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Satireecke

Die Fülle ist in dir

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Lohnersatzleistungsersatzleistung

Das Amt für Lohnersatzleistungen schloss um Punkt 12 Uhr mittags. Uwe und ich standen aber schon um 10.45 vor dem klobigen fünftstöckigen Gebäude aus unverputztem roten Ziegel mit den unübersehbar langen Fensterreihen.


© Rainer Sturm pixelio.de

Wir konnten uns also gute Chancen ausrechnen, noch an die Reihe zu kommen. Uwe brauchte die Sozialhilfe unbedingt. Seit das Behindertenheim wegen Geldmangels geschlossen hatte und ich ihn quasi über Nacht bei mir aufnehmen musste, damit er nicht auf der Straße landete, war ich allein für seinen Lebensunterhalt aufgekommen. Bei Uwe lag eine seltene Chromosomenaberration vor, was in der Praxis mit einer leichten Debilität einherging, z.B. mit Sprachstörungen und einer – freundlich ausgedrückt – etwas langsamen Auffassungsgabe.

Das Amt

Uwe würde nie einen Beruf im herkömmlichen Sinn ausüben können. Trotz seiner wuchtigen Körperstatur, des starken Kiefers und der schaufelartigen Würgerhände war er jedoch ein reizender, im Grunde seines Wesens feiner Mensch. Trotz aller Einschränkungen lebte ich nicht ungern in meiner 45-Quadratwohnung mit ihm zusammen. Nur: ich brauchte dringend finanzielle Unterstützung durch das Amt. Und die stand Uwe ja wohl auch zu, war er doch völlig ohne eigenes Verschulden existenziell ins Bodenlose gefallen.

Schon von außen fiel mir auf, dass die Fenster im Amt nicht beleuchtet waren. Auch fehlten die sonst üblichen Grüppchen von Rauchenden, die Schlangen vor den Anmeldeschaltern, die sich an anderen Tagen oft bis hinunter an den Fuß der hohen Treppe hinzogen. Ich gebe auch zu, dass ich lange nicht mehr selbst im Amt gewesen war, weil dieses für mich als Freiberufler nicht zuständig war. Ich hatte allerdings angesichts der Wirtschaftskrise eher mit einer Verschärfung der Situation, also mit längeren Schlangen und einem quasi auf Hochtouren brummenden Amtsbetrieb gerechnet.

Als wir die große Flügeltür öffneten, traten wir in eine unerwartete Dunkelheit, nur aufgehellt durch das spärliche Licht, das aus einer Reihe hoher, kleiner Fenster in den turnhallengroßen Empfangssaal hinein fiel. Ich hatte mich aber nicht in der Zeit geirrt, denn draußen stand nach wie vor das alte Schild mit den Öffnungszeiten: 8-12 Uhr, nach Vereinbarung in Ausnahmefällen 14-17 Uhr. Mein Finger fand den im Dunklen rot leuchtenden Sparschalter, und sogleich füllte sich die Halle und der endlos in die tiefe des Gebäudes führende Gang mit einem gelblich-weißen Neonlicht.

Dass das Amt sparen wollte, konnte ich verstehen. Nur die Tatsache, dass zur »besten« Personenverkehrs-Zeit kein einziger Mensch im Amt zugegen war, erschien mir noch immer rätselhaft. Auch die ovale, gut 10 mal 5 Meter große Infotheke mit ihren 20 Schaltern war menschenleer. Und die große Infotafel mit sonst über 100 Einträgen, das gewaltige »Inhaltsverzeichnis« des Amts für Lohnersatzleistungen, war bis auf eine einzige Zeile völlig leer. In großen auswechselbaren Lettern stand dort: Anträge auf Erteilung von Lohnersatzleistungsersatzleistungen – Zi. 478 a.

