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Satireecke

Die Markenkinder

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© Stephanie Hofschlaeger pixelio.de

Einblicke in das Erziehungssystem der Zukunft

Es war einmal – das funktionierende Gemeinwesen. Dem unter dem Schuldendruck stöhnenden Staat kann heutzutage nicht mehr zugemutet werden, zum Ausgleich für die wachsenden Geldsummen, die er dem Steuerzahler abknöpft, tatsächlich eine Gegenleistung zu erbringen: zum Beispiel ein kostenfreies, funktionierendes Erziehungssystem zur Verfügung zu stellen. Wer aber soll dann unsere Kinder erziehen? Der hoffnungsvolle Blick richtet sich wie so oft auf die Wirtschaft. Großen Markenfirmen gelingt es ja auf rätselhafte Weise, große Teile der von den Arbeitenden erwirtschafteten Geldströme auf sich zu lenken. Was läge da näher, als dass Unternehmer mehr Verantwortung übernehmen – auch für die Erziehung unseres Konsumentennachwuchses? Freilich, eine Kindheit im herkömmlichen Sinn wäre unter dem wachsenden Druck eines neuen globalen Standortwettbewerbs ineffizient und dürfte somit bald der Vergangenheit angehören.

1. Teil: Handy Flummys

Die Handy Flummys sind ein buntes und fröhliches Völkchen: Gnome mit einfältigen Gesichtszügen, die ihre Gemütsstimmung kindgerecht mit nur wenigen gezeichneten Strichen ausdrücken können. Ihre Charaktere sind vor allem durch verschiedenfarbige Jäckchen und Mützen unterscheidbar: Smarty Flummy, der Anführer der kleinen Gemeinschaft, ist rot gewandet, der hektische Quicky Flummy lila und der steinreiche, stets freigiebig mit herzförmigen Bonbons um sich werfende Richy Flummy gelb gekleidet. Nur der immer etwas düster aus der Wäsche schauende Dummy Flummy hält sich in gedecktem Schwarz und steht meistens abseits.

Im Zeichentrick-Universum der beliebten Flummy-Serie, die vom Otter-Konzern exklusiv für die Zöglinge von Kid’s Paradise produziert wird, lösen sich alle Probleme innerhalb kürzester Zeit in Wohlgefallen auf. Meist ist es das omnipotente Fischotter-Wesen »Otti Otter«, das durch Verteilung von Original Otter-Handys gleichsam als Deus ex machina ins Spiel kommt und alle dunklen Schatten über der grünen, mit übergroßen Blumen gespickten Wiese von Flummy-Land wegscheucht.

Auch diesmal ist das nicht anders: »Mir ist sooooo langweilig!« klagt Quicky Flummy, und Richy Flummy assistiert: »Und ich fühl mich sooooo einsam!« »Wisst ihr was?«, wirft der altkluge Smarty Flummy ein: »Wir rufen mit unseren Original Otter-Handys unsere Freunde an und feiern alle zusammen ein Fest.« »Jaa, prima!« rufen alle, und dann kommt der Slogan, den alle Kinder von Kid’s Paradise, längst auswendig kennen und im Chor mitsprechen: »Bei Flummys ist die Freude groß: Otter-Handys sind famos.«

Nur Dummy Flummy steht allein da

Die Augen der rund 40 einheitlich in Otti-Otter-Shirts gekleideten Kleinkinder, die sich im Vorführraum zur täglichen Handy-Flummy-Stunde versammelt hatten, waren gebannt auf die überdimensionierte Videoscreen gerichtet. »Jetzt kommt’s«, flüsterte mir mein Begleiter, Education Manager Guido Schicklgruber, zu und blickte mich dabei herausfordernd an, als hätte ich eine wahrhaftige Offenbarung zu erwarten. Mir war der ganze Kinderkram eigentlich zu viel. Ich hatte den Auftrag, eine Reportage über Kid’s Paradise, die erste geschlossene Markenkinder-Anlage auf deutschem Boden, zu schreiben, ja nur angenommen, weil ich das Geld dringend brauchte. So musste ich wohl gute Miene zum bösen Spiel machen und lächelte Herrn Schicklgruber etwas gequält zu.


© Stephanie Hofschlaeger pixelio.de

Die drei Flummys hackten inzwischen mit ihren Fingern auf ihren Handy-Tastaturen herum. Offenbar schrieb jeder eine SMS. Smarty Flummy, Quicky Flummy und Richy Flummy waren auch sogleich von einer Schar von Freunden umringt. Nur Dummy Flummy stand in seiner schwarzen Jacke allein da. Was regelmäßige Zuschauer der Serie längst wussten: Dummy Flummy besaß kein Original Otter-Handy. Im schlichten Zeichenstil der Handy-Flummy-Serie drückten seine Gesichtszüge mit den übergroßen Augen äußerste Niedergeschlagenheit aus. »Selber schuld, Dummy Flummy«, sagte eine belehrende Männerstimme aus dem Off.»Handy-Flummys hat man eben nur mit Handys lieb.« Und ein Chor aus Kinderstimmen sang: »Dummy-Flummy, Dummy-Flummy, niemand hat dich gern. Niemand spielt mit Dummy-Flummy, Freunde bleiben fern.«

Auf dem Bildschirm leuchtete ein gelber Stern mit nach allen Seiten blitzenden Strahlen auf. In seiner Mitte ragte nun eine Fischotterhand heraus, die dem Zuschauer ein nagelneues Original Otter-Handy entgegenstreckte: »Das neue Otter Omega-Kid: Handy, Fotoapparat, iPod, Babymelder und Schnuller in einem«, sagte eine Stimme. Tatsächlich war unterhalb der Tastatur, die von zwei winzigen Abbildungen des Maskottchens Otti Otter flankiert war, ein honiggelber Schnuller angebracht. »Natürlich sind die Handys für die Altersgruppe von ½ bis 2 ½ Jahre noch nicht geeignet«, erklärte Schicklgruber. »Bei den Kleinkind-Modellen sind ein paar Knöpfe angebracht, die Geräusche oder einfache Worte von sich geben: ‚hallo!’ oder ‚Tschühüß’ zum Beispiel. Die Kids sollen sich einfach früh an die Handys gewöhnen.»

