Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Neue Kommentare  

   

Wer ist online?  

Aktuell sind 482 Gäste und 2 Mitglieder online

  • OrenepeS
   

Unsere Partner  

FlowBirthing

Mystica TV

Reiki-land

   

Spiritualität/Mystik

Portrait einer Schamanen-Werdung

Details

Portrait einer Schamanen-Werdung
Die Schamanin Heidrun Strauß

Nicht nur Indianer haben Ahnen

Wie wird man eine Schamanin? Geta Bussinger zeichnet das Portrait einer Schamanin aus dem Altmühltal, die erst viele Umwege, innere Kämpfe und Krankheiten überstehen musste, bis sie sich in ihr Schicksal fügte und den inneren Ruf annahm. Ihr Weg führte über den Beruf der Schauwerbegestalterin, Heilerziehungspflegerin, Körpertherapeutin und Raubtierpflegerin.

Was sehen Menschen, wenn sie Heidrun Strauß das erste Mal begegnen? Eine nicht mehr ganz junge Frau mit langen offenen Haaren, groß, freundlich, jedem offen und voller Aufmerksamkeit ins Gesicht blickend. Als mir Heidrun das erste Mal gegenüber stand, waren es uneingeschränkt ihre Augen, die mich faszinierten. Sehr besondere Augen. Wenn ich nur ein Wort dafür benutzen dürfte wäre es: Anderweltaugen. Sofort war ich neugierig. Wer ist diese Frau?

Sie lebt am Rande eines kleinen mittelfränkischen Dorfes in einem ehemals bäuerlichen Gehöft, liebevoll hergerichtet. Der Garten, gepflegt und einladend mit seinen Bäumen, Sitzplätzen, der Feuerstelle und dem großen Tipi am hinteren Ende, geht fast direkt in die Altmühlauen über. Hier wohnt jemand mit Ambition. Was man auch erkennt, wenn man die Schilde an der Einfahrt mit der Aufschrift »Die Feder« übersehen hat.

Den zweiten nachhaltigen Eindruck von ihr erhielt ich während eines Gruppenrituals, das sie beim Pow Wow, dem indianischen Sommerfest, anleitete. Jemand tanzte aus der Reihe und sie pfiff ihn nicht zurück, sondern meinte: »Ja, so kann man das auch machen.« Wow, dachte ich; diese Frau hat wirklich Herz. Es ist ihr wichtiger, der anderen Person das Gefühl des Verkehrtseins zu ersparen, als sich selber zu behaupten. Und das hat mich tief berührt, denn in meinem Leben war es meistens anders herum.

Ich nahm Witterung auf, klebte meine Nase auf ihre Fährte. Was ist ihr Geheimnis, ihr Hintergrund, ihr Werdegang? Was meint sie damit, wenn sie von den Ahnen spricht, mit denen sie Verbindung hat? Die ihr sagen, was zu tun ist, was sie weitergeben soll. Hört sie Stimmen wie Jeanne d'Arc, wirft sie die Knochen oder träumt sie in besonderer Weise? Wie hat sich diese Verbindung zum Indianischen bei ihr ergeben? »Wer viel dumm fragt kriegt viel dumm Antwort,« pflegte mein Vater zu sagen, aber wie ich zwischenzeitlich weiß hat er nicht immer und mit allem Recht. So setze ich mich an Heidrun's Küchentisch und lege los.

Zwischen Leben und Sterben

Von Anfang ihres Lebens an war der Tod mit im Spiel. Die Mutter hatte bereits eine komplizierte Geburt erlebt und große Angst, bei der zweiten Entbindung zu sterben. Sie überlebte, aber nach drei Monaten erkrankte Heidrun schwer an Hirnhautentzündung. Etliche Wochen lag sie im Krankenhaus, isoliert in einem Raum ohne Fenster, abgeschnitten von dem Rhythmus von Tag und Nacht, ganz auf sich selbst und ihr inneres Erleben zurückgeworfen. Lange Jahre hätte sie es nicht in Worte fassen können, was in dieser Zeit mit ihr passiert ist, meint Heidrun, aber heute kann sie es, ihre Erinnerung ist klar. Es war ein Wandern zwischen den Welten. Mal war sie im Tod, dann wieder dem Leben näher. Die meiste Zeit hat sie sich allein gefühlt, aber es bedrückte sie nicht. Sie war ganz bei sich. Sie hörte Töne; es waren angenehme aber auch unangenehme Töne. Nicht permanent. Ein großes Atmen, licht und dunkel. Schwebend, wirbelnd, in Bewegung, aber manchmal auch starr. Ein Lauschen im Sinne von Wahrnehmen und reinem Sein, ohne Erwartung, ohne Begrenzung, unendlich. Manchmal still, aber anders still, als sie Stille jetzt erfährt.