Ich ging also mit Uwe auf dem mir noch vertrauten Weg zum Lift und fuhr in den dritten Stock. Unterdessen versuchte ich meinen verunsicherten Freund zu beruhigen und erklärte, dass heute eben besonders wenige Leute im Amt waren. Dass aber der »liebe Beamte«, der uns das Geld für Pfirsichdosen und andere wichtige Lebensmittel geben würde, bestimmt zu Hause war. Dass er sogar besonders viel Zeit für uns haben würde, eben weil heute nicht so viele Leute zu ihm wollten. Ich versuchte immer, Uwes Vertrauen in die Institutionen unseres Staates zu stärken und versah Personen, die uns begegneten, gern mit dem Zusatz »lieb«. Ich wusste ja von Uwes sensibler Seele, die durch den Kontakt mit fremden Menschen leicht einzuschüchtern war.

Die Wartezone

Das Amt bestand im vierten Stock (wie in jedem anderen Stockwerk) aus einem Hauptgang, der vom Fahrstuhl in eine von der Frontseite aus nicht mehr sichtbare Ferne führte. Vom Hauptgang gingen unzählige Nebengänge ab, von diesen wiederum Nebennebengänge und so weiter. Es war nicht ganz leicht, der Beschilderung zu folgen, die auf einem etwas komplizierten und verschachtelten Nummernsystem basierte. Zi. 458 a – 488 b, irgendwo dazwischen musste unser Zimmer sein. Auch musste ich zwischendurch immer wieder auf rot leuchtende Knöpfe drücken, um das Licht in dem betreffenden Gebäudetrakt anzuschalten. »Isses noch weit?«, fragte Uwes dunkle Stimme besorgt und formte dabei die Worte in der für ihn typischen Weise, als würde er mühsam auf ihnen herumkauen. »Nein, Uwe, wir sind gleich da.«

Endlich standen wir vor Zimmer 478 a: »Anträge auf Erteilung von Lohnersatzleistungsersatzleistungen«. Auf dieser Höhe hatte sich der Gang zu einer mittelgroßen Wartezone verdickt, die Platz für etwas 80 Wartende schuf. Niemand saß auf den durch Metallgestänge miteinander verbundenen hellgrauen Plastikstühlen. Ich wusste aus einschlägigen Erfahrungen, dass es nicht ratsam war, einfach in ein Amtszimmer hineinzuplatzen. Dies hatte unweigerlich einen strengen Verweis durch den zuständigen Beamten zur Folge. Ich suchte und fand also den Wartenummernspender rechts neben der Tür und zog. In meiner Hand hielt ich eine saubere, noch druckfrische »1«. Obwohl es bereits nach 11 Uhr war, waren Uwe und ich also offenbar die ersten Antragsteller an diesem Tag. Sofort blinkte auf der Anzeigentafel über der Tür in roter Leuchtpunktschrift auf: »Bitte warten Sie, bis Ihre Nummer aufgerufen wird«, und nur wenige Sekunden später: »1«.

Ich schärfte Uwe noch mal ein, dass er die Verhandlungen am besten mir überlassen solle und trat ein. Zu meiner Überraschung wirkte die Beamtin hinter ihrer Theke nicht beschäftigt, sondern wendete sich uns sofort mit einer leichten Drehung ihres Stuhls zu. »Sie wünschen?«, fragte die nicht unattraktive, dunkelblonde Mittdreißigern, die in ihrem anthrazitfarbenen Hosenanzug allerdings etwas streng wirkte. Außerdem wirkte sie ziemlich gelangweilt, wenn man bedachte, dass unser Besuch doch für sie die erste Abwechslung an einem ereignislosen Arbeitstag sein musste. »Desirée Hundt« stand auf ihrem Namensschild.

