Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Spiritualität/Mystik

Zur Diskussion um Ken Wilber

Details

Zur Diskussion um Ken Wilber
Foto: Sigrid Harig pixelio.de

Passepartout für Kosmos und Psyche

Der Philosoph Hans-Willi Weis ist davon überzeugt, dass Ken Wilber die wertvolle Differenz zwischen Wissen und Glauben einebnet. Mit einer Antwort von Michael Habecker. Ken Wilber hinterlässt uns die erste ernst zu nehmende »Theorie von allem« der Postmoderne – endlich ein System, das Wissenschaft und Mystik integriert...

Vieles deutet darauf hin, dass im Falle unserer transzendentalen Obdachlosigkeit auch Gewöhnung wenig hilft. Die Zeit, welche sonst bekanntlich alle Wunden heilt, richtet nicht wirklich etwas aus gegen jenen chronischen Mangel, der dem modernen Menschen seit bald zwei Jahrhunderten aus seiner metaphysischen Unbehaustheit erwächst: den Mangel an unverbrüchlichem Sinn, an wegweisender Wahrheit und nicht zuletzt an Geborgenheit in einem Großen Ganzen, das es mit unserem Schicksal als Einzelne trotz allem gut meint. Die Malaise dieses Mangelgefühls besagt keineswegs, wir seien trotz Aufklärung und Wissenschaft nun einmal nicht zur Vernunft zu bringen. Im Gegenteil, es liegt, wie Kant unübertrefflich ausgeführt hat, gerade im Wesen unserer Vernünftigkeit, »dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben«. Und bei eben diesen Fragen handelt es sich um diejenigen der Metaphysik: die Frage nach dem Ursprung der Welt, nach dem Sinn des kosmischen Ganzen, und schließlich die nach dem individuellen Schicksal im Angesicht des Todes, also die nach einer Unsterblichkeit der Seele. Die Pointe der Kantschen Argumentation besteht aber darin, dass die Vernunft, wiewohl sie von derlei Fragen nicht lassen kann, diese dennoch nicht zu beantworten im Stande ist, »denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft«. – Damit war aller bisherigen Metaphysik der Boden eines sicheren Wissens entzogen, gleichzeitig jedoch jenseits davon dem Glauben einer aufgeklärten Religiosität Raum gegeben.

Wissen und Glauben

Zu einer solchen Polarität von Wissen und Glauben, die beiden Domänen zu ihrem Recht verhilft, hat sich bis heute keine überzeugende Alternative gefunden. Der Aufstieg der Wissenschaft zur kulturellen Hegemonialmacht hat mit der Dominanz wissenschaftlicher Weltbilder lediglich lange Zeit den Eindruck vermittelt, als tendiere in Geist und Psyche moderner Individuen die energetische Ladung auf dem Pol des Glaubens gegen Null; als gelänge es den meisten tatsächlich, jedwede Belästigung ihrer Vernunft durch metaphysische oder religiöse Fragen seitens derselben Vernunft ein für allemal abzustellen. Zur Korrektur dieses Missverständnisses trägt mittlerweile auch ein philosophischer Einspruch bei. Er richtet sich gegen einen Säkularismus, der die Themen der Metaphysik, der Religion und der Transzendenz nicht nur von Fragen eines wissenschaftlichen Wissens sowie den Belangen demokratisch-politischer Institutionen und Regularien geschieden wissen will, sondern sie gleich ganz von der Bühne der Kultur verbannt und aus der Welt geschafft sehen möchte. Zu Recht erinnerte Jürgen Habermas in seiner Friedenspreisrede von 2001 daran, dass wir auch in Zukunft gut daran tun, die duale Struktur von Wissen und Glauben mit ihrer für Kultur und Gesellschaft fruchtbaren Polspannung beizubehalten. Seine Mahnung richtet sich besonders an die Adresse einer überzogenen Postmoderne, die meint, mit dem Ende der verbindlichen Metaerzählungen habe sich auch deren Stoff erledigt, die humanen Fragen nach dem Woher und Wohin unserer Existenz.