Sie meint, dass sie in unterschiedlicher Entfernung zum Leben war, dass es mehrere Ebenen gibt, auf denen wir uns bewegen. Nicht nur die sinnliche Alltagswelt. Dann der Zug an der energetischen Nabelschnur zur Mutter. Das Kind sollte nicht sterben. Und es wurde tatsächlich wieder gesund, aber die Rückkehr ins Leben war eine unangenehme Erfahrung. Schmerzen, Kälte, Alleinsein, die deutlich spürbare Angst der Mutter, es könnte ihr etwas geblieben sein. Ihr war tatsächlich etwas geblieben, aber anders, als es die Mutter meinte. Ein überaus feines Empfinden für die Zwischentöne des Lebens. Menschen sagen etwas und Heidrun spürt, dass es nicht wahr ist. Menschen agieren freundlich, aber sind es nicht. Ein großes Fragezeichen hinter allem, nur bei den Tieren nicht; die sind immer echt.

Portrait einer Schamanen-Werdung

Die Kindheit

Heidrun ging nicht gerne in den Kindergarten, alles war ihr zuviel. Die Anzahl der Kinder, das überflüssige Spielzeug, die Art der Kindergärtnerin. Da war kein Freiraum für sie, um einfach nur zu sein, zu lauschen und zu schauen. In der Schule dann wollte sie sein, wie alle sind. Wollte dazu gehören, das machen, was alle machen. Als Dorfkind fuhr sie mit der Freundin aus dem Nachbarhaus Fahrrad, baute Häuschen, verkleidete sich. Aber immer wieder brauchte sie Zeit, sich zurückzuziehen, versteckte sich in der Scheune, auf dem Dachboden, im Garten. Während der Grundschulzeit bekam sie Kindermigräne. Höllische Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Das ging über Jahre und Heidrun versuchte, es vor ihrer Mutter zu verheimlichen, deren Angst nicht zu schüren. Wenn es ihr nicht gut ging, suchte sie die Nähe von Tieren. Hunde waren ihre liebsten Gefährten. Ihnen fühlte sie sich näher als den Menschen, fühlte sich geliebt und angenommen.

Den Tieren fühlte sie sich näher als den Menschen, fühlte sich geliebt und angenommen.

Menschen waren schwierig. Da war Heidruns eigenes kindliches Fühlen und Erleben und da war die Welt der Erwachsenen, zu der sie keinen Zugang hatte. »Geh nicht mehr rein«, wurde ihr gesagt, als eine Mitbewohnerin des Hauses im Sterben lag. Sie war ausgeschlossen. Auf ihre Fragen bekam sie keine Antworten; ohne Information, mit diffuser Angst, blieb sie allein. »Ach, nix!« wenn sie eigene Beobachtungen mitteilte. Die Erwachsenen fühlten sich oftmals ertappt und beschämt durch ihre Offenheit, straften sie ungerechterweise Lügen. Ein Erlebnis in dieser Zeit bildete das so nötige Gegengewicht zu all dem Dumpfen. Der zweite Hund kam, ein Welpe. Und sein Vater, der große Hund, passte auf ihn auf. Vergraulte die Menschen durch Zähnefletschen, wenn der Kleine ängstlich fiepte. Ja, genau so gehört sich das, so sollten es die Eltern machen, dachte Heidrun. Endlich schenkte ihr das Leben die dringend nötige Bestätigung für das, was sie als gut und richtig empfand.

Zusammenfassend empfindet Heidrun ihre Kindheit als eine Zeit voller Arbeit in Haus und Hof und Stall, um die Mutter zu unterstützen – auch in psychischer Hinsicht. Voller Verantwortlichkeiten, für die sie eigentlich noch zu jung war. Die Pubertät war daher verbunden mit dem Wunsch, so schnell wie möglich erwachsen und unabhängig zu werden. Mit achtzehn Jahren zog sie aus. Sie hatte sich der Mutter gegenüber behauptet, sich selber eine Lehrstelle als Schaufensterdekorateurin gesucht und war glücklich damit. Blieb es auch für Jahre. Endlich konnte sie ihr Leben leben wie sie wollte, sich ausprobieren, ihre Träume verwirklichen. An Selbstvertrauen fehlte es ihr nicht. Sie fühlte sich stark, zuverlässig, an Verantwortung gewöhnt. Sie war erfolgreich und sie hatte Freunde, die sie mochten. Geschlechtlich fühlte sie sich auf angenehme Art androgyn, so als ob sie die Wahl hätte, als ob sie beides sein könnte. Es gab Beziehungen zu Männern, aber sie beherrschten nicht ihr Leben. Sie lebte, reiste, las, wollte ihren Horizont erweitern, den Sinn des Lebens erfassen, auf einer tieferen Ebene wahrnehmen - auch das Thema Tod. Immer war er gegenwärtig. Mal wie ein alter Freund, den es zu erkunden galt. Mal wie einer, der sie traurig und einsam machte, der sie lockte mit Wahrnehmungen aus der Zeit ihres Sterbens im Säuglingsalter.

