannst, nachdem du ja ned amal in der Lage warst, deinen Handy-Speicher zu benutzen. Du bist ja schlimmer als der Dummy Flummy!«

Das saß. Die kleine Julia kauerte zusammengekrümmt in ihrer Ecke. Ihre scheu nach oben gerichteten Augen schienen äußerste Scham und den Hunger nach einem Wort der Vergebung auszudrücken. Selbst Otti Otter auf Julias T-Shirt sah durch die Beugung ihres Körpers so zerknittert aus, dass man hätte meinen können, er teile Julias Zerknirschung.

»Brauchst dich ned wundern, wenn dich keiner mehr mag. Ich mag dich auch nimmer, und der Papa Otter bestimmt auch ned.« Julia unterdrückte mühsam ein Schluchzen. Wie zur Bestätigung schien das – wie in allen Räumlichkeiten von Kid’s Paradise – über der Tür angebrachte Papa Otter-Porträt mit besonders streng zusammengezogenen Augenbrauen zu ihr herunter zu blicken. Julia schlich sich aus dem Zimmer.
»Sie müssen entschuldigen«, sagte die 45-jährige, etwas stämmige Frau mit dem leicht bayerischen Zungenschlag, und wandte sich dabei an Herrn Schicklgruber und mich. »I hab’s ihr wirklich schon hundert mal g’sagt, dass sie jede Woch des Update downloaden muss. Des Madl is einfach verstockt.«

»Frau Hingerl, eine unserer bewährtesten KCMs für Babys und Kleinkinder«, stellte mir Schickelgruber die Dame vor. »Sie kann Human Warmth ausstrahlen, aber auch knallhart sein, wenn’s drauf ankommt je nach Verhalten der Kids. Sie verkörpert unser Erziehungskonzept vortrefflich.«
»Verkörpern – buchstäblich!«, sagte Frau Hingerl mit einem koketten Augenaufschlag. Dann zog sie zu meiner Überraschung ihre Bluse ein Stück nach unten, so dass man ihr üppiges Dekolleté bis knapp oberhalb der Brustwarze bewundern konnte. Auf beiden Brüsten prangte, wahrscheinlich eintätowiert, das Logo des Otterkonzern mit dem vom großen »O« eingerahmten Fischottergesicht.

Otter mit der Muttermilch aufsaugen

»Die Kleinen lernen von Anfang an, das Logo mit den wohligen, lusterfüllten Geborgenheitsgefühlen zu assoziieren, die das Stillen einem Säugling schenkt«, erklärte mir Schicklgruber. »Sie saugen Otter buchstäblich mit der Muttermilch auf.«
»Aber sagen Sie«, wandte ich mich an Frau Hingerl, »Sie sagten vorhin, dass Sie für Babys und Kleinkinder zuständig sind. Kümmern Sie sich um Julia denn nicht mehr, wenn sie älter geworden ist?«
»Sie is jetzt 3«, antwortete die Frau. »Wenn sie 4 1/2 is, werd ich spurlos aus ihrem Leben verschwinden. Ich werd im neugegründeten Kid’s Paradise in Frankfurt anfangen.«

Da mein Blick offenbar entsetzt gewirkt hatte, sprang Schickelgruber Frau Hingerl bei: »Julias Erziehung wird ab diesem Zeitpunkt vom Vorschulkindergarten übernommen werden, ein etwas anonymeres, kollektives Erziehungskonzept. Es wird der Kleinen das Herz brechen, natürlich, es wird ihr buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen, aber dann sind wir da und spannen für sie ein Netz aus Konsumangeboten, das sie tröstet und auffängt. Unser Wirtschaftsleben kann keine Menschen gebrauchen, die nicht tief in ihrem Herzen gebrochen sind und ihr Vertrauen verloren haben in irgendjemanden oder irgendetwas außer Medien, Computern, Handys und ihrer Arbeit.«
»Was wollen Sie ihnen denn noch alles nehmen?«, frage ich und merkte erst am Klang meiner eigenen Stimme, dass ich, ganz gegen das Gebot journalistischer Objektivität, traurig geworden war.