Mythen und Identifikationsfiguren

Die kleinen Kinder im Vorführraum hatten vor Lachen gegrölt, während sie die Missgeschicke von Dummy-Flummy mitverfolgten. Ein Junge, gute zwei Jahre alt, drosch in der Spielecke auf eine etwa 8 Zentimeter große Weichplastik-Nachbildung von Dummy Flummy ein. »Du bist blöd!«, schrie er. Der bedauernswerte Dummy Flummy sah schon ganz ramponiert aus, die schwarze Farbe war abgeblättert, und die Naht, an der die beiden Plastikhälften der Figur zusammengefügt waren, war aufgeplatzt. Smarty-Flummy, Quicky Flummy und Richy Flummy sahen dagegen noch aus wie aus dem Ei gepellt. »Warum haust du denn deine Puppe?«, fragte ich den Kleinen verwundert. »Er ist blöd!«, war die schlichte Antwort, und das kleine, noch so glatt und unschuldig wirkende Gesicht verzog sich für einen Moment zu einer gehässigen Fratze. Der Junge bohrte verbissen mit seinem Fingernagel im rechten Auge Dummy Flummys herum.

»Sie sehen also, wir produzieren unsere hauseigenen Trickfilmserien nicht umsonst«, bemerkte mein Begleiter Guido Schicklgruber selbstzufrieden. »Es steckt durchaus ein pädagogisches Konzept dahinter.« Der EM, wie man den Education Manager abgekürzt nannte, ließ sich von meinem offenbar etwas skeptischen Gesichtsausdruck nicht beirren. »Überhaupt gibt es für jede Altersstufe die entsprechenden Mythen und Identifikationsfiguren. Das Gute an unserem Konzept des CES, des Closed Education System, ist ja nicht nur, dass wir die Einflüsse, denen die Kids ausgesetzt sind, selbst bestimmen können; wir können auch schädliche Einflüsse von außen ausschalten. Ein konsumfeindliches Kinderbuch wie z. B. »Momo«, mit dem anderswo Kinderseelen vergiftet werden, käme nicht einmal in die Nähe unserer Schützlinge.«

Die Kinder hatten – angeleitet durch erwachsene Kontaktpersonen – in erstaunlicher Ordnung und Lautlosigkeit den Vorführraum verlassen. Nur ein einsamer Junge mit etwas deprimiertem Gesichtsausdruck saß noch auf seinem Stuhl und drückte eine Plastikpuppe schützend an seine Brust. Die schwarze Mütze der Puppe ließ darauf schließen, dass es sich um Dummy Flummy handelte. Schicklgruber scheuchte den Jungen mit einer herrischen Geste hinaus. Wir waren jetzt allein im Raum.

Nachdem die Leinwand dunkel geworden und mit Hilfe einer automatischen Vorrichtung in einem Wandschrank verschwunden war, wurde die Aufmerksamkeit des Betrachters unvermeidlich von dem auffälligsten Einrichtungsgegenstand in diesem Raum angezogen: Das Porträt von Papa Otter, dem Firmengründer und ebenso abwesenden wie omnipräsenten geistigen Vater aller Otter-Kinder, schaute – je nachdem wie man es interpretieren wollte – gütig und zugleich mit einer gewissen Strenge auf uns hernieder. »Ich habe recherchiert«, konnte ich mir nicht verkneifen, zu erwähnen, »und weiß natürlich, dass der Firmengründer nicht Otter, sondern Klöck heißt. Der derzeitige Vorstandsvorsitzende heißt Ahriman Schnöhsel. Was sollen also diese Porträts von Papa Otter?«

Papa Otter sieht alles

»Sie haben uns durchschaut. Ich hätte mir denken können, dass ein professioneller Journalist wie Sie das herausbekommt«, sagte Guido Schicklgruber mit einem verschmitzten Lächeln. »Papa Otter gibt es natürlich nicht wirklich. Er ist eine imaginäre Figur, dargestellt von einem Schauspieler, die unseren vaterlosen Kindern Halt und Geborgenheit geben soll. Papa Otter wird noch in 100 Jahren genauso aussehe wie auf diesem Bild, er wird nie altern, nie in Rente gehen und nie sterben. Gerade deshalb ist er die höchste moralische Instanz unserer Anlage. Wir bläuen den Kindern von Anfang an ein, dass Papa Otter alles sieht – jede kleine Verfehlung. Und wenn sie nicht brav sind, spricht er strenge Strafen aus: z. B. ein SMS-Schreibverbot oder eine Woche Handy-Flummy-Entzug. Jetzt stell ich Ihnen aber eine unserer KCMs vor.«