Umschulung

Das führte bald zu der Frage, wozu es gut sein soll, alles aufzupeppen und bald danach wieder fortzuwerfen. Nur damit jemand etwas kauft, was er gar nicht braucht? Wozu den Beruf einer Schaufensterdekorateurin ausüben? Sie schulte um zur Heilerziehungspflegerin im Behindertenbereich. Wieder entwickelte sie Ehrgeiz, war die Beste in der Ausbildung, leitete bald eine eigene Gruppe. Die Arbeit erschien ihr wesentlich sinnvoller als das, was sie vorher gemacht hatte und sie gab ihr zusätzlich die Möglichkeit, sich selbst im zwischenmenschlichen Bereich stark weiter zu entwickeln.

Ich höre Heidrun zu und denke mir, dass das alles doch ganz normal klingt. Die schwierige Kindheit scheint wie weggewischt. Da ist eine junge Frau, die weiß was sie will und es auch erreicht, die das Leben bei den Hörnern packt. Fast bin ich neidisch. Die Regung vergeht bald wieder, denn noch bin ich mit der Latte meiner Fragen nicht durch und überhaupt (um meinen bereits zitierten Vater nochmals aus der Kiste zu holen) soll man ja den Tag nicht vor dem Abend loben.

Plötzlich löste sich die heile Welt auf. Wo sie hinschaute hingen Fetzen.

Die Krise

Die nächste Phase ihres Lebens begann unauffällig. Eine Männerbeziehung mit unguten Tendenzen, jede Menge Arbeit im Beruf, eine neue Wohnung, eine weitere Ausbildung zur Fachberaterin für körperorientierte Therapieansätze, eine große Reise. Ein halbes Jahr lang war sie mit einem Freund auf der ganzen Welt unterwegs. Die Welt ist schön, die Menschen sind gut. Es ist nicht wichtig, ob man arm oder reich ist; alles was man braucht ist ein offenes Herz und Vertrauen ins Leben, erkannte Heidrun. Und dass sie hinreisen kann wo sie will, sie hat immer sich selbst mit im Gepäck. Dann kam sie zurück und fühlte sich haltlos. Beruflich engagierte sie sich weiter, aber da war noch etwas anderes. Ein Gefühl, als ob sie gerade noch die Kurve bekommen hätte.

Schon vor dieser Reise hatte sie einen anderen Mann kennen gelernt, von dem sie sich tiefer und wahrer berührt fühlte als von jedem davor. Die Beziehung setzte sich nach ihrer Rückkehr fort. War Teil eines umfassenden Öffnungsprozesses, den sie unbeabsichtigt durch intensives Yoga und konsequente vegetarische Ernährung forcierte. Plötzlich löste sich die heile Welt auf. Wo sie hinschaute hingen Fetzen. Die große Liebe ging ihr verloren, es gab Schwierigkeiten in der Wohngemeinschaft, Schwierigkeiten im Team. Ihr wurde ein neues Team angeboten, aber sie hatte keine Kraft mehr, es aufzubauen. Wie ein gewaltiger Strom hatte sich etwas aus ihrem Inneren nach oben ergossen und sie war nicht in der Lage, diese Energie zu halten. Ihr System geriet völlig aus den Fugen. Von einem Moment zum nächsten verschwand ihr Kurzzeitgedächtnis. Jemand grüßte sie und sie erkannte die Person nicht. Konnte auch nicht mehr Sinn entnehmend lesen. In ihrer Verzweiflung ging sie zum Hausarzt. "Ich werde verrückt!" Er versuchte, sie zu beruhigen. Sie sei klar bei Verstand. Aber was es mit der Sache auf sich hatte wusste er auch nicht. Auf ihren Wunsch hin überwies er sie in eine psychosomatische Klinik. Dort blieb sie vier Monate.

