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Satireecke

Eine schwarze Mediensatire

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Eine schwarze Mediensatire
© Margot Kessler pixelio.de

Die Redaktionskonferenz

Mitwirkende: Ron, Chefredakteur der SozialLiberalenZeitung (SLZ). Chantal, Redakteurin Wirtschaftsressort. Siggi, Redakteur Innenressort. Augusto, Redakteur Außenressort. Dr. Spender, ein geheimnisvoller Gast.

Ron: Alle da? O.k., dann fangen wir an. Einziger Gegenstand dieser Redaktionssitzung ist diesmal: die langfristige Inhaltsplanung zum Thema «moderne Verhörtechniken». Ich weiß, das Thema ist nicht bei allen beliebt, trotzdem müssen wir da durch. Ich begrüsse an dieser Stelle besonders herzlich Herrn Dr. Spender von der Initiative Neue Freiheit. Die INF ist ein übernationales, informelles Netzwerk, das Medien im Bereich des strategischen Content Managements berät. Herr Dr. Spender, habe ich das korrekt dargestellt?

Spender: Besser hätte ich es selbst nicht sagen können.

Ron: Gut, ich weise die Teilnehmer auch nochmals darauf hin, dass der Inhalt dieser Konferenz vertraulich ist. Alles, was hier besprochen wird, bleibt auf der Ressortleiter-Ebene. Unsere Mitarbeiter in den Ressorts erfahren nur, was für ihre tägliche Arbeit unbedingt erforderlich ist. Habe ich mich klar ausgedrückt?
(Die Ressortleiter signalisieren Zustimmung)

Ron: Noch mal zur Frage, warum ich die Initiative Neue Freiheit hinzugezogen habe. Es ist verständlich, dass es da am Anfang Berührungsängste gibt. Wir haben ja bislang kaum mit externen Beratern gearbeitet. Aber ich kann gar nicht genug betonen, dass die Ehre in diesem Fall ganz auf unserer Seite liegt. Ich bin außerordentlich glücklich, dass sich Herr Dr. Spender heute für uns Zeit genommen, denn er ist ein viel beschäftigter Mann mit weit reichenden Kontakten. U. a. ist er an der Organisation der jährlichen Konferenz «Groth and Security» in Neufchatel am Genfer See beteiligt, stimmt’s, Herr Dr. Spender?

Spender: Ganz genau. In Neufchatel treffen sich, wie Sie wissen, die internationale Führungselite aus Wirtschaft und Politik zum zwanglosen Gedankenaustausch. Auch Medienvertreter sind eingeladen, allerdings nur die Großen der Branche mit einigem Einfluss auf die Meinungsbildung – sozusagen ein erlauchter Kreis.

Ron: Und Sie haben angedeutet, Herr Dr. Spender, dass die SLZ bald in diesen Kreis aufsteigen könnte!?

Spender: Nicht sofort, aber es könnte in die Richtung gehen. Jedenfalls würde es der SLZ gut anstehen, über Wachstum nicht länger nur zu schreiben, sondern auch tatsächlich ein solches zu erzielen. Denn wer nicht wächst, stirbt, heißt es so schön. Und dabei helfen wir von der INF gern. Wie Sie wissen, haben wir gute Kontakte zur Wirtschaft, das heißt auch zu potenten Anzeigenkunden.

Ron: Ich kann in diesem Zusammenhang auch eine äußerst erfreuliche Nachricht bekannt geben. Durch Vermittlung von Herrn Dr. Spender haben wir einen Kontakt zu IST bekommen, also Interrogation and Security Technology, der größte deutsche Hersteller von Verhörtechnologie. IST hat bei unserem Magazin letzte Woche eine Anzeigenserie für den Honestmaker 4.1 schalten lassen. Anzeigenvolumen: 500.000 Euro. Jeden Monat ist die U4 gebucht – vorläufig für drei Jahre. Leute, wisst ihr, was das heißt? Unsere Jobs sind bis auf weiteres sicher, und wir können sogar noch investieren.
(Die Konferenzteilnehmer klatschen, an Dr. Spender gewandt, Beifall)

Siggi: Darf ich da mal einhaken: Ist euch eigentlich klar, worum es hier geht? Wir sprechen von Folter. Der IST Honestmaker ist ein elektronischer Apparat, um durch Druck auf verschiedene menschliche Gliedmassen Schmerzen von leicht bis heftig zu verursachen. Altmodisch gesprochen: Daumenschrauben. Ich verstehe, dass wir auch als Wirtschaftunternehmen denken müssen, Ron. Aber sollen wir jetzt wirklich genau die Dinge unterstützen, gegen die unser Magazin eigentlich einmal gegründet worden ist?