»KCMs?«, frage ich leicht verwirrt nach.
»Kid Contact Managerinnen«, belehrte mich Schicklgruber. »In Ihrer Sprache könnte man wohl Ammen und Leihmütter dazu sagen. Sie übernehmen bei unseren Education Projects das Doing, controlen also die Hinführung der Kinder zum Konsum im frühen Growing Up-Stadium. Alle KCMs verfügen zugleich über eine fundierte Fachausbildung in Human Warmth. Dieser Aufbaulehrgang hat die Otter AG einen Haufen Geld gekostet, aber es war nötig geworden, nachdem uns ein paar Kinder eingegangen sind. Sie wissen ja: Bis zu einem gewissen Alter sind Liebe und Körperkontakt nun mal unverzichtbar – so ineffizient sie auch unter Kosten-Nutzen-Aspekten erscheinen mögen. Wir mussten das auch erst durch Try and Error lernen, nachdem ein paar fanatische Menschenrechtler uns wegen der Todesfälle in der Erprobungsphase mit Prozessen überhäuft haben und fast die Schließung unseres Kid-Paradieses erreicht hätten.«

»Bevor wir zu den Leihmüttern gehen: Sie wollten mir doch noch die Babyklappe zeigen«, wechselte ich das Thema.
»Richtig, gut, dass Sie mich daran erinnern«, sagte Schicklgruber. Wir nahmen einen Umweg. Der Seitenpfad führte uns an einem kleinen Planschbecken in Form eines übergroßen Handys vorbei. In dessen mit Wasser gefülltem »Display« hatten drei bis vier kleine Kinder Platz. Wenn man sich auf eine der »Tasten« setzte, erklangen, mit einer Computerstimme gesungen, beliebte Kinderlieder, etwa »Dummy Flummy, niemand hat dich gern.«

Die Mauer, die das Otter-Kid’s Paradise umgab, sah gar nicht wie die Umzäunung eines Kasernengeländes aus. Sie war gerade so hoch, dass ausgewachsene Teenager nicht über ihren Rand hinausschauen konnten und mit Otti-Otter-Motiven in allen Regenbogenfarben bemalt. An den meisten Stellen war die Mauer überdies durch dichten Pflanzenbewuchs nicht zugänglich. »Unsere pädagogischen Bemühungen reichen in der Regel aus, um zu bewirken, dass kein Kind auch nur das Bedürfnis hat, jemals in seinem Leben über den Rand der Mauer hinaus zu schauen«, erklärte mein Begleiter. Es hat ein paar Fluchtversuche gegeben, aber die Kids wurden bald wieder eingesammelt, weil sie heulend auf der Straße saßen und nach ihren Handys und nach ihren KCMs riefen. Die Mauer ist für diese Kinder die äußerste Grenze ihrer Welt.«

»Und wer ist dann Papa Otter?«, fragte ich mit einem Blick auf das hoch über der Mauer von einem Riesenplakat auf uns niederblickende Porträt des angeblichen Firmengründers.

»Oh, Papa Otter …«, antwortete Schicklgruber, und sein Blick funkelte ergriffen. »In dieser Welt, die für die Kinder die einzige Welt ist, die es gibt, steht Papa Otter für GOTT – und er duldet keine Götter neben sich.«


Teil 2: Patrizias Abschied

Die Babyklappe war nichts anderes als ein knapp ein Meter langer beheizter Kasten, den man mit weichen Kissen ausgelegt hatte. Sobald jemand von der Straße aus sein Baby durch den Spalt schob, löst das Durchbrechen einer Lichtschranke einen Alarm im nahe gelegenen Wärterhäuschen aus. »Kein Baby ist jemals länger als eine Minute dort in dem Kästchen gelegen, da brauchen Sie keine Angst zu haben. Der Tod der Kleinen ist das letzte, was unsere Firma sich wünscht. Einer unserer internen Wahlsprüche heißt schließlich nicht umsonst: ‚Tote kaufen keine Handys’.«

Schicklgruber lachte breit über den gelungenen Witz. »Sie dürften sich nicht von den Horrormeldungen aus der Presse beeinflussen lassen«, wechselte Schickelgruber plötzlich das Thema. Offenbar spielte er dabei auf den Fall der unglücklichen Jelena Blatskova an, die sich vor zwei Wochen durch den Sturz vom Dach eines 20-stöckigen Hochhauses das Leben genommen hatte. Die Russland-Deutsche hatte ihr Baby aus sozialer Not gleich nach der Geburt in der Baby-Klappe des Otter Kid Paradise deponiert. Nach Jahren intensiver Schuldgefühle, so berichtete die Boulevard-Presse, hatte sie wieder den Kontakt zu ihrem Kind gesucht. Der Otter-Konzern hatte ihr Begehren jedoch mit dem Hinweis auf den vertraglich vereinbarten Rücknahmeausschluss abgewiesen. In der Tat hatten die Mütter durch Bedienung eines interaktiven Baby-Annahmeprogramms an der Außenmauer einen rechtsgültigen Vertrag mit Otter abgeschlossen. Wer mehrmals die »O.K.«-Taste gedrückt hatte, überließ sein Kind definitiv dem Konzern und verzichtete auf jedes Recht, es jemals in seinem Leben wieder zu sehen. War das Kind volljährig, hatte es in der Regel nicht mehr das Bedürfnis die Mutter zu suchen. Für Frau Blatskova waren die nervliche Anspannung und die Selbstvorwürfe zu viel geworden. Nachdem das Gericht dem Otter-Konzern in allen Punkten Recht gegeben hatte, suchte sie den Weg in den Freitod.