Sie erkannte, dass es um die Kräfte der Seele ging, die sie in der Welt zum Ausdruck bringen musste

Die Klinik

Eine Zeit, die schwer zu beschreiben ist. Zustände, die kaum jemand kennt und wenn er sie kennt, dann erzählt er nicht jedem davon. Nichts, womit man sich in unserer Leistungsgesellschaft brüsten könnte. In der ersten Zeit machte sie gar nichts. Sie, eine Frau von 34 Jahren, war ganz klein, ein Säugling. Alles war da, sie brauchte sich um nichts zu kümmern. Immer noch steckte die Angst in ihr, verrückt zu werden, aber die Ärzte versicherten ihr, das sei nicht der Fall. Eingehüllt in eine Atmosphäre von Wohlwollen und Gelassenheit nahm sie alle auftauchenden Zustände an. Diese Zustände wollten erlebt werden, durchwandert, soviel begriff sie. Und es half ihr sehr, dass es immer jemanden gab, der ihr dabei Mut machte. "Ist nicht so schlimm, wird vorbei gehen, wird wieder gut."

Ein Zustand war, dass es wie über ein Geröllfeld ging. Keine Chance, sich aufrecht zu halten. Grenzenloser Fall, kein Wissen, keine Sicherheit. Ein anderer Zustand war, dass sie das Gefühl hatte, sich aufzulösen, nicht mehr da zu sein. Beim Zeitung lesen oder etwas anderem verschwindet plötzlich jedes Körpergefühl, sie löst sich auf ins Nichts. Wieder ein anderer Zustand: sie wird auseinander gerissen. Es zerreißt sie in Stücke. Natürlich will ich alles ganz genau wissen und Heidrun holt die Mappe mit den gemalten Bildern aus dieser Zeit, um ihre Beschreibungen für mich verständlicher zu machen. Ich sehe, was sie mir beschrieben hat und gleichzeitig sehe ich etwas, was sie selber nicht bemerkt hat, die Ärzte der Klinik aber vermutlich sehr wohl. In all den chaotischen Farben und Formen erscheint mir die zentrale Gestalt heil und unberührt, nicht stürzend sondern schwebend, auf sanfte Art licht. Nein, nach Wahnsinn sieht mir das überhaupt nicht aus. Da befreit sich was. Weiter nichts.

Geborgenheit, Versorgtsein, Schutz, Wohlwollen, Beruhigung. Viel Zeit verbringt sie in der Natur um die Klinik. Da ist die Weite, die sie als Kind schon getröstet hat. Alles ist beseelt, alles spricht zu ihr; sie ist nicht Beobachterin, sondern Gefährtin. Mit großer Angst kehrte sie auf Drängen der Ärzte wieder in das normale Leben zurück. Sie glaubte nicht, draußen bestehen zu können, aber was sollte sie tun? In abgeschwächter Form meldeten sich die jetzt bekannten Zustände immer wieder zurück, vermittelten Heidrun das Gefühl von Ausgeliefertsein. Sie war oft unruhig. Als wäre da ein Schwarm Vögel über ihrem Kopf, die umherflogen und wild durcheinanderzwitscherten. Sie fragte sie: »Was wollt ihr?«, und erhielt die Antwort, dass sie eine Zusage geben sollte, eine Entscheidung treffen. Heidrun wusste nicht wozu, aber sie tat es schließlich. Und erkannte – ganz diffus zu Beginn und mit immer zunehmender Klarheit - , dass es um die Kräfte der Seele ging, die sie in der Welt zum Ausdruck bringen sollte.

Raubkatzen

Mit reduzierter Stundenzahl nahm sie ihre Berufstätigkeit erneut auf, musste auch wieder eine Gruppe leiten. Natürlich ging es schief. In der ständigen Begegnung mit einem gewalttätigen Gruppenmitglied kam sie an ihre Grenze. Sie konnte sich ihm gegenüber nicht behaupten und richtete die unterdrückte Aggression gegen sich selbst. Ein Unfall beim Holzhacken brachte sie erst ins Krankenhaus – wo ihr klar wurde, dass sie den Job nicht länger machen kann – und anschließend in das private Raubtiergehege eines Architekten.