Wilbers »Boomeritis«

Gegen eine Spielart der »extremen Postmoderne« richten sich auch die jüngsten Publikationen des Amerikaners Ken Wilber, eines Solitärs auf dem populären Sachbuchmarkt diesseits wie jenseits des Atlantik. Sein spirituell inspiriertes Denken, das einen eigenwilligen Weg zwischen Wissenschaftssynthese und New-Age-Pamphletismus verfolgt, nimmt einen Postmodernismus aufs Korn, der sich streubt, die Wahrheit und Verbindlichkeit auch nur irgendeiner der Großen Erzählungen anzuerkennen, diese dann aber nicht in den kulturgeschichtlichen Orkus verabschiedet, sondern ihnen samt und sonders im Karneval eines egalitären Multi-Kulti einen gleichrangigen Auftritt auf ein und derselben Wertigkeitsebene verschafft. Diesen »pluralistischen Relativismus«, wie er in den durch die cultural studies dominierten humanities (Geisteswissenschaften) im amerikanischen akademischen Milieu anscheinend Mode ist, geißelt Wilber als »Boomeritis«, die Kulturkrankheit der Baby-Boomer Generation (die Alterskohorte der heute plus-minus Vierzigjährigen). Ihr Geist sei vom Narzissmus infiziert: »Mir sagt keiner, was ich tun soll« und »Ich mach mein Ding, du machst dein Ding«. Wie der Teufel das Weihwasser verabscheuen sie jedwede Hierarchie, das heißt für Wilber jede »natürliche Rangordnung« von Niederem und Höherem.

Zur Diskussion um Ken Wilber
Foto: Bernd Kasper pixelio.de

Heilige Ordnung?

Soweit seine Polemik gegen ein vulgarisiertes postmodernes Denken auf der kulturellen Verbindlichkeit von Werten sowie auf der Nichtbeliebigkeit von Wahrheitskriterien in der Wissenschaft insistiert, wird Ken Wilber nach meinem Dafürhalten mit Zustimmung bis ins Lager der Postmodernen rechnen können. Doch will er mehr, sehr viel mehr als dies. Über die neue Ernsthaftigkeit in existenziellen Angelegenheiten hinaus hat er anderes im Sinn. Deshalb die Vehemenz mit der er den Hierarchiegedanken gegen Egalitarismus, Wertepluralismus und Relativismus in Stellung bringt. Ihm schwebt, ganz unbescheiden, die kulturell verbindliche Durchsetzung der »Großen Hierarchie/Holarchie« vor, die Restitution einer, so möchte ich es nennen Heiligen Ordnung. An ihrer Spitze steht Gott oder der Geist (auf englisch Spirit), aus dem zugleich »die Sprossen der ganzen Leiter« gewirkt sind (ein Konstrukt, das Theologen als Panentheïsmus bezeichnen).

Wie kommt einer mit Verstand, und Ken Wilber ist jemand mit außerordentlichem Verstand, heutzutage dazu, dass er sich unumwunden den Durchblick aufs kosmische Ganze und dessen Heilige Ordnung zutraut? Sein Initiationserlebnis hatte Wilber bereits als Twen bei der Lektüre von Laotses Tao-te-king, worauf er sein Studium der Biochemie an den Nagel hing und sich in Theorie und Praxis der östlichen wie der westlichen Weisheitslehren (mit Aldous Huxley spricht er von der philosophia perennis, einer Ewigen Philosophie) vertiefte. Überall stieß er dabei auf eine im Kern identische Hierarchie in Kosmos und Psyche. Die Evolution der Psyche hat er anschließend in seinem ersten Buch als »Spektrum des Bewusstseins« beschrieben, vom Magisch-Mythischen über das Mental-Rationale ins Transpersonal-Überbewusste. Danach den komplementären Aufbau des Kosmos in »Halbzeit der Evolution«, von der Materie über die lebenden Körper mit Seele und Geist zum absoluten Geist oder Gott (bzw. von der Physiosphäre über die Biosphäre zur Noossphäre/Theosphäre, in Anlehnung an Teillard de Gardin). Und damit hätte sich auch schon der Metaphysiker Wilber in nuce geoutet: Gleichsam der Aus- und Einatem Gottes, ist der Kosmos das ewige Wechselspiel von »Involution und Evolution«, und die Menschheit hat gerade wieder die halbe Strecke ihrer Rückkehr ins Absolute zurückgelegt. – Zur selben Zeit ist Wilber bereits der zum »Einstein der Psychologie« ausgerufene Kultautor der Theoriefraktion innerhalb der psychospirituellen Szene. Er hat inzwischen hunderte analoge Hierarchien aus den Wissenschaften, insbesondere Entwicklungspsychologie (Evolutionslinien des Selbst, der Kognition, der Emotion, der Moral etc.) sowie Naturwissenschaft und Systemtheorie, zusammengetragen und brütet über einem ultimativen Modell, das sie allesamt widerspruchsfrei integriert. Mit dem in seinem vorläufigen Hauptwerk »Eros Kosmos Logos« vorgestellten »Vier Quadranten Modell« gelingt ihm nach eigenem Bekunden der Durchbruch: Die Hierarchien verteilen sich als Ebenen und Linien der Entwicklung spiegelbildlich auf die vier Quadranten oder Ecken des Kosmos (innen/außen sowie individuell/kollektiv). Fertig ist das System. In Anspielung auf Hegel, den Wilber über die Maßen schätzt, könnte man sagen, endlich ist das Ganze wieder das Wahre, denn Gott oder der Weltgeist führen darin Regie.