Die Fülle ist in dir

»Ich möchte hier für meinen Freund Uwe Glöckner sprechen«, begann ich. »Uwe war bis vor kurzem Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, was auf eine von Geburt an bestehende Chromosomenaberration zurückzuführen ist. Er wohnt derzeit bei mir und verfügt über keinerlei Einkommen. Selbstverständlich hat er keinen dringlicheren Wunsch, als möglichst bald in den Prozess der Erwerbsarbeit eingegliedert zu werden“, fügte ich hinzu, weil ich meinte, die Beamtin würde dies an dieser Stelle von uns erwarten. „Aufgrund von durch Herrn Glöckner nicht schuldhaft verursachten Einschränkungen seiner Konzentrations- und Auffassungsgabe ist eine Eingliederung in den Ersten Arbeitsmarkt jedoch derzeit so gut wie ausgeschlossen. Dazu kommt, dass, wie Sie selbst wissen, aus Kostengründen alle Mittel für behindertengerechtes Wohnen und Arbeiten aus den Mitteln des Sozialministeriums ersatzlos gestrichen wurden. Aus all dem folgt, dass Herr Glöckner als unverschuldet in finanzielle Not geratener Bürger Anspruch aus Lohnersatzleistungen nach Paragraf 738 a/IV hat.«

Ich hatte mich gut auf meine kleine Rede vorbereitet und dabei auch die bewährte Internet-Seite »Mein Recht auf Lohnersatzleistungen« zu Rate gezogen. Die Beamtin war währenddessen mit müdem Gesicht von ihrem Platz aufgestanden, war zum Wandregal gegangen, in dem sich statt der üblichen Aktenordner allerdings nur Stapel von in Plastikfolie eingeschweißten Büchern befanden, und hatte ein Buch herausgenommen. Wortlos legte sie es vor uns auf die Theke. Ich nahm das Buch, las die Überschrift, las die Rückseite und legte es wieder zurück auf die Theke. Der Titel lautete: »Die Fülle ist in dir« von Dr. Jonathan Sunday. Untertitel: »Raus aus dem Opferbewusstsein durch eigenverantwortliches Kreieren und Imaginieren.«

»Was soll das?«, fragte ich etwas gereizt. »Ich hatte gedacht, dass Sie uns vielleicht ein Antragsformular zum Ausfüllen geben würden.« »Antragsformulare gibt es bei uns nicht mehr«, sagte Desirée Hundt routiniert. »Jeder Bürger, der glaubhaft versichert, über keine ausreichenden Einkünfte zu verfügen, hat laut Lohnersatzleistungsreformgesetz Anspruch auf Lohnersatzleistungsersatzleistungen. Dafür bedarf es keines gesonderten Nachweises. Die Leistung kann ohne zeitliche Verzögerung vor Ort ausgegeben werden.« Frau Hundt schaute uns während ihrer Rede nicht an und verdreht ihre Augen leicht nach oben, wohl um zu signalisieren, dass sie es leid war, uninformierten Bürgern immer wieder die gleiche Geschichte erzählen zu müssen.

»Also können wir gleich hier Geld bekommen«, fragte ich und konnte meine Freude nur schwer verbergen. »Wer redet von Geld«, sagte Désirée Hundt ungeduldig und zeigte auf das Buch. »Das hier ist die Lohnersatzleistungsersatzleistung. Sie ersetzt laut Lohnersatzleistungsreformgesetz vom 1. Januar alle üblichen Lohnersatzleistungen wie Sozialhilfe, Kindergeld, Arbeitslosenunterstützung und Rente. Die Maßnahme der Bundesregierung wurde im Geiste unserer neuen Richtlinie ‚Fordern und Aktivieren’ entwickelt, die seit dem Regierungswechsel die alte Formel ‚Fördern und Fordern’ ersetzt hat. Ziel der Maßnahme ist es, Bürger ohne eigene Einkünfte zu mehr eigenverantwortlichem Handeln zu inspirieren. Aber sagen Sie, muss ich Ihnen das alles erzählen? Lesen Sie keine Zeitung?«

Tatsächlich hatte ich mich monatelang nicht mehr aus Zeitung und Fernsehen informiert, nachdem ich gemerkt hatte, dass mich die aktuellen Nachrichten zunehmend mutlos und deprimiert stimmten. »Hören Sie«, sagte ich nun zu Frau Hundt und versuchte meine Stimme ein wenig entschlossen klingen zu lassen. »Ich nehme das Buch gern mit und lese es zuhause. Aber was Herr Glöckner in seiner Situation braucht, ist Geld, mindestens 400 Euro monatlich, sonst weiß ich nicht, wovon er leben soll. Verstehen Sie, was ich sage? Herr Glöckner hätte sonst nicht genug zu essen und zu trinken, da mein eigenes Honorar aus freiberuflichen Tätigkeiten gerade mal für mich selbst reicht.«