Ich meine, nicht richtig gehört zu haben. Waaaas? Ja, tatsächlich. Über Bekannte hatte sie von dem Job erfahren, ging hin und wurde genommen. Ein Jahr lang Raubkatzen versorgen, halbe Kühe anschleppen und zerlegen, Gehege säubern. Den ganzen Tag war sie an der frischen Luft; wenn sie abends heimkam schlug sie sich den Bauch voll, dann ab ins Bett. Es gefiel ihr, mit ihrem ganzen Sein durchdrang sie die Eigenschaften der Tiere. Die Gefahr war offensichtlich und forderte ihre Präsenz in jedem Augenblick. Mehr als alles andere, besser als jede Meditation, reinigte diese Arbeit ihren Geist, stärkte ihre Mitte. Die Tätigkeit endete abrupt, als ihr Chef seine Leoparden ins Außengehege ließ ohne darauf zu achten, dass Heidrun dort werkelte. Sie konnte sich gerade noch retten und nach dem vergeblichen Versuch, die Sache im Gespräch zu klären, kündigte sie aus Gründen der Selbstachtung.

Portrait einer Schamanen-Werdung

Erwecken der Kundalini

Ein bisschen Zeit brauchte es noch, aber schließlich fasste sie auch beruflich wieder Fuß in einer Schule für geistig Behinderte. Engagierte sich erneut, fand Freude in ihrer Tätigkeit. Einerseits ging es psychisch immer noch ums Überleben, andererseits fühlte sie sich zunehmend deutlicher wie von unsichtbaren Händen geführt. Das Ziel war nicht bewusst, aber der Sog dorthin unverkennbar.

Und immer noch kein Wort über Indianer. Drei Vormittage sitze ich nun schon mit Heidrun am immer gleichen Küchentisch und nicht die leiseste Spur einer Rothaut in all dem Erlebten. Stattdessen melden sich ganz andere Dinge in meinem Kopf.

»Weißt du«, sage ich, »ich mag ja irren, aber für mich hört sich das alles total nach Erwecken der Kundalini an.« Damit kann sie nichts anfangen und ich erzähle ihr die Story, die seinerseits mir von einem Freund berichtet worden war. Er hatte sich von Jugend an viel mit Magie beschäftigt. Östliche, westliche, südliche, nördliche Magie, alles war interessant. Schließlich landete er beim tibetischen Totenbuch und experimentierte mit der Kundalini-Energie, die bei jedem Menschen am unteren Ende der Wirbelsäule "ruht". Gelingt es einem, diese Urkraft mittels bestimmter Übungen zu wecken, so durchwandert sie von der Basis ausgehend alle Körperenergiezentren bis zum obersten, dem Kronenchakra, wo sie sich mit der kosmischen Energie verbindet. In anderen Worten: der Mensch wird erleuchtet. Nun, die Anweisungen im Totenbuch waren präzise und mein Freund nach einiger Zeit erfolgreich. Jeden Tag spürte er stärker, wie sich entlang der Wirbelsäule ein Druck bemerkbar machte, der immer höher stieg. Nach gut drei Wochen war der Druck an der Schädeldecke angekommen und entlud sich. Ein unbeschreiblich köstliches Gefühl. Nach einigen Minuten ebbte es ab und weil er es wiederhaben wollte, vollführte er den Vorgang zum zweiten Mal. Aber nun blieben die Glücksgefühle aus. Stattdessen bemerkte er, dass sein Herz begann, in einem anderen Rhythmus zu schlagen. Unregelmäßig. Am nächsten Tag registrierte er links über der Brust alle paar Sekunden ein Zucken wie von einem schwachen Stromschlag. Nachts sah er konzentrische Farbkreise und pulsierende Lichter.

Er bekam es mit der Angst. Die seltsamen Phänomene steigerten sich, sein Leben wurde zum Albtraum. Grauenhafteste Panikattacken suchten ihn heim, er konnte nicht Auto fahren, nichts lesen, nichts erfassen, war nicht mehr in der Lage seinen Beruf auszuüben. Schluckte alles an Psychopharmaka, was ihm der Neurologe verschrieb, aber es nützte wenig. Guter Rat war teuer, die westliche Medizin in dieser Angelegenheit klar überfordert. Er suchte Hilfe bei einem tibetischen Rinpoche, der zu Besuch in Deutschland war: »Du hast die Kundalini-Energie erruptiv aktiviert und du wirst diese Quelle nie mehr schließen können. Damit musst du jetzt leben. Gehe zu Menschen, die disziplinierte Übungen machen; wenn du diese Energie sich selbst überlässt, wird sie dich zerstören.«

Was war falsch gelaufen? Ganz einfach. Als typischer Westler suchte mein Freund das schnelle Resultat, hatte kein Interesse an jahrelangen Vorbereitungen im Hinblick auf Lebensweise, Ernährung, Charakter, wie es in den östlichen Ländern Tradition ist. Sein Körper und sein Geist nicht minder waren in keiner Weise auf diese gewaltige Bewusstseinserweiterung vorbereitet; er kollabierte. Immerhin war er gerade noch stark genug, die Energie auszuhalten ohne daran zu zerbrechen. Sie bestimmte in Zukunft sein Leben. Unsere Gesellschaft ist mit Krankheitsbildern dieser Art nicht vertraut. Entweder man lernt, mit dieser Kraft umzugehen, oder man wird verrückt.