(Unmutsäußerungen einiger Anwesender)

Ron: Ich würde mal sagen, Siggi, unser Magazin ist erwachsen geworden. Nach zwölf Jahren Firmengeschichte sind wir endlich in der Realität angekommen. Grundsätzlich gebe ich dir durchaus Recht, mein Lieber. Moderne Verhörtechniken sind unappetitlich. Aber als aufstrebendes Politmagazin können wir es uns auf Dauer nicht leisten, uns in der Ecke der Terroristenversteher zu positionieren. Der politische Wind weht nun mal aus einer anderen Richtung im Moment. Wir alle hatten einen Traum, als wir hier angefangen haben: besseren Gehältern, Auflagen in sechsstelliger Höhe, hochrangigen Interviewpartnern, Akkreditierung bei den großen politischen Events. All das könnte durch den Kontakt zur INF in greifbare Nähe gerückt sein. Ist es nicht so, Herr Dr. Spender?

Spender: In der Tat, ich darf sagen, unsere Kontakte reichen außerordentlich weit. Donald Rumsfeld, Peter Brabeck, Robert Mugabe, Roland Koch … Schreiben Sie uns einen Wunschzettel, wir können Ihnen Ihren Traum-Interviewpartner liefern. Im Mediengeschäft ist Vernetzung alles. Als unser Kooperationspartner bekommen Sie von uns manche Informationen so frühzeitig, dass Sie der Konkurrenz immer um eine Nasenlänge voraus sind.

Siggi: Wo liegt eigentlich bei dem allen der Nutzen für Sie, Herr Dr. Spender?

Spender: Unserer Organisation geht es allein um die Sache, also um den Schutz eines freiheitlichen Marktkonzepts vor der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus. Der Service ist für die SLZ kostenlos. Aber Sie müssten natürlich inhaltlich ein paar Anpassungen vornehmen.

Siggi: Das heißt, wir müssen Folter befürworten.

Spender: Bitte haben Sie Verständnis, dass wir nur mit Zeitungen arbeiten, die ein fortschrittliches und realitätsnahes Menschenrechtsverständnis pflegen.

Ron: Ich fasse das Ergebnis der ersten Viertelstunde also zusammen: Die Frage ich nicht mehr, ob wir die Pro-Folter-Kampagne starten, sondern nur noch wie wir das machen.

Chantal: Ron, ich bin da ganz bei dir. Die Pro-Folter-Linie in unserem Magazin ist absolut alternativlos. Ich meine nur: Glaubst du nicht, die Leser könnten uns abspringen? Da sind noch viele menschenrechtsromantische Vorstellungen im Umlauf.

Eine schwarze Mediensatire
© Victor Mildenberger pixelio.de

Spender: Wie ich sehe, fehlt hier teilweise der Mut zu unpopulären Maßnahmen. Wer wollt ihr sein – der Künstler, der etwas formt, oder die Knetmasse, die von ihm geformt wird?

Chantal: Der Künstler natürlich

Spender: Na also: Nicht die Meinung der Leser bestimmt, was wir schreiben, sondern umgekehrt: Was wir schreiben, bestimmt die Meinung der Leser. Wenn also das Gespür für die Notwendigkeit von modernen Verhörtechniken in der Bevölkerung noch nicht ausreichend vorhanden ist, dann müssen wir eben dafür sorgen, dass das in Zukunft anders wird. Leute, tut doch nicht so, als ob Ihr neu im Geschäft wärt. Ihr habt den Leuten Afghanistan verkauft. Ihr habt ihnen Sozialabbau verkauft, alles am Anfang extrem unpopuläre Entscheidungen.

Siggi: Entschuldigen Sie, aber mir fehlt die Fantasie, um mir vorzustellen, wie man Folter als etwas Positives darstellen soll.