»Die Frau galt längst vor der Geburt des Kindes als psychisch labil«, sagte Schickelgruber wie zur Verteidigung gegen einen von mir gar nicht erhobenen Vorwurf. »Es heißt, sie habe ihre Liebhaber wie die Hemden gewechselt und sei zweimal wegen akuter psychotischer Schübe in der Geschlossenen gelandet. Eine egoistische Frau, der das Jugendamt ihr Baby ohnehin hätte entziehen müssen. Hier bei Otter erhielt das Kind wenigstens eine Chance, sich zu einem Menschen zu entwickeln. Viele Mütter draußen sind nun einmal nicht mehr in der Lage, den steigenden Anforderungen von Beruf und Elternschaft gerecht zu werden. Die Leistungen, die ein Arbeitgeber in Zeiten eines immer härteren Standortwettbewerbs legitimerweise von seinen Angestellten verlangen muss, damit sie sich für die Firma rechnen, lässt eine ausreichende Kinderbetreuung in vielen Fällen nicht mehr zu. Wer also soll die Verantwortung für all die vernachlässigten Kids übernehmen? Dazu sind viel Zeit und Geld sowie das nötige Know-How in der Kinderbetreuung nötig. All dies kann die freie Wirtschaft zur Verfügung stellen. Allerdings …«,

Wir möchten, dass sich unser aufopferungsvoller Einsatz für das deutsche Erziehungswesen über kurz oder lang für uns rechnet.

Schicklgruber lächelte Einverständnis suchend zu mir hinüber, »die Gesellschaft muss auch begreifen, dass ein Wirtschaftsunternehmen wie Otter nicht die Caritas ist. Wir möchten, dass sich unser aufopferungsvoller Einsatz für das deutsche Erziehungswesen über kurz oder lang für uns rechnet. Und das funktioniert nur, wenn aus den hungrigen Mäulern von heute die Handy-Kunden von morgen werden. Sie verstehen, dass wir die Art der geistigen Ausrichtung, die unsere Kinder nehmen werden, nicht dem Zufall überlassen können.« »Aber können die Kinder von Fremden wirklich das bekommen, was sie brauchen? Was ist mit Liebe?«, wandte ich ein. »Sehen Sie«, belehrte mich Schicklgruber, »Unsere Kinder bekommen gerade so viel Liebe, dass sie überleben können; und sie bekommen gerade so wenig, dass in ihrem Inneren eine Leere bleibt, die durch stets wechselnde Konsumobjekte ausgefüllt werden kann. In Prinzip funktioniert die Gesellschaft draußen genauso, wir hier arbeiten nur konsequenter und mit einer weit geringeren Fehlerquote.«

Die Reproduktion von Neukonsumenten

Mein Gesichtsausdruck muss ein wenig missbilligend gewirkt haben, denn Schicklgruber fühlte sich zu weiteren Erklärungen genötigt. »Die Reproduktion von Neu-Konsumenten ist für eine funktionierende Marktwirtschaft viel zu wichtig, als dass wir sie jener Minderheit leiblicher Eltern überlassen könnten, die für diesen Job tatsächlich geeignet sind. Noch immer ist die Mehrheit der Bürger der Überzeugung, dass jemand ein Kind erziehen sollte, nur weil er es geboren oder gezeugt hat. Aber schauen Sie sich doch mal viele der Eltern an, die draußen rumlaufen: Konsumverweigerer, Apostel der Bescheidenheit und Wesentlichkeit, Feinde des Wachstums und der Standortsicherung – wenn man solchen Individuen die Erziehung überlässt, fallen deren Kinder doch als Konsumenten für uns komplett aus! Gewisse Mütter prägen ihr Kind durch viel Liebe und Aufmerksamkeit auf sich und erzählen ihm dann, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Handys und MP3-Player. Ob Sie’s glauben oder nicht, es gibt solche verantwortungslosen Eltern: Die gehen mit ihren Kindern in den Wald und bauen mit ihnen Männchen aus Tannenzapfen und Zweigen, und damit sind sie zufrieden – ein Alptraum! Wenn jeder seinen Kindern nur noch das geben würde, was sie für ihre Entwicklung tatsächlich benötigen, dann würde hier ein ganzer Industriezweig wegbrechen.«

Wir waren ein Stück an der Mauer entlang gegangen und hatten das Haupttor erreicht. Von dort wandten wir uns wieder in Richtung der Wohngebäude im Inneren der Anlage. Ein wenig eingeschüchtert von der vehementen Verteidigungsrede meines Führers nickte ich ihm nur beflissen zu. Ich wollte das Thema nicht vertiefen, da meine Aufmerksamkeit von einer zauberhaften Erscheinung in ihren Bann gezogen wurde. Eine reizvolle, etwa 40-jährige Frau mit langem braunem Haar kam auf dem Weg direkt auf uns zu. »Wie unangenehm«, flüsterte mir Schicklgruber zu. »Die Lachner. Lassen Sie sich von ihr nicht beeinflussen. Ich habe sie entlassen müssen – ein Missbrauchsfall.« Unter dem vom Wind durcheinander gewirbelten Haar blitzten die schönen, wie von schlaflosen Nächten umschatteten grünen Augen der Frau den Manager mit verhaltener Wut an. »Jetzt haben Sie, was Sie wollten, Herr Schicklgruber«, sagte sie mit ihrer etwas rauen, aber wohlklingenden Stimme. Ihr voller Mund, auf dem noch verwischter weinroter Lippenstift lag, öffnete sich beim Reden weit wie der einer Bühnenschauspielerin, die durch eine überdeutliche Diktion sicher gehen will, dass sie verstanden wird. »Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Eines Tages wird Jakob aufwachen und erkennen, was hier gespielt wird. Es gibt etwas tief in ihm drin, was Sie nicht zerstören können. Ich habe durch meine Arbeit den Funken in ihm angezündet, habe ihm beigebracht, dass es eine Welt ohne Otter-Werbung gibt und dass er sich – wenn er groß ist – auf die Suche machen soll, diese Welt für sich zu entdecken.«