Der fertige Mensch, der sich ideal in den Konsum- und Arbeitsprozess eingliedern lässt, muss vor allem drei Eigenschaften haben: konsumfreudig, auf seine Karriere fixiert und unfähig sein, zu lieben.

Schauen Sie, wir müssen bei allem das Entwicklungsziel vor Augen behalten«, belehrte mich Schicklgruber. »Der fertige Mensch, der sich ideal in den Konsum- und Arbeitsprozess eingliedern lässt, muss vor allem drei Eigenschaften haben. 1. er muss konsumfreudig sein, 2. er muss fleißig, ehrgeizig, auf seine Karriere und den Gelderwerb fixiert sein, und 3. er muss unfähig sein, zu lieben. Wenn wir Erziehungsziel drei verfehlen, kann dadurch die Wirkung der Erziehungsziele eins und zwei völlig neutralisiert werden. Liebe schenkt Unabhängigkeit und Freiheit, lässt Solidaritätsgemeinschaften entstehen, die stärker sein können als die Treue zum Arbeitgeber und lässt Dinge wie Handys als klein und unbedeutend erscheinen. Oder können Sie sich erinnern, dass Ihnen Ihr DVD-Player wichtig war, als Sie verliebt waren? Natürlich nicht, sie hatten ganz andere Dinge im Kopf, Sie kamen sogar mit wenig Essen und wenig Schlaf aus – stellen Sie sich doch mal vor, was das für die Konjunktur bedeutet!

Was für eine Art Erziehung könnte also die drei Hauptentwicklungsziele erreichen helfen? Bleiben wir beim Beispiel eines Mädchens, Julia: Mit der ödipalen Phase beginnend, werden wir bei ihrer Erziehung eine Vaterfigur ins Spiel bringen, in die sich das Mädchen mit der ihrem Alter entsprechenden unschuldigen Bewunderung verlieben wird. Dieser Mann wird das Mädchen mit Hilfe seiner erlernten Human Warmth Verhaltensmodule anlocken, bevor er ihre zärtliche Annäherung dann wieder auf barsche Weise zurückweist. Je älter Julia wird, desto mehr wird sie bei ihrem Ersatzvater auf eine Wand aus Kälte und Sachlichkeit stoßen. Zugleich wird er beginnen, in ihr eher männliche Eigenschaften zu fördern: Disziplin, Durchsetzungsvermögen, Zielgerichtetheit, rationales Denken und Handeln …

Es wird dem Mädchen klar werden, dass sie spärliche Dosierungen von Zuwendung nur dann erwarten kann, wenn sie Leistungen erbringt, die im Sinne des männlichen Weltbilds effektiv sind. Das verspielte, kokett seine erwachenden Reize erkundende ‚Weibchen’ wird ihr auf diese Weise Schritt für Schritt ausgetrieben. Versucht sie, sich zu schminken, sagt er, sie sähe aus wie eine ‚Hure’; erfindet sie phantasievolle Geschichten, wird er ihr kühl zu verdeutlichen wissen, dass sie ihn mit so einem Quatsch nicht belästigen soll. Aus dem Mädchen Julia wird eine Männin, die im Idealfall mit Schulterpolstern, mit zu einem schmalen Spalt zusammengepresstem Mund und verdorrtem Herzen herumläuft. Sie wird ihre Liebhaber mit der selben Kälte und Unnahbarkeit quälten, mit der sie zuvor von ihrem Vater gequält wurde. Wird aus einem solchen Mädchen später eine erwachsene Frau, so wird sie Liebe und Beziehungen gnadenlos ihrem Karriereimpuls unterordnen. Was mein Arbeitgeber und mein verinnerlichter gnadenloser Antreiber von mir wollen, das bin ‚Ich’; was meine Partnerschaft von mir braucht, um leben und atmen zu können, das sind lästige ‚Forderungen’, die es abzuwehren gilt.«
»Solche Frauen gibt es auch ohne Ihre erzieherischen Bemühungen«, merkte ich an.