© Klaus-Uwe Gerhardt pixelio.de

„Liebe Beamtin hübsch“

»Ich glaube, Sie verstehen mich nicht«, erwiderte Désiré Hundt spitz. »Die Aushändigung des bewährten Buchs ‚Die Fülle ist in dir’ ist die einzige Leistung, die unser Amt seit 1.Januar noch vergibt. Da Sie offenbar im letzten halben Jahr keine Zeitung gelesen haben, versuche ich es Ihnen noch mal zu erklären. Wenn jemand Hunger hat, aber an einem Fluss lebt, ist es dann besser, demjenigen einen Fisch zu geben oder eine Angel? Die Frage beantwortet sich wohl von selbst. Ein Fisch macht den Betreffenden nur für einen Abend satt. Eine Angel dagegen ermächtigt ihn, sich immer wieder aus eigener Kraft Fische zu fangen.«

»Ja schon«, wandte ich ein. »Aber was hat das ganze mit Herrn Glöckner zu tun?«

»Ich zitiere als Antwort eine Stelle aus Dr. Sundays Buch«, erwiderte Désirée Hundt genervt und blätterte kurz in dem Band: »Wer einem Bedürftigen Geld aushändigt, ohne entsprechende Gegenleistungen von ihm zu verlangen, schwächt damit nur die aktivierende Funktion des Leidensdrucks, der diesem als Ansporn zu mehr eigenverantwortlichem Handeln dienen könnte. Geld-Sozialleistungen beruhen auf einem veralteten Denken. Sie rauben dem Erwerbslosen die unschätzbare Erfahrung, sich durch Selbstüberwindung aus dem Nacht lähmender Antriebsschwäche zum Lichte eines dynamischen Willensheroentums durchzuarbeiten. Es gibt somit nichts, womit ein Arbeitsuchender gründlicher entwürdigt werden könnte als durch eine sich fälschlich auf das Gebot der Menschwürde berufende fürsorgliche Entmündigung. Übermäßiges Mitgefühl ist so zur schlimmsten Geißel einer verzärtelnden Rundum-Sorglos-Gesellschaft geworden.«

»Entschuldige, wenn ich Sie unterbreche, Frau Hundt. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Herr Glöckner wegen seiner von Geburt an reduzierten mentalen Fähigkeiten nicht in der Lage ist, diese sicher großartigen Zeilen von Herrn Sunday zu lesen. Ebenso wenig ist er fähig, Bewerbungen zu schreiben oder sich bei einem Vorstellungsgespräch in der erwünschten Form zu benehmen. Was er jetzt braucht, ist die Solidarität der Gemeinschaft, also Geld, solange bis es wieder Behindertenwerkstätten gibt, in denen er was dazuverdienen kann.«

»Liebe Beamtin hübsch«, meldete sich Uwe nun erstmals zu Wort, grinste über sein breites Gesicht und näherte sich bedrohlich der Theke, was Frau Hundt dazu bewog, ein Stück zurückzuweichen. »Kriegen wir Geld? Pfirsichdosen kaufen?«.

»Ja, Uwe, bestimmt gibt uns die liebe Beamtin gleich das Geld. Setzt dich noch ein bisschen hin. Ich muss erst noch ein bisschen mit der lieben Beamtin reden. Also, Frau Hundt, Sie sehen selbst, dass sie diesen Menschen nicht auf den Ersten Arbeitsmarkt loslassen können.«

Frau Hundt brauchte ein paar Momente, um nach Uwes unerwartetem »Angriff« die Fassung zurück zu gewinnen, dann schaute sie mich an und sagte mit fester Stimme: »Finden Sie nicht, dass Sie es sich da etwas zu leicht machen?«