Heidrun versteht ihren Weg, ihre leidvollen Bewusstseinszustände als eine Einweihung

Rückkehr zur Einheit

Ich rekapituliere, was mir Heidrun über sich erzählt hat. Über die prägenden Erfahrungen der Kindheit, ihre Unabhängigkeitsbestrebungen als junge Frau, die Öffnung, die sie an sich erlebt hat in der Zeit großer Intimität mit einem geliebten Menschen, in der Zeit der langen Reise, das intensive Yoga, die konsequent vegetarische Ernährung. Und ich begreife, dass sie unbewusst mit auf die Erweckung der Kundalini hingewirkt hat. Sich vorbereitet hat, so gut es ging. Dass es aber in unserem westlichen Kulturkreis kaum Wissen über diese Dinge gibt, kaum Menschen, die uns dabei beraten, unterstützen können. Es bleibt gewissermaßen am Schutzengel hängen, sein Mündel durch die Stromschnellen zu bugsieren, wo alter Ballast weggefetzt wird und sich neue Bewegungsmuster einüben. Solche von der Art, die den Menschen tragen, auch wenn er wild hin und her geschleudert wird im Fluss des Lebens und mehr Wasser zu schlucken bekommt als er verlangt hat.

Heidrun schaut skeptisch, für sie stellt sich ihr Erleben anders dar. Sie möchte ihren Weg, ihre leidvollen Bewusstseinszustände eher als eine Einweihung verstehen. Als Einweihung und als Aufforderung, diese tiefen Erfahrungen vom Mysterium des Lebens zu nutzen um anderen Menschen Zeuge und Begleiter zu sein für deren Wege durch Krisen und Wandlungszeiten.

Für mich ist das kein Widerspruch und je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir. Es gibt für alles eine Zeit. Auch für die Erleuchtung; und die hängt nicht vom Kulturkreis und nicht vom Wollen ab. Das Wort ist neuerdings reichlich überstrapaziert, aber ich selber habe eine klare Vorstellung davon: Die Lösung des Menschen aus seiner Konditioniertheit, seiner Isoliertheit, dem Ich-bin-nun-mal-so-und-du-bist-anders; hin zum Gewahrwerden des Großen Ganzen. Die Rückkehr zur Einheit. Und was das konkret heißt, braucht man nicht zu wissen, denn es wird nach meiner Einschätzung genauso einzigartig für jeden verlaufen, wie die vorherige Phase auch. Alle Ereignisse in Heidruns Leben dienten ihrer Vorbereitung für diese letzte Etappe in ihrem Erdenzyklus. Das Leben (Gott) gibt den Takt vor. Immer schon war es das Leben, das beschloss, wann die Nuss reif war, niemals die Nuss selber.

Der Traum

Oh bitte, bitte, liebe Heidrun, wann passierte denn nun endlich das, was dich zum Schamanismus brachte? Sie lacht. Es passierte 2006 im Rathaus, als sie dort war, um ihr geplantes selbständiges Unternehmen anzumelden. »Wie soll das Kind denn heißen?« wollte der Angestellte wissen und – naja, einen Namen braucht schließlich alles in dieser Welt – da fiel ihr »Die Feder« ein und für ihr Tun wählte sie den Begriff Schamanismus, weil das ihrer gefühlten inneren Identität am nächsten kam. Schamanismus: Das uralte Heilwissen der Naturvölker, auf dem ganzen Globus verbreitet und tief in jedem Menschen angelegt.