Humanität ist, was der Wirtschaft dient.

»Ja, und auch solche Männer gibt es zur Genüge. Die Erziehungsmechanismen, um die es hier geht, haben wir ja nicht erfunden, wir haben sie nur perfektioniert und bewusst zur Erschaffung des gewünschten Menschentyps eingesetzt. Wir müssen unser gut gemeintes humanistisches Erziehungsideal den Gegebenheiten einer sich radikal wandelnden globalen Konkurrenzsituation anpassen. Humanität ist, was der Wirtschaft dient. Sie allein ist ja die Lebensgrundlage für die Menschen, um die es all den Schönrednern und Besitzstandswahrern ja angeblich geht. Was hilft uns ein Volk von verwöhnten, starrköpfigen Individualisten, wenn uns die leistungswilligeren, anpassungsfähigeren Völker des Ostens auf dem globalen Markt schlichtweg überrennen? Das Global Change Management darf nicht länger nur Symptombehandlungen an der Oberfläche durchführen, es muss die Wurzel der Krankheit anpacken: unser überholtes, ineffizientes Menschenbild. Der Mensch der Zukunft wird in Beziehungsfragen individualistisch sein bis zum Autismus, in der Arbeit dagegen ameisenhaft bis zur Selbstaufgabe – oder es wird für ihn keine Zukunft mehr geben.«

»Und was wird später aus den Kindern, wenn sie auf die Dienste der Human Warmth-Darstellerinnen nicht mehr angewiesen sind?«, fragte ich, ganz erschlagen von Schicklgrubers rhetorischen Tiraden.
»Sie absolvieren die Otter Vorschulkindergärten, die Otter Schulen, die Otter Fachhochschulen mit integrierten Praktika in den Otter-Fabrikationshallen und den Otter-Verwaltungsabteilungen. Später werden sie je nach Begabung in der Regel übernommen – und sie werden ihr Leben lang nie mehr frei.« Schickelgrubers Stimme hatte bei diesem letzten Satz einen kehlig-martialischen Tonfall angenommen, und seine Augen blitzten für einen Moment gefährlich auf, bevor er wieder sein routiniert-verbindliches Lächeln anknipste. »Wo gibt es draußen in der Wirtschaft denn noch einen solchen Hort der Fürsorge und Unterstützung, wo doch, was Mitarbeiter betrifft, immer mehr eine Hire- and Fire-Mentalität überhand nimmt.« Und er fügte mit einem Grinsen hinzu: »Übrigens: Den Otter-Firmenfriedhof kann ich Ihnen bei einer anderen Gelegenheit zeigen.«

Guido Schicklgruber und ich hatten uns höflich voneinander verabschiedet, nicht ohne eine knappe, aber unmissverständliche Warnung des Education Managers, dass ich meinen Text keinesfalls veröffentlichen dürfe, ohne ihn vorher von ihm gegenlesen zu lassen.

Ich hatte einen Umweg über einen kleinen, von Buchenzweigen überwölbten Pfad gewählt. Als mein Weg nahe der Mauer vorbei führte, erkannte ich eine kleine Gestalt, die sich an einigen Efeu-Ranken nach oben zu ziehen versuchte. Offenbar hatte eines der Kinder die Absicht, die Mauer zu überwinden. Doch die Ranke riss ab, das Kind, ein Junge, fiel und blieb bewegungslos inmitten eines Büschels Brennnesseln liegen. Ich beugte mich über ihn und erkannte Jakob. »Bitte«, sagte der Junge und biss tapfer die Zähne zusammen, »sagen Sie nichts!«
»Bist du verletzt?«, fragte ich statt einer Antwort.