»Leicht machen, nein, warum?«

»Was oder wer Herr Glöckner auch immer ist – er ist es geworden aufgrund von Entscheidungen, die er in eigener Verantwortung in seinem Leben getroffen hat. ‚Unser Charakter gleicht einem Kunstwerk, dessen Rohstoff unsere ererbten Anlagen sind«, schreibt Dr. Jonathan Sunday in dem Buch. ‚Geformt und veredelt wird dieser Rohstoff durch das unermüdliche Wirken eines begnadeten Bildhauers – unseres Freien Willens, jenes Götterfunkens, der im innersten Bezirk unserer Seele seinen Wohnsitz hat. Désirée Hundt schien von Dr. Jonathan Sundays Text ernstlich ergriffen zu sein. Erstmals meinte ich an ihr etwas wie eine Gemütsbewegung wahrzunehmen. Sie zupfte jedenfalls nervös an ihren künstlich verlängerten Augenbrauen herum. »Ausschließlich unsere Entscheidungen also sind es, die …«

Vorgeburtliche Seelenabsprachen

»Nein! Nein!«, unterbrach ich die Beamtin erbost. »Verstehen Sie nicht? Er hat das nicht entschieden. Er ist so geboren!«

»Dann hat er eben entschieden, so geboren zu werden«, sagte Désirée Hundt in einem Tonfall, der auszudrücken schien, dass sie damit etwas Endgültiges ausgesagt hatte, was keinen Widerspruch duldete. »Lesen sie dazu bitte bei Jonathan Sunday das Kapitel: ‚Vorgeburtliche Seelenabsprachen. Wie wir mit Hilfe von Jenseitsführern unsere kommende Inkarnation planen’. Daraus geht eindeutig hervor, dass auch Behinderungen, die von Geburt an vorliegen, auf Entscheidungen beruhen, die wir auf der Seelenebene in der Zwischenwelt getroffen haben. Soll etwa die Mehrheit der anständigen, also der arbeitswilligen und arbeitsfähigen Menschen, dafür aufkommen, dass eine Minderheit von verantwortungslosen Individuen meint, sich ausgerechnet als nutzlose Krüppel inkarnieren zu müssen?« Die schwarz umrandeten Augen der Beamtin funkelten. Ihre immer sehr kontrollierten Gesichtszüge schienen für einen Moment zu entgleisen, so dass sich ihre lila geschminkte schmale Oberlippe hochzog wie bei einer fauchenden Katze.

»Is’ die liebe Beamtin jetz’ böse?«, fragte mich Uwe, der die ganze Zeit geduldig auf seiner Bank ausgeharrt hatte, erschrocken.

»Nein Uwe. Sie ist nicht ernsthaft böse. Es kommt eben auch bei lieben Leuten vor, dass sie sich Leute streiten. Danach sind sie auch wieder gut.« Ich beugte mich zu Désirée hinüber und zischte ihr zu: »Etwas weniger laut bitte, wenn sie meinen Freund das nächste Mal beleidigen. Er ist sehr sensibel. Wir können von Glück sagen, dass er das nicht richtig verstanden hat.« Und dann wieder etwas lauter: »Sie haben doch sowieso keine Kundschaft hier, Frau Hundt. Wenn Sie nur einen kleinen Teil der Bücher, die hier liegen, auf dem Flohmarkt verkaufen, können Sie Uwe locker davon Sozialhilfe geben.«

»Das ist es ja gerade«, keifte Désirée: »Seit wir von Lohnersatzleistungen auf Lohnersatzleistungsersatzleistungen umgestellt haben, sind die Wartesäle leer. Niemand scheint das Konzept zu verstehen, das hinter dieser Reform steckt. Die Regierung dringt nicht damit durch, dem undankbaren Volk die Größe dieses Plans zu vermitteln. Und wissen Sie auch warum: Keiner ist mehr bereit, die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Alle flüchten sich unter den Mantel von Vater Staat, weil sie nicht stark genug sind, sich dem kühlen Wind der Globalisierung entgegen zu stemmen. Es sind Kinder, Kinder! Sie verdienen überhaupt nicht, dass sich dieser Staat um sie kümmert. Aber es wird ja auch nicht mehr lange so gehen. Es gibt Bestrebungen, dieses Amt und damit auch unsere Abteilung bis Ende des Jahres zu schließen. Das Gebäude geht dann in Privatbesitz über.«