»Wie kommen Sie darauf, dass es ein so genanntes ‚Inneres’ in den Kindern geben könnte, auf das wir keinen Zugriff haben?«

»Wie kommen Sie darauf, dass es ein so genanntes ‚Inneres’ in den Kindern geben könnte, auf das wir keinen Zugriff haben?«, erwiderte Schicklgruber höhnisch. »Wir sind es, die dieses Innere erschaffen habe und es kontrollieren. Wir kontrollieren ihre Träume und ihre Hoffnungen, wir bestimmen, was sie hassen und was sie lieben sollen. Ohne uns ist so ein Kind ein Nichts, ein leeres Blatt Papier, das wir nach unserem Belieben beschreiben können.« »Da bin ich anderer Meinung«, sagt Frau Lachner trotzig. »Etwas in den Kindern wird aufstehen und sich gegen Sie wenden. Was Sie tun, ist – gegen die Natur!« »’Natürlich’ ist, was jemand von Geburt an erlernt und erprobt hat«, parierte Schicklgruber souverän. »Unsere Kinder lernen, dass es nichts Natürlicheres gibt als den Besitz eines Handys, eine iPods, eines USB-Sticks oder MP3-Players. Sie erfahren, dass es kein noch so komplexes Thema gibt, das nicht im Format einer SMS ausgedrückt werden kann. Sie lernen, dass es keine größere Liebe gibt als Papa Otters Liebe zu seinen Kindern und keine Solidarität unter den Menschen außer der Solidarität gegenüber dem Konzern.«

Anstatt einer Antwort, wandte sich die Frau plötzlich zu mir um und gab mir mit einem offenen Blick und einem angedeuteten Lächeln die Hand: »Patrizia Lachner«, stellte sie sich vor. »Es tut mir leid, dass Sie das hier mit anhören müssen.« Ich nannte kurz meinen Namen und den Grund meiner Anwesenheit im Kid’s Paradise und versicherte ihr, dass mir ihr Streit mit Guido Schicklgruber nichts ausmachte. »Wenn Sie Journalist sind«, sagte Patrizia und berührte mich mit einer kurzen, irritierenden Geste am Arm, »sagen Sie den Leuten draußen, dass man hier Monster zu erschaffen versucht, Zombie-Kinder, herangezüchtet für ein Leben, das den Namen ‚Leben’ nicht verdient.«

»Verlassen Sie bitte unverzüglich das Firmengelände!«, unterbrach Schicklgruber, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass er seine Contenance zu verlieren drohte. »Oder soll ich die Sicherheit rufen? Sie wissen doch, dass wir Ihnen Hausverbot erteilt haben.« Patrizia schaute mich noch einmal aus ihren weit aufgetanen grünen Augen an, mit einem Blick, der fordernd, fragend und bittend zugleich war, dann ging sie ohne ein Wort. Ein Junge kam aus den Büschen auf sie zugelaufen, etwa sieben Jahre alt. Ich erkannte ihn gleich als jenen Junge, der nach der Handy-Flummy-Sendung als letzter den Raum verlassen hatte. Die Otti-Otter-Mütze bändigte kaum sein wildes, orangerotes Haar. Patrizia sank ohne zu zögern in die Knie, und der Junge rannte wie mit einer großen Bogensehne abgeschossen in ihre geöffneten Arme. »Geh nicht weg, Patrizia!«, rief er und unterdrückte einen Impuls zu weinen, während die Erzieherin seinen Hinterkopf sanft an sich drückte. »Ich muss, Jakob – leider«, sagte Patrizia. »Glaub mir, ich würde auch lieber hier bei dir bleiben.« »Wir wollen doch zusammen ans Meer fahren«, sagte der Kleine verzweifelt. »Du hast mir doch immer davon erzählt: Da wo die Wellen schöner rauschen als jeder Klingelton, wo die Luft nach Salz schmeckt und der Wind so stark weht, dass er dich fast umbläst.« »Ja, da gehen wir zusammen hin, mein Schatz. Aber du musst erst größer werden, noch ist die Mauer zu hoch für dich.«

Zwei bullige Ordnungskräfte mit Gummiknüppeln am Gürtel hatten sich bedrohlich hinter Patrizia aufgebaut. »Du weißt ja, wo du mich findest«, sagte sie zu Jakob und gab ihm einen letzten Kuss auf seine rötlichen Schläfenlocken. »Gehen Sie jetzt, Sie haben schon genug Unheil angerichtet!« Es war die nun gar nicht mehr so glatt-freundliche Stimme von Guido Schicklgruber. Als Patrizia an mir vorüber auf den Ausgang zuging, fühlte ich, dass ihre Hand kurz die meine streifte. Ich spürte einen kleinen Zettel in meinen Fingern, ergriff ihn und steckte ihn, ohne dass es jemand sehen konnte, in meine Hosentasche. Eine Nachricht? Ihre Telefonnummer? Ich bildete mir nicht ein, dass Patrizia Lachners unerwartete Aufmerksamkeit meiner Ausstrahlung als Mann galt, die, wie ernüchternde Lebenserfahrung gezeigt hatte, durchaus »widerstehlich« war. Ich gestehe aber, dass ich mich für einen kurzen Moment zu solchen Träumereien hinreißen ließ. Wahrscheinlich wollte mir Patrizia in Wahrheit eine Enthüllungsgeschichte anbieten. Aber was konnte es sein, was sie mir anzuvertrauen hatte? Ich hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Herr Schicklgruber entschuldigte sich bei mir für diesen unerfreulichen Vorfall und führte mich, wie angekündigt, zu den Unterkünften, wo ich mehr über das Erziehungskonzept von Otter Kid’s Paradise erfahren sollte.


