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Satireecke

Werden Fußballverweigerer diskriminiert?

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© Alexander Klaus pixelio.de

Fußballsmog-Alarm

In WM-Zeiten haben es «Fußballverweigerer» nicht leicht. Der Sport dominiert den öffentlichen Raum, und ein Entrinnen scheint kaum möglich. Es wird Zeit, dass sich Widerstand regt. Roland Rottenfußer sprach mit Miroslav Struntz, dem Vorsitzenden des Vereins für Nichtfußballfan-Schutz (VNFS).

Herr Struntz, Sie vergleichen die Rolle von Nichtfußballfans durch Fußball-Turniere mit der Belästigung von Nichtrauchern durch Raucher. Ist das nicht reichlich übertrieben?

Keineswegs. Sie können sich in WM-Zeiten kaum in eine Kneipe oder in ein Restaurant setzen, in dem nicht auf einem Bildschirm Fußball läuft. Es kommt Fußballfans nicht in den Sinn, dass es Menschen gibt, die andere Interessen haben und sich dadurch gestört fühlen. Wenn ich versuche, mich in der Öffentlichkeit zu unterhalten, sind das Plappern des Stadionsprechers und die erregten Ausrufe der Fans immer als Grundrauschen im Hintergrund. Ich spreche deshalb auch von Fußballsmog, in Anlehnung an Infosmog oder Elektrosmog. Fahre ich mit der U-Bahn, kommen mir betrunkene, grotesk kostümierte Fans entgegen. Besuche ich ein Fest, gibt es sicher einen Gast, der fragt, ob es nicht einen Fernseher gibt und ob er «das Spiel» anschauen darf.

Was genau fordern Sie von den Verantwortlichen?

Zunächst ein generelles Fußballverbot in Einraum-Kneipen und eine strikte Trennung zwischen Fußball und Nichtfußball-Bereichen in Gaststätten mit mehreren Räumen. Wir wollen auch, dass Public Viewing auf öffentlichen Plätzen generell abgeschafft wird. Sportsendungen sollten auf einen eigenen, öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal verbannt werden, damit Nichtfans die Chance haben, die Medien zu verfolgen, ohne dass ihnen Sportnachrichten aufgedrängt werden. Der durchschnittliche Bürger verbringt im Jahr mehr als 60 Stunden damit, Nachrichtensendungen anzuschauen. Ein Viertel davon ist Sport, so dass er 15 Stunden seiner Lebenszeit gegen seinen Willen mit einem Thema berieselt wird.

Das sind aber sehr rigide Maßnahmen. Sie rufen nach einem autoritären Staat.

Ich will nicht mehr staatliche Autorität als unbedingt nötig. Wie beim Nichtraucherschutz muss auch beim Fußball der Opferschutz Vorrang haben vor der Selbstentfaltung der Täter.

Sie bezeichnen sich als Opfer? Ich heul gleich!

Ich bleibe dabei: Die Hysterie gerade zu WM-Zeiten grenzt an Diskriminierung der Nichtfußballfans. So genannte Fußball-Muffel werden entweder ungefragt vereinnahmt oder ausgegrenzt. Vereinnahmt, wenn z.B. von «Fußball-Deutschland» gesprochen oder behauptet wird: «Ganz Deutschland fiebert mit unseren Jungs». Ich bin Deutscher, und meine Körpertemperatur bewegt sich im normalen Rahmen.

Und warum fühlen Sie sich ausgegrenzt?

Weil ich als Nicht-Fan als vaterlandslose Geselle oder verhaltensgestörtes Kuriosum vorgeführt werde. Bei der WM 2006 gab es Radiointerviews mit «Fußballverweigerern», die von der Moderatorin freundlich, aber herablassend befragt wurden. Und wehe, ich kann einmal bei einem Fußballgespräch im Büro nicht mithalten. Wenn am Vorabend ein Deutschlandspiel war, erkenne ich das schon an dem einfältigen Glanz in den Augen der Kollegen. Es dauert nicht lang, dann versucht man mich in eine Konversation über infantile Namen wie Schweini, Poldi oder Jogi zu verwickeln. «Was sagst du zum Schweini-Tor? Was, du hast das Spiel nicht gesehen? Sag mal, wo lebst du eigentlich?»


© wandersmann pixelio.de

Immerhin zwingt Sie niemand, Fußball zu schauen. Sie können ausweichen.