Spender: Da waren Ihre Konkurrenten von der WachstumsZeitung aber fantasievoller. Ich lese Ihnen, quasi als Lehrstück, einmal einen Abschnitt aus deren Artikel über den IST-Konzern vor:
«Wachstum für den Wirtschaftsstandort Deutschland – ist es nicht das, was wir alle in Innersten ersehnen? Längst kann das notwendige Wachstum aber nicht mehr allein von den traditionellen Branchen wie Nahrung, Bekleidung, Autos generiert werden. Nötig sind also neue, weltmarktfähige Produkte, die die wenigen Sektoren mit immer noch steigender Nachfrage bedienen können. Ein solcher Wachstumsmarkt ist zweifellos die Sicherheits- und Verhörtechnologie. Angesichts einer neuen globalen Bedrohungslage kann kein Industrieland es sich länger leisten, hier Schlusslicht zu bleiben. Das Unternehmen IST (Interrogation and Security Technology) hat in den letzten zwei Jahren 600 Vollzeit- und 200 Teilzeitstellen geschaffen. Dieser Erfolg straft all die Menschenrechts-Nostalgiker Lüge, die noch immer meinen, Demokratie sei gleichbedeutend mit der Kapitulation vor deren extremistischen Verächtern. Die Liberalisierung der Foltergesetzgebung, wie sie von den Modernisierern um Innenminister Klamm gegen allerlei Widerstände vorangetrieben wurde, erweist sich nicht nur vor dem Hintergrund der Terrorismusprävention, sondern auch ökonomisch als sinnvoll. Die Zukunft der Verhörtechnologie ist deutsch.» Soweit der Text aus der SLZ.

Ron: Fantastisch, diese Art von Journalismus brauchen wir in Zukunft bei der SLZ.

Spender (stolz): Wer durch meine Schule gegangen ist, der hat es einfach drauf. Es gibt ein paar ganz einfache Grundregeln, die ich auch Ihnen gern vermittle:
Erstens: Wir sagen natürlich noch nicht sofort offen, dass es Folter ist, was in Deutschland geschieht. Wir verwenden umschreibende Formulierungen: «Verschärfte Interrogationstechniken», «Präventivstrafverfolgung», «Sicherheitserzwingende Maßnahmen» usw. Um Gottes Willen am Anfang der Kampagne keine Detailbeschreibungen von Foltervorgängen. Das könnte die Leute schockieren. Zweitens: Der Zweck modernen Verhörtechnologie besteht natürlich einzig und allein darin, dass sie nicht zum Einsatz kommt. Wer nicht will, dass Kinder entführt und Unschuldige in die Luft gesprengt werden, der muss das Niveau der Abschreckung anheben. Der muss ständige Folterbereitschaft signalisieren, obwohl er natürlich tief in seinem Herzen hofft, dass das, womit er droht, nie wirklich zur Anwendung kommt. Ist natürlich kompletter Blödsinn, aber der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Chantal: Ist es nicht so, Herr Spender, dass allein die Tatsache, dass wir Folter zum Thema machen, bei den Lesern einen gewissen Gewöhnungseffekt erzielt? Ich weiß nicht, ob jemand gestern Abend die Talkshow bei Johannsen gesehen hat. Das Thema war: «Verschärfte Verhörmaßnahmen – Rückfall in die Barbarei oder Garant für unsere Sicherheit?». Eingeladen waren je zwei Gegner und zwei Befürworter. Johannsen nannte die Gegner «Bremser» und die Befürworter «Modernisierer». In der Anmoderation sagte sie: «Eine Reform der Folter-Gesetzgebung ist notwendig, darüber sind sich alle im Bundestag vertretenen Parteien einig. Nur über die Geschwindigkeit, mit der die Reform vorangetrieben werden muss, herrscht unter den Parteien Uneinigkeit.»

Spender: Völlig richtig. Indem so eine Show gesendet wird, vermittelt der Sender den Zuschauern folgende Botschaft: «Die Frage, ob in Deutschland gefoltert werden soll, ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Es gibt sowohl Gegner als auch Befürworter, und jeder von ihnen hat ein paar gute Argumente in petto. Wenn Foltern so etwas Schlimmes wäre, würde die nette, hübsche Moderatorin diese Folterbefürworter doch gar nicht einladen.» Was können wir also vom Fernsehen lernen? Wir interviewen abwechselnd einen der «Bremser» und einen der «Modernisierer». Dadurch geben wir uns den Anschein, sachlich und neutral zu sein und gewöhnen die Leute allmählich daran, dass Folter wieder eine Option ist. Erst im zweiten Schritt gehen wir offener mit dem Thema um. «Es wird Zeit, dass Politiker Mut zur Ehrlichkeit zeigen und dem Volk offen sagen: Ja, in Deutschland wird gefoltert, und das ist gut so.» Hat noch jemand Ideen?