3. Teil: Die Flucht

»Julia, hast du des Update downgeloadet?« Die Stimme der Erzieherin klang unerbittlich. »I hab dir doch ausdrücklich g’sagt, dass du des Update downloaden sollst. Schau, jetzt is der Firewall mit dem Pop-up-Preventer ned upgedatet, und jetzt muass i andauernd diese furchtbaren Pop-ups wegklicken!«

Die kleine Julia schaute schuldbewusst in den Boden. »Ich hab das Apdäit nich daunlouden können, weil ich nicht eingemörtscht war«, gestand sie mit stockender Stimme.

»Du warst ned eingemerged, ja warum denn ned? I hab dir doch extra letzte Woch’ a neue User-ID outgeprintet, damit du’s in’d Hosentaschen tun kannst, nachdem du ja ned amal in der Lage warst, deinen Handy-Speicher zu benutzen. Du bist ja schlimmer als der Dummy Flummy!«

Das saß. Die kleine Julia kauerte zusammengekrümmt in ihrer Ecke. Ihre scheu nach oben gerichteten Augen schienen äußerste Scham und den Hunger nach einem Wort der Vergebung auszudrücken. Selbst Otti Otter auf Julias T-Shirt sah durch die Beugung ihres Körpers so zerknittert aus, dass man hätte meinen können, er teile Julias Zerknirschung.

»Brauchst dich ned wundern, wenn dich keiner mehr mag. Ich mag dich auch nimmer, und der Papa Otter bestimmt auch ned.« Julia unterdrückte mühsam ein Schluchzen. Wie zur Bestätigung schien das – wie in allen Räumlichkeiten von Kid’s Paradise – über der Tür angebrachte Papa Otter-Porträt mit besonders streng zusammengezogenen Augenbrauen zu ihr herunter zu blicken. Julia schlich sich aus dem Zimmer.
»Sie müssen entschuldigen«, sagte die 45-jährige, etwas stämmige Frau mit dem leicht bayerischen Zungenschlag, und wandte sich dabei an Herrn Schicklgruber und mich. »I hab’s ihr wirklich schon hundert mal g’sagt, dass sie jede Woch des Update downloaden muss. Des Madl is einfach verstockt.«

»Frau Hingerl, eine unserer bewährtesten KCMs für Babys und Kleinkinder«, stellte mir Schickelgruber die Dame vor. »Sie kann Human Warmth ausstrahlen, aber auch knallhart sein, wenn’s drauf ankommt je nach Verhalten der Kids. Sie verkörpert unser Erziehungskonzept vortrefflich.«
»Verkörpern – buchstäblich!«, sagte Frau Hingerl mit einem koketten Augenaufschlag. Dann zog sie zu meiner Überraschung ihre Bluse ein Stück nach unten, so dass man ihr üppiges Dekolleté bis knapp oberhalb der Brustwarze bewundern konnte. Auf beiden Brüsten prangte, wahrscheinlich eintätowiert, das Logo des Otterkonzern mit dem vom großen »O« eingerahmten Fischottergesicht.

Otter mit der Muttermilch aufsaugen

»Die Kleinen lernen von Anfang an, das Logo mit den wohligen, lusterfüllten Geborgenheitsgefühlen zu assoziieren, die das Stillen einem Säugling schenkt«, erklärte mir Schicklgruber. »Sie saugen Otter buchstäblich mit der Muttermilch auf.«
»Aber sagen Sie«, wandte ich mich an Frau Hingerl, »Sie sagten vorhin, dass Sie für Babys und Kleinkinder zuständig sind. Kümmern Sie sich um Julia denn nicht mehr, wenn sie älter geworden ist?«
»Sie is jetzt 3«, antwortete die Frau. »Wenn sie 4 1/2 is, werd ich spurlos aus ihrem Leben verschwinden. Ich werd im neugegründeten Kid’s Paradise in Frankfurt anfangen.«

Da mein Blick offenbar entsetzt gewirkt hatte, sprang Schickelgruber Frau Hingerl bei: »Julias Erziehung wird ab diesem Zeitpunkt vom Vorschulkindergarten übernommen werden, ein etwas anonymeres, kollektives Erziehungskonzept. Es wird der Kleinen das Herz brechen, natürlich, es wird ihr buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen, aber dann sind wir da und spannen für sie ein Netz aus Konsumangeboten, das sie tröstet und auffängt. Unser Wirtschaftsleben kann keine Menschen gebrauchen, die nicht tief in ihrem Herzen gebrochen sind und ihr Vertrauen verloren haben in irgendjemanden oder irgendetwas außer Medien, Computern, Handys und ihrer Arbeit.«
»Was wollen Sie ihnen denn noch alles nehmen?«, frage ich und merkte erst am Klang meiner eigenen Stimme, dass ich, ganz gegen das Gebot journalistischer Objektivität, traurig geworden war.

Der fertige Mensch, der sich ideal in den Konsum- und Arbeitsprozess eingliedern lässt, muss vor allem drei Eigenschaften haben: konsumfreudig, auf seine Karriere fixiert und unfähig sein, zu lieben.