Machen Sie Witze? Als Nichtfußballfan bin ich gezwungen, mein Leben um Fußball herum zu organisieren. Anpassung oder Flucht heißt die Devise. Anpassung steht dem deutschen Gemüt natürlich erst mal näher. Wer trotzdem die Flucht wählt, findet kaum noch Rückzugsräume. Wenn ich z.B. versuche, während eines Deutschlandspiels in ein leeres Kino auszuweichen, holen mich auf dem Nachhauseweg trompetende, brüllende Fankolonnen ein. Schon der Zwang, über Spieltermine informiert zu sein, um wenigstens den schlimmsten Fanströmen auszuweichen, bindet den Nicht-Fan indirekt an Fußball.

Wir leben in einem freien Land. Wenn Menschen spontan und öffentlich ihre Begeisterung zeigen wollen, sollen sie es tun.

Es ist eine sehr selektive Freiheit. Der Staat zeigt sich kleinlich, wenn Jugendliche auf Plätzen lärmen. Streng überwacht er Demonstranten, die aus politischen Gründen Platz für sich beanspruchen. Fußballfans bekommen den öffentlichen Raum ohne Probleme, obwohl sie weder unauffällig, noch nüchtern oder besonders ordnungsliebend sind. Man sieht daran, welche Art von Bürgern dem Staat lieber ist.

Aber die Fußballbegeisterung ist im Volk tief verwurzelt. Sie ist keine Erfindung des Staates.

Das stimmt nur teilweise. Ab einer bestimmten Größenordnung wird ein Phänomen zum Selbstläufer. Auch Menschen, die von Haus aus wenig Interesse an Fußball haben, vermeiden gern das unbehagliche Gefühl, «nicht dazu zu gehören». Es ist die archaische Angst davor, von der Herde ausgestoßen zu werden. Eine Fußball-WM zu ignorieren ist ungefähr so unmöglich wie Weihnachten zu ignorieren. Man fühlt sich aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen ausgeschlossen. Aber an Weihnachten wurde immerhin Jesus geboren; bei der WM bolzen Poldi und Schweini. Es sagt etwas über eine Kultur aus, von welchen Phänomenen sie sich dominieren lässt.

Das klingt so, als ob Sie sich über Sportfans generell erhaben fühlen. Es gibt auch viele intelligente Fußball-Zuschauer.

Ja, aber die sind trotz des Fußballs intelligent, nicht wegen ihm. Sport hat erst mal nichts mit Intelligenz, sondern mit Körperbeherrschung zu tun. Durch die Dominanz einer lautstarken Minderheit und den Einfluss der Medien hat sich die Fußballszene aber zu einem Musterbeispiel verdummender Spaßkultur entwickelt. Fanatische Fans, z.B. mit Ganzkörperbemalung in den Landesfarben, werden mehr beachtet als gemäßigte. Der deutsche Fußballstar Lukas Podolski heizt seine Fans am Spielfeldrand mit Schlachtrufen wie «Humba-humba-humba-Täterä» an. Es entsteht eine kraftmeierische Atmosphäre, in der man sich als feinfühliger Menschen unwohl fühlt.

Wie erklären Sie es sich dann, dass die Fußballbegeisterung alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten durchzieht?

Das hat sicher mit der Lust an ungehemmter Gefühlsentladung zu tun. Laut sein, begeistert sein, in Gemeinschaft sein – das tut allen Menschen gut. Und es gibt in unserer Leisetreter-Gesellschaft viel zu wenig Gelegenheit dazu. Fußball ist da eher wie Karneval. Es ist ein Ventil und dient der Seelenhygiene. Ein periodischer Ausbruch des «dionysischen Chaos» ist offenbar nötig, damit sich die Menschen sonst ruhig verhalten können. Die Frage ist nur: Warum sollen Sie sich ruhig verhalten?

Wie meinen Sie das? Wittern Sie eine politische Verschwörung?

Ich glaube auf jeden Fall, dass Fußball auch ein Politikum ist. Großturniere, vor allem der Sieg der eigenen Mannschaft, helfen immer der Regierung. Nelson Mandela hat sich 1995 des Rugby-Sports bedient, um sein zerrissenes Land zusammen zu schweißen. Und man fragt sich, was Angela Merkel 2006 im Trainingslager der deutschen Mannschaft zu suchen hatte. Sie war vorher nie durch ihre sportliche Kompetenz aufgefallen und versuchte sich im Glanz von Ballack und Co. zu sonnen. Was daran politisch ist? Das heutige «Fußball-Deutschland» investiert Gefühl in eine Bagatelle und verweigert zugleich sein Engagement in Fragen, die uns alle brennend interessieren sollten. Z.B. Krieg, Überwachungsstaat oder Sozialabbau.