»Und wie soll Uwe jetzt leben?«

»Das ist seine Sache.«

»Ich meine, wenn er kein Geld von Ihnen bekommt, muss ich ihn weiter durchbringen. Ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll.«

»Das ist Ihre Sache.« Désirée Hundt wandte uns bei diesen Worten den Rücken zu, füllte Wasser in ihre Kaffeemaschine, legte ein Kaffeepad in die dafür vorgesehene Mulde und drückte den Startknopf. Offenbar wollte sie uns dadurch unmissverständlich signalisieren, dass das Gespräch zu Ende war.

»Komm Uwe, wir müssen gehen«, flüsterte ich meinem Freund zu. »Die liebe Beamtin hat im Moment nicht so viel Geld einstecken. Aber nächste Woche hat sie bestimmt wieder welches. Bis dahin kommen wir zwei schon irgendwie zurecht«.

»Und die Pfirsichdosen? Du hast gesagt: Is’ kein Geld mehr da für Pfirsichdosen.«

»Doch, Uwe, du kriegst deine Pfirsichdosen, ich verspreche es.« Ich überlegte einen Moment fieberhaft und kam zu dem Ergebnis, dass ich meine anstehende Fahrradreparatur würde verschieben müssen, wollte ich für Uwe und mich in den nächsten Wochen nur die notwendigsten Lebensmittel kaufen, vor allem Pfirsiche, Zucchini und Reis. Auch die neue CD meiner Lieblingssängerin würde ich mir vorerst nicht leisten könnten. Das tat weh, aber was sollte ich machen?

Unterdessen entrang sich der Kaffeemaschine ein eher klägliches, schlürfendes Geräusch. Sie war offenbar defekt. »Scheiß Maschinen!«, fluchte Désireé. Da hat mir die Einkaufsabteilung wieder mal den allerbilligsten Krempel besorgt. Kann ewig dauern, bis eine neue beantragt und genehmigt ist.«

Wir waren schon an der Tür gewesen. Einem Impuls folgend, drehte ich mich noch mal um und sagte in einem süffisanten Tonfall: »Ich denke wohl, das ist Ihre Sache, Frau Hundt.« In mir breitete sich ein giftiges Triumphgefühl aus. Doch noch während ich dies sagte, bemerkte ich, dass Uwe in seiner Manteltasche kramte und daraus eine Minipackung Sunny Orange Fruchtsaftgetränk mit angeklebtem Plastik-Strohhalm entnahm. Er legte das Getränk nebst zwei staubigen Kaubonbons, die er in den Tiefen seiner Taschen gefunden haben musste, auf die Theke, grinste Désirée Hundt vertrauensvoll an und sagte: »Liebe Beamtin durstig und hungrig.«

Désirée nahm das Getränk in die Hand und starrte sichtlich irritiert darauf, als ob es sich um ein außerirdisches Artefakt handelte. »Danke«, sagte sie noch flüchtig, sah kurz zu Uwe auf und blickte dann zu Boden. »Liebe Beamtin mag mich«, sagte Uwe befriedigt grinsend in meine Richtung.

»Ja Uwe, sicher mag sie dich«, sagte ich. Ich war nicht wirklich begeistert über diesen Vorfall, denn einerseits hatte mich Uwe mit seinem Verhalten beschämt, andererseits würde ich sein Lieblingsgetränk von unserem sehr knappen Budget ersetzen müssen. Recht ratlos verließ ich mit einem noch immer auf Wolken schwebenden Uwe das Amtszimmer.

—eine futuristische Satire von Roland Rottenfußer

Roland Rottenfußer arbeitete jahrelang als connection-Redakteur, ehe es ihn zum Schweizer Magazin "Zeitpunkt" verschlug. Er schreibt auch für das Konstantin Wecker Projekt www.hinter-den-schlagzeilen.de.

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