Schauen Sie, wir müssen bei allem das Entwicklungsziel vor Augen behalten«, belehrte mich Schicklgruber. »Der fertige Mensch, der sich ideal in den Konsum- und Arbeitsprozess eingliedern lässt, muss vor allem drei Eigenschaften haben. 1. er muss konsumfreudig sein, 2. er muss fleißig, ehrgeizig, auf seine Karriere und den Gelderwerb fixiert sein, und 3. er muss unfähig sein, zu lieben. Wenn wir Erziehungsziel drei verfehlen, kann dadurch die Wirkung der Erziehungsziele eins und zwei völlig neutralisiert werden. Liebe schenkt Unabhängigkeit und Freiheit, lässt Solidaritätsgemeinschaften entstehen, die stärker sein können als die Treue zum Arbeitgeber und lässt Dinge wie Handys als klein und unbedeutend erscheinen. Oder können Sie sich erinnern, dass Ihnen Ihr DVD-Player wichtig war, als Sie verliebt waren? Natürlich nicht, sie hatten ganz andere Dinge im Kopf, Sie kamen sogar mit wenig Essen und wenig Schlaf aus – stellen Sie sich doch mal vor, was das für die Konjunktur bedeutet!

Was für eine Art Erziehung könnte also die drei Hauptentwicklungsziele erreichen helfen? Bleiben wir beim Beispiel eines Mädchens, Julia: Mit der ödipalen Phase beginnend, werden wir bei ihrer Erziehung eine Vaterfigur ins Spiel bringen, in die sich das Mädchen mit der ihrem Alter entsprechenden unschuldigen Bewunderung verlieben wird. Dieser Mann wird das Mädchen mit Hilfe seiner erlernten Human Warmth Verhaltensmodule anlocken, bevor er ihre zärtliche Annäherung dann wieder auf barsche Weise zurückweist. Je älter Julia wird, desto mehr wird sie bei ihrem Ersatzvater auf eine Wand aus Kälte und Sachlichkeit stoßen. Zugleich wird er beginnen, in ihr eher männliche Eigenschaften zu fördern: Disziplin, Durchsetzungsvermögen, Zielgerichtetheit, rationales Denken und Handeln …

Es wird dem Mädchen klar werden, dass sie spärliche Dosierungen von Zuwendung nur dann erwarten kann, wenn sie Leistungen erbringt, die im Sinne des männlichen Weltbilds effektiv sind. Das verspielte, kokett seine erwachenden Reize erkundende ‚Weibchen’ wird ihr auf diese Weise Schritt für Schritt ausgetrieben. Versucht sie, sich zu schminken, sagt er, sie sähe aus wie eine ‚Hure’; erfindet sie phantasievolle Geschichten, wird er ihr kühl zu verdeutlichen wissen, dass sie ihn mit so einem Quatsch nicht belästigen soll. Aus dem Mädchen Julia wird eine Männin, die im Idealfall mit Schulterpolstern, mit zu einem schmalen Spalt zusammengepresstem Mund und verdorrtem Herzen herumläuft. Sie wird ihre Liebhaber mit der selben Kälte und Unnahbarkeit quälten, mit der sie zuvor von ihrem Vater gequält wurde. Wird aus einem solchen Mädchen später eine erwachsene Frau, so wird sie Liebe und Beziehungen gnadenlos ihrem Karriereimpuls unterordnen. Was mein Arbeitgeber und mein verinnerlichter gnadenloser Antreiber von mir wollen, das bin ‚Ich’; was meine Partnerschaft von mir braucht, um leben und atmen zu können, das sind lästige ‚Forderungen’, die es abzuwehren gilt.«
»Solche Frauen gibt es auch ohne Ihre erzieherischen Bemühungen«, merkte ich an.

Humanität ist, was der Wirtschaft dient.

»Ja, und auch solche Männer gibt es zur Genüge. Die Erziehungsmechanismen, um die es hier geht, haben wir ja nicht erfunden, wir haben sie nur perfektioniert und bewusst zur Erschaffung des gewünschten Menschentyps eingesetzt. Wir müssen unser gut gemeintes humanistisches Erziehungsideal den Gegebenheiten einer sich radikal wandelnden globalen Konkurrenzsituation anpassen. Humanität ist, was der Wirtschaft dient. Sie allein ist ja die Lebensgrundlage für die Menschen, um die es all den Schönrednern und Besitzstandswahrern ja angeblich geht. Was hilft uns ein Volk von verwöhnten, starrköpfigen Individualisten, wenn uns die leistungswilligeren, anpassungsfähigeren Völker des Ostens auf dem globalen Markt schlichtweg überrennen? Das Global Change Management darf nicht länger nur Symptombehandlungen an der Oberfläche durchführen, es muss die Wurzel der Krankheit anpacken: unser überholtes, ineffizientes Menschenbild. Der Mensch der Zukunft wird in Beziehungsfragen individualistisch sein bis zum Autismus, in der Arbeit dagegen ameisenhaft bis zur Selbstaufgabe – oder es wird für ihn keine Zukunft mehr geben.«

»Und was wird später aus den Kindern, wenn sie auf die Dienste der Human Warmth-Darstellerinnen nicht mehr angewiesen sind?«, fragte ich, ganz erschlagen von Schicklgrubers rhetorischen Tiraden.
»Sie absolvieren die Otter Vorschulkindergärten, die Otter Schulen, die Otter Fachhochschulen mit integrierten Praktika in den Otter-Fabrikationshallen und den Otter-Verwaltungsabteilungen. Später werden sie je nach Begabung in der Regel übernommen – und sie werden ihr Leben lang nie mehr frei.« Schickelgrubers Stimme hatte bei diesem letzten Satz einen kehlig-martialischen Tonfall angenommen, und seine Augen blitzten für einen Moment gefährlich auf, bevor er wieder sein routiniert-verbindliches Lächeln anknipste. »Wo gibt es draußen in der Wirtschaft denn noch einen solchen Hort der Fürsorge und Unterstützung, wo doch, was Mitarbeiter betrifft, immer mehr eine Hire- and Fire-Mentalität überhand nimmt.« Und er fügte mit einem Grinsen hinzu: »Übrigens: Den Otter-Firmenfriedhof kann ich Ihnen bei einer anderen Gelegenheit zeigen.«

Guido Schicklgruber und ich hatten uns höflich voneinander verabschiedet, nicht ohne eine knappe, aber unmissverständliche Warnung des Education Managers, dass ich meinen Text keinesfalls veröffentlichen dürfe, ohne ihn vorher von ihm gegenlesen zu lassen.