Ron: Der Text aus der WZ hat es doch schon vorgemacht. Man kann z. B. die Gegner der Folter ironisieren, ihnen Namen gegeben wie «Terroristenversteher» oder «Menschenrechts-Nostalgiker». Für die Einführung der Folter müssen dagegen Begriffe verwendet werden, die positive Assoziationen wecken: «Liberalisierung» oder «Modernisierung»

Spender: Gut!

Chantal: Und dann vor allem das Arbeitsplatzargument. Man kann das auch an konkreten Schicksalen festmachen: «Stellt euch vor, die modernen Befragungstechniken würden verboten. 5000 IST-Arbeiter mit ihren Familien stünden auf der Straße. Daumenschrauben-Kumpels fordern: Unsere Arbeitsplätze müssen erhalten bleiben.»

Ron: Super, Chantal. Das ist doch gleich ein konkreter Vorschlag: Mach Interviews mit Mitarbeitern eines Betriebs für Verhörtechnologie. «Was halten ehrliche Arbeiter bei IST von den rückwärts gewandten Forderungen der Menschenrechts-Nostalgiker?»

Spender: Gibt es weitere Vorschläge?

Chantal: Den nationalen Ehrgeiz der Leser anheizen: «England und Frankreich sind schon viel weiter. Wie lange soll der Folterstandort Deutschland noch Schlusslicht bleiben?»

Augusto: Am besten wäre natürlich, wenn so ein terroristischer Anschlag …
(Unmutsbekundungen bei den anderen)

Augusto: Ich meine natürlich nicht, dass ich einen echten Anschlag befürworten würde. Aber wenn es fast einen Anschlag geben würde, und die Polizei könnte den noch in letzter Minute verhindern, und es wären Daumenschrauben von IST zum Einsatz gekommen …

Spender: Wenn so was passiert, ist das natürlich für uns ein Lottogewinn. «Schlappe für Folter-Gegner: Verschärfte Verhörtechniken retten Menschenleben. Gerettete bedanken sich bei dem sympathischen Verhörtechniker.» Auf den Zug müsst ihr aufspringen, wenn es so weit ist. Und ich prophezeie euch, der Tag wird kommen. Diesbezüglich kann man sich auf unsere Sicherheitsdienste verlassen.

Siggi: Wollen Sie damit andeuten, Herr Dr. Spender, dass solche Beinahe-Attentate von den Behörden inszeniert werden?

Ron: Ich will überhaupt nichts andeuten. Aber glauben Sie einem langjährigen Beobachter der politischen Szene: Was notwendig ist, um verschärfte Sicherheitsvorkehrungen zu rechtfertigen oder Bürgerrechte abzubauen, das hat die Tendenz, sich zu manifestieren. Außerdem: IST hätte nie so ein breites Angebot an Verhörtechniken auf den Markt geworfen, wenn die Konzernmanager nicht genau wüssten, dass sich zu dem Angebot auch eine entsprechende Nachfrage ergeben würde.
(Verhaltenes Gelächter)

Siggi: Aber was heißt das konkret? Findest du es richtig, Ron, wenn eine Situation, in der Folter notwendig erscheint, erst geschaffen wird und wenn wir als Magazin davon profitieren?

Ron (unterbricht ihn): Halt jetzt endlich die Klappe, Siggi. Wir wissen ja alle: Wenn es nach dir ginge, würde in Deutschland überhaupt nicht gefoltert werden.
(Gelächter, Pfiffe und Unmutsbekundungen in Richtung Siggi. Der sitzt stumm da)

Ron: Damit du dich nicht langweilst, Siggi, würde ich sagen: Du machst ein Interview mit einem sympathischen Verhörspezialisten von nebenan. Seine Beweggründe, seine tiefe Sorge um die nationale Sicherheit, sein familiäres Umfeld usw. Gut Leute, die Sitzung ist für heute beendet. Mein besonderer Dank an Herrn Dr. Spender für diese Lektion in zeitgemäßem Journalismus. Jeder weiß jetzt, was er zu tun hat. Siggi hast du verstanden, was deine Aufgabe ist?

Siggi (schweigt betreten)

Ron: Siggi, verstehst du meine Frage? Wirst du mir das Interview mit dem sympathischen Verhörspezialisten liefern?

Siggi (schweigt noch eine Weile und sagt dann leise): Ja

Roland Rottenfußer

Roland Rottenfußer arbeitete jahrelang als connection-Redakteur, ehe es ihn zum Schweizer Magazin "Zeitpunkt" verschlug. Er schreibt auch für das Konstantin Wecker Projekt www.hinter-den-schlagzeilen.de.

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