Aha! Aha! So war das also! (Adieu, Winnetou! Da kann man mal sehen, was für irrelevante Vorstellungen in meinem Köpfchen kreisen.......) Und weil ich gar so enttäuscht gucke erzählt sie mir von dem Traum, in dem die Ahnen sie an den Ort gerufen haben, wo sie heute lebt. Es ist das Haus der Großeltern. Im Traum steht sie in diesem Haus, zusammen mit einer ihr unbekannten Person. Sie kann nicht sagen, ob es ein Mann ist oder eine Frau, auch das Alter scheint schwer zu bestimmen. Nur, dass sie sich mit dieser Person sehr wohl fühlt und ihr vertraut. Sie führt Heidrun auf den Dachboden. Es ist, als hätte jemand dort ein Museum eingerichtet. Verschiedenste Gerätschaften für Küche, Stall und Feldarbeit sind zu sehen; sie reichen immer weiter in der Zeit zurück. Auch eine Bildergalerie ist da mit vielen Menschen darauf. »Dies alles sind deine Ahnen«, sagt die unbekannte Person, »und das sind die Gegenstände, die sie gebraucht haben. Und jetzt sollst du hier wohnen.« Sie wachte auf mit dem Gefühl, dass alles genau so sein soll. Dass es gut und richtig ist.

Das Anwesen

Und sie packte die Sache an. Keine kleine Unternehmung, aber die Dinge fügten sich auf eigene Weise. Freunde unterstützten sie, hier ein Bausparer von der Mutter, dort Finanzierungshilfen über die Dorferneuerung im Rahmen der Flurbereinigung. Schön langsam, immer so weit wie die Kraft reichte und im ständigen Kontakt mit den geistigen Helfern, entstand das schmucke Anwesen, auf dem ich mich vom ersten Moment an wohl fühlte. Parallel zur Hofneugestaltung wuchs auch dessen Nutzung. In der Klinik hatte Heidrun das Mantrasingen kennen gelernt; gemeinsam mit Freunden praktizierte sie es weiter, machte auch Körperübungen dazu, Immer mehr Leute wurden mitgebracht, der Kreis weitete sich, neue Ideen wollten Umsetzung. Über viele Jahre hatte Heidrun ganz bewusst die Rolle des Anführens abgelehnt; nun spürte sie, dass sie wieder bereit dazu war. Aus ihrer tiefen Verbindung mit der Vergangenheit heraus wusste sie, welche Gefahren sich darin verbargen, wie leicht eine charismatische Führung doch ein ganzes Volk ins Unglück stürzen konnte. »Auch die beste Absicht kann falsch sein«, sagt sie. »Es kann auf einer anderen Ebene anders gewollt sein.« Heidrun weiß heute, dass es auch ein Führen gibt, wo jeder frei ist, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, seine eigene Verantwortung zu behalten. Damit kann sie leben.

Wie läuft das denn nun bei dir ab, frage ich. Mit welcher Ebene bist du in Verbindung? Und auf welche Weise spricht sie zu dir? Ich denke dabei an die astralen Bereiche, die Ebene der Verstorbenen, die Engelebene, - was weiß ich, was es da alles gibt. (So ganz habe ich das Bild von der überirdischen Erscheinung mit der dröhnenden Stimme noch nicht fallen gelassen.) Aber Heidrun sagt: »Das ist die Seelenebene.« Mit dieser Antwort bin ich unzufrieden. Seele. Seele. Was versteht sie unter der Seele?

Die Seelenebene ist das Ewige in allen Dingen, Freiheit von Gottesbildern, das Ursprüngliche, die Verbindung zu allem was je war und ist.

Die Seelenebene

Sie versteht darunter das Ewige in allen Dingen, Freiheit von Gottesbildern, das Ursprüngliche, die Verbindung zu allem was je war und ist. Auch zu blutsverwandten Ahnen, aber insgesamt zu den Ahnen der Menschheit. Und es ist nicht nur auf Menschen bezogen; sie hat auch Tierahnen, Pflanzenahnen, Steinahnen. Ist in Verbindung zu jeder je erlebten Erderfahrung. Die Verbindung ist nicht mit allen gleich stark, manche sind ihr deutlich näher als andere, sind Teil ihrer Seelenfamilie. Zur Seele gehören für sie auch Erfülltsein, Berührtsein, nicht vergleichen, nicht bewerten, frei und weit sein. Sie geht mit einer Frage, sagt Heidrun, und dann kommt die Antwort. Nach der Klinik war es mehr ein Hinhören, was von ihr verlangt wird. ( »Gehe zu Tieren, es wird dich heilen!«), dann wieder sind es Zeichen am Weg, die den nächsten Schritt ankündigen. Ein paar Mal hat sie ganz intensiv erlebt, dass auf der Seelenebene Entscheidungen getroffen wurden, die ihr Herz, ihr Bauch, ihr Verstand partout nicht wollten. Nein! Auf gar keinen Fall! Aber sie kann sich nicht entziehen. Kann nur sagen: Okay, ich nehme das jetzt an. Als hätte es Heidrun schon in aller Stille durchdrungen. So war es auch mit dem schwierigen Hund, der ihr angetragen wurde. Sie wollte sich nicht aufopfern, aber ihr Mund sagte: »Ja, ich nehme ihn.« Sie erschrak, meinte das Gegenteil, aber der Mund sagte noch einmal das Gleiche. So läuft es. Hingabe hat einen weiten Raum in ihr.