Ich hatte einen Umweg über einen kleinen, von Buchenzweigen überwölbten Pfad gewählt. Als mein Weg nahe der Mauer vorbei führte, erkannte ich eine kleine Gestalt, die sich an einigen Efeu-Ranken nach oben zu ziehen versuchte. Offenbar hatte eines der Kinder die Absicht, die Mauer zu überwinden. Doch die Ranke riss ab, das Kind, ein Junge, fiel und blieb bewegungslos inmitten eines Büschels Brennnesseln liegen. Ich beugte mich über ihn und erkannte Jakob. »Bitte«, sagte der Junge und biss tapfer die Zähne zusammen, »sagen Sie nichts!«
»Bist du verletzt?«, fragte ich statt einer Antwort.

»Und ist im Meer mehr Wasser als in einem Otter Handy-Planschbecken?«

Wenn Jakob Schmerzen hatte, so ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. »Schon o.k.«, sagte er und stand schon wieder auf seinen Beinen. Herausfordernd und fragend schauten mich seine Augen unter seinem nicht zu bändigenden Rotschopf an.
»Weißt du, wo du hingehen musst?«, fragte ich und dachte an Patrizias Adresse in meiner Hosentasche. Jakob schüttelte den Kopf. Offenbar hatte er aufs Gratewohl fliehen wollen. Nach einem kurzen Moment des Zögerns hielt ich Jakob wortlos meine ineinander verschränkten Hände hin – die »Räuberleiter«. Der Junge grinste mich an, mit einem frechen, offenen Lachen, das ich noch bei keinem der verhuschten Kinder dieser Anlage gesehen hatte. »Kann ich drüben das Meer sehen?«, fragte er.
»Ja, Jakob, es ist nicht gleich hinter der Mauer, aber wenn du wirklich willst, wirst du es eines Tages sehen können.«

»Und ist im Meer mehr Wasser als in einem Otter Handy-Planschbecken?«
»Oh ja«, antwortete ich lächelnd. »Wenn du das Wasser von tausend Otter-Planschbecken zusammenschüttest, ist das im Vergleich zu der Größe des Meeres immer noch wie ein Tropfen.«

Jakob staunte. Dann stieg er kurz entschlossen auf meine Hände und ließ sich von einem leichten Schubs nach oben tragen. »Warte drüben auf mich!«, rief ich ihm zu. Ich musste zugeben, dass die Aussicht, Patrizia unter solch abenteuerlichen Umständen wieder zu sehen, entscheidend dazu beigetragen hatte, meine Rolle als neutraler Berichterstatter dieses eine Mal aufzugeben. Wie hätte ich sie als unscheinbarer, mäßig erfolgreicher Journalist auch jemals beeindrucken können – es sei denn als »Held« einer wahrhaft abenteuerlichen Ausbruchsgeschichte, die eine Lücke in das engmaschige Netz des Otterschen Erziehungssystems reißen würde. Schon hatte Jakob die Mauer bestiegen und thronte auf ihr wie ein kühner Reiter auf seinem Pferd. »Das brauche ich jetzt nicht mehr«, sagte er, und – schwupps! – landete sein Original Otter Handy in den Brennnesseln.

Als ich dem Handy mit den Augen folgte, sah ich etwas anderes, dunkel Glänzendes zwischen den Nesseln liegen. Es war eine Weichgummi-Nachbildung von Dummy Flummy – in bestem Zustand, beinahe unberührt, jedenfalls ohne erkennbare Spuren von Gewalteinwirkung. »Gehört das Dir?«, fragte ich Jakob und reichte die Puppe hinauf. Jakob drückte Dummy Flummy beschützend an seine Brust, so wie man einen Teddybären hält.
»Hast du ihn lieb?«, fragte ich.
Jakob nickte.
»Warum?«
»Weil er immer so traurig ist und weil ihn keiner mag – so wie mich.«
»Stimmt doch gar nicht«, protestierte ich.
Jakob lächelte.
»Weißt du«, schloss ich. »Vielleicht ist Dummy Flummy ja gar nicht so dumm. Ich glaube, er ist der einzige von den Flummys, der je das Meer sehen wird.«
Ich blickte mich kurz um, weil ich glaubte, ein Rascheln im Gebüsch vernommen zu haben. Als ich wieder zur Mauer hinschaute, war Jakob verschwunden. Nicht einmal das Aufschlagen seiner Füße auf dem Gehweg auf der anderen Seite war zu hören gewesen. Ich beeilte mich, zum Ausgang zu kommen.

—eine futuristische Satire von Roland Rottenfußer (Erstveröffentlichung im "Zeitpunkt")

Roland Rottenfußer arbeitete jahrelang als connection-Redakteur, ehe es ihn zum Schweizer Magazin "Zeitpunkt" verschlug. Er schreibt auch für das Konstantin Wecker Projekt www.hinter-den-schlagzeilen.de.

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