Ken Wilber möchte beides unter einem Dach – wissenschaftliche Welterklärung und philophisch-religiöse Sinndeutung

Die Sinnfrage

Der persiflierende Tonfall meiner im Zeitraffer nachgezeichneten Genese der Wilberschen Theorie sollte nicht zu dem Schluss verleiten, wir hätten es mit einem intellektuellen Leichtgewicht zu tun. Die fundamentalen Unstimmigkeiten eines Ansatzes, von dem sich nicht wenige haben beeindrucken lassen, wollen erst noch präzise aufgezeigt sein. »Ken Wilber will uns die Welt erklären«, überschrieb Matthias Jung seinerzeit eine Besprechung von »Eros Kosmos Logos« in Psychologie Heute (»Der Rundumwegweiser«, Heft 7/1997). Die Überzeugung, ein zeitgenössischer Theoretiker könne sich mit einem derartigen Ansinnen nur selber diskreditieren, greift freilich als Wilber-Kritik zu kurz. Schließlich will uns auch die Wissenschaft die Welt erklären, allerdings nur die phänomenale Welt der Erscheinungen, nicht ein möglicherweise dahinter verborgenes Wesen, und erst recht vermag sie nicht die Sinnfrage zu beantworten. Dadurch lässt sie aber in gut Kantscher Manier Raum für philosophische oder religiöse Weltdeutungen. Wilbers theoretischer Sündenfall liegt mithin nicht schon in der Erklärungsabsicht, vielmehr darin, dass er beides haben möchte, und vor allem beides unter einem Dach – wissenschaftliche Welterklärung und philophisch-religiöse Sinndeutung. Dem Dach gibt er den Namen »weite Wissenschaft«, unter ihm findet eine Marriage of Sense and Soul statt (so der englische Originaltitel seines Buches Naturwissenschaft und Religion – Die Versöhnung von Wissen und Weisheit).

Halb Wissenschaft halb Metaphysik

Was nun ist gegen eine so famose Hochzeit einzuwenden? Nicht mehr und nicht weniger als dass die Ehe, die sie stiftet, eine Mesalliance ist. Sie gebiert einen Wechselbalg, ein Theoriegebilde halb Wissenschaft halb Metaphysik, das weder recht das eine noch das andere darstellt. Folglich ist mit der Wilberschen Vermählungsstrategie nichts gewonnen, sehr wohl aber etwas Entscheidendes verloren, nämlich die nachmetaphysisch unvermeidliche und (siehe Habermas) kulturell fruchtbare Spannung zwischen Wissen und Glauben. Wobei die Auflösung der Polspannung bezeichnenderweise zu Lasten des Glaubens geht. Die unter dem Markenzeichen der Wissenschaft betriebene Integration hebt jetzt auch die »tiefe Religion« der mystischen oder transpersonalen Erfahrung in den Stand der Wissenschaft, wohingegen der Glaube zum Attribut »enger«, soll heißen mythischer Bild- und Schriftreligiosität absinkt.

Erscheint Wilber im ersten Moment als Metaphysiker unzeitgemäß, so ist er im nächsten Augenblick wieder vollkommen up to date, wenn es partout eine verwissenschaftlichte Metaphysik sein soll. Die Ironie seines Unternehmens: Der auszog, den inneren Wahrheiten der Seele gegen den Trend einer veräußerlichten, einseitig wissenschaftsdominierten Kultur wieder Aufmerksamkeit zu verschaffen, meint dieses Ziel nur um den Preis einer hyperwissenschaftlichen Vereinnahmung seelischer und spiritueller Innenwelten erreichen zu können.

»Der Kosmos ist eine Aufeinanderfolge von Schachteln in Schachteln in Schachteln…« Ken Wilber

Eine Theorie von allem

Was nun ist gegen eine so famose Hochzeit einzuwenden? Nicht mehr und nicht weniger als dass die Ehe, die sie stiftet, eine Mesalliance ist. Sie gebiert einen Wechselbalg, ein Theoriegebilde halb Wissenschaft halb Metaphysik, das weder recht das eine noch das andere darstellt. Folglich ist mit der Wilberschen Vermählungsstrategie nichts gewonnen, sehr wohl aber etwas Entscheidendes verloren, nämlich die nachmetaphysisch unvermeidliche und (siehe Habermas) kulturell fruchtbare Spannung zwischen Wissen und Glauben. Wobei die Auflösung der Polspannung bezeichnenderweise zu Lasten des Glaubens geht. Die unter dem Markenzeichen der Wissenschaft betriebene Integration hebt jetzt auch die »tiefe Religion« der mystischen oder transpersonalen Erfahrung in den Stand der Wissenschaft, wohingegen der Glaube zum Attribut »enger«, soll heißen mythischer Bild- und Schriftreligiosität absinkt.