Die Fußballer können doch nichts dafür, wenn sich Politiker an sie dran hängen.

Nein, aber der deutsche Fußball zeigte sich gegenüber dem Flirtversuch Merkels durchaus aufgeschlossen. Jürgen Klinsmann gab in der WM-Doku «Deutschland, ein Sommermärchen» zu Besten, dass «die Deutschen zu viel jammern». Die grandiose Durchhalteleistung der Fußballer müsse nun ein Beispiel positiver Energie geben. Das war mehr als nur kompatibel mit dem Gerede unserer neoliberalen Politiker.

Fußball, ein neoliberaler Sport? Das ist doch lachhaft!

Ein Fußballturnier, das von den Medien zum Nationalepos überhöht wird, rückt genau die Eigenschaften in den Mittelpunkt, die politisch gewollt sind: Härte, Konkurrenz, Kampfgeist, Nationalgefühl und eine infantile Freude am Umgang mit nationalen Symbolen.

Sie mögen halt Fußball einfach nicht, vielleicht weil sie sich mal durch Fangesänge genervt fühlten. Nun machen Sie doch daraus keine Grundsatzfrage!

Es geht nicht um gelegentliche Fangesänge. Schlimmer ist die Gleichschaltung als solche, die totale Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch ein einziges Thema. Die WM 2006 zeigte, was einem Interessenkomplex aus Sport, Medien, Politik und Wirtschaft heute möglich ist. Warum sollte dasselbe nicht auch bei einem anderen, gefährlicheren Thema gelingen? Heute sind die Medien sogar imstande, den Volkszorn auf vorher beliebte europäische Länder zu schüren. Z. B. die Schweiz und jetzt Griechenland. Das könnte ein Vorgeschmack sein auf das, was noch auf uns zukommt.

Ich finde, man muss nicht alles problematisieren. Die Leute wollen einfach nur Spaß haben.

Ja, aber warum muss sich der Spaß unbedingt an einem Symbol des Nationalen entzünden, das immer auch ein Symbol des Trennenden ist?

Wenn Menschen durch ein Sportereignis ein Gefühl des Zusammenhalts erleben, ist das noch lange kein gefährlicher Nationalismus.

Nein, aber vor lauter Fahnenseligkeit vergessen wir, dass das Gerede von «Volksgemeinschaft» schon immer eine Lüge war. Sie ist es umso mehr, wenn ein Land zunehmend in Arm und Reich, Verlierer und Gewinner zerfällt. Man fokussiert sich auf einen nationalen Gegensatz, z.B. Deutschland gegen Italien. Dabei tritt ein viel wichtigerer Gegensatz in den Hintergrund: der zwischen Oben und Unten. Je mehr sich das Individuum in seinem sozialen Umfeld machtlos und entwürdigt fühlt, desto mehr verlangt es nach Ausgleich auf der kollektiven Ebene. Der Arbeitsmarkt unter dem Diktat des Kapitalismus bietet für viele Menschen Anlass, sich «klein» zu fühlen.

Es sind wirtschaftlich schwierige Zeiten. Aber ich finde es nicht schlüssig, wenn Sie den Menschen deshalb jetzt die Freude am Fußball nehmen wollen.

Fußball ist nur geliehenes Glück, Fremdfreuen. Nach dem Fußballevent fallen wir wieder in unsere gefühlte Bedeutungslosigkeit zurück. Statt unseren Stolz an die Nationalmannschaft zu delegieren, sollten wir endlich die Voraussetzung dafür schaffen, auf uns selbst stolz zu sein. Entwickeln wir die Tugenden in uns, die wir uns von den Spielern wünschen und packen wir mit dieser Energie endlich die Themen an, die wirklich wichtig sind!

eine Satire von Roland Rottenfußer

Roland Rottenfußer arbeitete jahrelang als connection-Redakteur, ehe es ihn zum Schweizer Magazin »Zeitpunkt« verschlug. Er schreibt auch für das Konstantin Wecker Projekt www.hinter-den-schlagzeilen.de.

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