»Und ist im Meer mehr Wasser als in einem Otter Handy-Planschbecken?«

Wenn Jakob Schmerzen hatte, so ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. »Schon o.k.«, sagte er und stand schon wieder auf seinen Beinen. Herausfordernd und fragend schauten mich seine Augen unter seinem nicht zu bändigenden Rotschopf an.
»Weißt du, wo du hingehen musst?«, fragte ich und dachte an Patrizias Adresse in meiner Hosentasche. Jakob schüttelte den Kopf. Offenbar hatte er aufs Gratewohl fliehen wollen. Nach einem kurzen Moment des Zögerns hielt ich Jakob wortlos meine ineinander verschränkten Hände hin – die »Räuberleiter«. Der Junge grinste mich an, mit einem frechen, offenen Lachen, das ich noch bei keinem der verhuschten Kinder dieser Anlage gesehen hatte. »Kann ich drüben das Meer sehen?«, fragte er.
»Ja, Jakob, es ist nicht gleich hinter der Mauer, aber wenn du wirklich willst, wirst du es eines Tages sehen können.«

»Und ist im Meer mehr Wasser als in einem Otter Handy-Planschbecken?«
»Oh ja«, antwortete ich lächelnd. »Wenn du das Wasser von tausend Otter-Planschbecken zusammenschüttest, ist das im Vergleich zu der Größe des Meeres immer noch wie ein Tropfen.«

Jakob staunte. Dann stieg er kurz entschlossen auf meine Hände und ließ sich von einem leichten Schubs nach oben tragen. »Warte drüben auf mich!«, rief ich ihm zu. Ich musste zugeben, dass die Aussicht, Patrizia unter solch abenteuerlichen Umständen wieder zu sehen, entscheidend dazu beigetragen hatte, meine Rolle als neutraler Berichterstatter dieses eine Mal aufzugeben. Wie hätte ich sie als unscheinbarer, mäßig erfolgreicher Journalist auch jemals beeindrucken können – es sei denn als »Held« einer wahrhaft abenteuerlichen Ausbruchsgeschichte, die eine Lücke in das engmaschige Netz des Otterschen Erziehungssystems reißen würde. Schon hatte Jakob die Mauer bestiegen und thronte auf ihr wie ein kühner Reiter auf seinem Pferd. »Das brauche ich jetzt nicht mehr«, sagte er, und – schwupps! – landete sein Original Otter Handy in den Brennnesseln.

Als ich dem Handy mit den Augen folgte, sah ich etwas anderes, dunkel Glänzendes zwischen den Nesseln liegen. Es war eine Weichgummi-Nachbildung von Dummy Flummy – in bestem Zustand, beinahe unberührt, jedenfalls ohne erkennbare Spuren von Gewalteinwirkung. »Gehört das Dir?«, fragte ich Jakob und reichte die Puppe hinauf. Jakob drückte Dummy Flummy beschützend an seine Brust, so wie man einen Teddybären hält.
»Hast du ihn lieb?«, fragte ich.
Jakob nickte.
»Warum?«
»Weil er immer so traurig ist und weil ihn keiner mag – so wie mich.«
»Stimmt doch gar nicht«, protestierte ich.
Jakob lächelte.
»Weißt du«, schloss ich. »Vielleicht ist Dummy Flummy ja gar nicht so dumm. Ich glaube, er ist der einzige von den Flummys, der je das Meer sehen wird.«
Ich blickte mich kurz um, weil ich glaubte, ein Rascheln im Gebüsch vernommen zu haben. Als ich wieder zur Mauer hinschaute, war Jakob verschwunden. Nicht einmal das Aufschlagen seiner Füße auf dem Gehweg auf der anderen Seite war zu hören gewesen. Ich beeilte mich, zum Ausgang zu kommen.

—eine futuristische Satire von Roland Rottenfußer (Erstveröffentlichung im "Zeitpunkt")

Roland Rottenfußer arbeitete jahrelang als connection-Redakteur, ehe es ihn zum Schweizer Magazin "Zeitpunkt" verschlug. Er schreibt auch für das Konstantin Wecker Projekt www.hinter-den-schlagzeilen.de.

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