Die Dinge fügen sich von selbst. Als ihr Teamleiter in der Schule für geistig Behinderte ging und ihre Seele sagte, sie sollte auch gehen, weil nun ihr Schutzschild weg ist, zauderte Heidrun. Aber der neue Chef heizte ihr richtig heftig ein und sie musste kündigen. Konnte das Geschrei der Kinder nicht mehr ertragen. Wurde für ein Jahr berentet, was sich als großer Segen erwies. Sie erfuhr von einem wilden Delphin an der Ostküste der Sinai-Halbinsel, der auf spektakuläre Weise taubstummen Kindern half und fuhr hin. Schon auf der Reise sprach sie innerlich mit ihm, erbat den Segen für sein Volk. Und kaum stand sie mit ihrer Trommel am Meer, tauchte er auch schon auf. Heidrun sang, der Delphin lauschte. Ihr war, als hätte der Delphin sie gerufen, um sie zu heilen. Den ewigen Zweifel zu heilen. Sie wieder an Wunder glauben zu lassen. Sie wieder an sich selbst glauben zu lassen. Der Delphin war für Heidrun in etwa das, was der auferstandene Christus für den ungläubigen Thomas war: Berühre meine Wunden, wenn du sonst nicht glauben kannst.

Der Werkzeugkoffer

Ihr wäre auch Putzen gehen recht gewesen, aber fast gegen ihren Willen kam es nach ihrer Rückkehr dazu, dass sie als Heilerziehungspflegerin in der Diakonie anfing. Familienhilfe zuerst, dann mobile Altenpflege, wo sie jetzt noch ist. Daneben die »Feder«. Jemand kommt und will was von ihr, zum Beispiel, dass sie eine Örtlichkeit energetisch reinigt oder ein Ritual zum Geburtstag durchführt, und Heidrun lässt sich darauf ein. Sie findet einen urzeitlichen Frauenschädel im Altmühlsand, durch den die "ursprüngliche Frau" zu ihr spricht. So entsteht nach und nach ihr Programm und verändert sich wieder. Auch die Einzelstunden kamen auf diese Weise zustande. Nicht alles kann in der Gruppe angesprochen werden; manches Thema braucht den intimeren Rahmen. Heidrun hat einen Werkzeugkoffer mit kreativen Methoden, die sie sich im Laufe ihres Lebens im Umgang mit den Menschen angeeignet hat, im Beobachten, Hinspüren und Reflektieren des Geschehenen. Aus diesem Koffer nimmt sie, was ihre Seele und ihr Herz empfiehlt. Sie lässt alle ihre eigenen Vorstellungen los und steigt mit den anderen in den Fluss des Lebens, ganz präsent für den Augenblick. Heilung geschieht dann auf einer anderen Ebene. Von den Kräften, denen Heidrun dient. Wenn sich Heidrun in die Tradition des Schamanismus einreiht, dann nicht, weil sie etwas Bestimmtes sein will, sondern weil ihr dieser Begriff – in Ermangelung eines besseren - die Freiheit lässt, ihrer Bestimmung zu folgen.

Geta Bussinger

Geta Bussinger, Jahrgang 1952, Mutter eines erwachsenen Sohnes, von Beruf Landschaftsplanerin, mittlerweile aber freiwillig in Rente. Zeitlebens an der Frage interessiert "Was ist der Mensch ?"; entsprechend viel in den verschiedensten Bereichen ausprobiert und erfahren. Inzwischen überlässt sie sich einfach dem Lebensfluss und erfreut sich an den kreativen Ausdrucksformen, die er sich für sie einfallen lässt. Kontakt über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Diesen Beitrag teilen

Bei Wer kennt wen teilen
0
Webnews einstellen
0
0


Social Sharing powered by flodji.de
   

Ich suche  


   

Top 10 des Monats  

   

Connection Networks  

   

Werbung  

   

Unsere Partner  

Satsangfestival

Medizin und Bewusstsein

Bodhisattva Schule

Bewusstseinspraxis

zur Website von Ladeva

zur Website von Find Your Nose

zur Website von Die Kunst zu Leben

Weltinnenraum

LotusCafe - Forum für ganzheitliche Partnersuche

Spirituelles Portal

KGS Berlin

menschenklang

Periplaneta

   
© Connection AG 2015