Die große Schachtel, in die am Ende alles, einschließlich Glaube, spirituelle Erfahrung und Unsterblichkeit der Seele, nach Maßgabe der Wissenschaft einsortiert wird, heißt bei Wilber Theory of Everything (TOE), nach dem Vorbild eines Projekts der theoretischen Physik. O-Ton Wilber: »Ich suchte nach einer Weltphilosophie... einer integralen Philosophie, die... die vielen pluralistischen Kontexte von Wissenschaft, Moral, Ästhetik, der östlichen wie der westlichen Philosophie und dazu die großen Weisheitsüberlieferungen der Welt zusammenwebt..., die erkennen lässt, dass die Welt in Wirklichkeit ungeteilt, ein Ganzes und in allen Aspekten wechselwirkend ist, eine ganzheitliche Philosophie für einen ganzheitlichen Kosmos, eine... Theorie von Allem.« – Ihr Herzstück sind die bereits erwähnten Vier Quadranten plus zwanzig »Orientierungsverallgemeinerungen«. Deren elementarste lautet: Das Universum ist aus Holons (nach Arthur Koestler Ganzheiten, die aus Teilen bestehen) zusammengesetzt. Sämtliche Hierarchien bauen sich wie russische Puppen aus ineinander geschachtelten Holons auf, deshalb Holarchien. Ein Molekül als ganzes besteht aus Atomen, ein ganzes Atom aus Protonen, diese wiederum aus Quarks... Neben physischen gibt es emotionale, mentale und spirituelle Holons und Holarchien. »Der Kosmos ist eine Aufeinanderfolge von Schachteln in Schachteln in Schachteln…« (Zitate aus Ganzheitlich handeln S. 51ff.)

Das Reich der Freiheit

Wilber, der obsessive Generalist und Theoretiker von Allem, lässt in seinen Büchern eine Furie der Abstraktion, des Formalismus und des Schematismus auf den Leser los. Es liegt mir allerdings fern, dies mit Häme oder Spott zu quittieren. Zum einen würde es Wilbers Leistung in wissenschafts- und kulturübergreifender Komparatistik nicht gerecht; zum andern hieße es – die schwerwiegendere Unterlassung –, die gravierenden Ungereimtheiten seines theoretischen Großprojekts überhaupt nicht aufs Tapet bringen. Dessen naturwissenschaftlich-objektivistischer Duktus hat beispielsweise die fatale Tendenz, auch diejenigen Bereiche der menschlichen Existenz und unserer gesellschaftlich-kulturellen Wirklichkeit wie ein Stück objektive Natur erscheinen zu lassen, wo es heute mehr denn je geboten wäre, das Reich der Freiheit gegen das der Notwendigkeit geltend zu machen. Wilber träumt von der »perfekten integralen Landkarte des Kosmos, einer Landkarte, die absolut alles einbezieht und unfehlbar holistisch ist«. (Ebenda S. 69) Was jedoch die darin einbegriffene Bewusstseinsentwicklung, die zukünftigen Gestalten der menschlichen Seele, wie auch die Gestaltung unserer gesellschaftlich-politischen Zukunft angeht, ist die naturalistische Metapher der Landkarte fehl am Platze. Sie bringt die Dimension der Freiheit zum Verschwinden; denn Wilbers Landkarten zeigen uns gerade nicht verschiedene, alternative Wege auf, vielmehr suggerieren sie, dass immer schon feststeht, wo es lang geht. Abweichungen von der fixierten Wegstrecke werden als Pathologien denunziert, die Unterscheidung gesund/krank auf kulturelle Phänomene ausgedehnt. – Denselben falschen Schein eines Natürlich-Objektiven verbreitet der Hierarchiebegriff, Wilber spricht ausdrücklich von »natürlichen Rangordnungen« auch dort, wo er das Künftige in punkto Bewusstsein und Psyche wie auch in Sachen Gesellschaft und Politik erörtert. Wer sich mittels Meditation in einen transpersonalen Bewusstseinszustand versetzt, folgt aber bis auf Weiteres nicht einer festgelegten Bewusstseinsevolution, sondern einer subjektiven Wertpräferenz; was die Evolution in tausend Jahren dazu sagen wird, kann man getrost ihr überlassen. Und Demokratie anstelle autoritärer oder fundamentalistischer Herrschaft bringt keine natürliche Rangordnung zum Ausdruck, sondern eine soziale, auch der menschlichen Freiheit geschuldete Wertehierarchie.

Durch die zwanghafte Verwissenschaftlichung seines letzten Endes metaphysischen Ansatzes verfängt sich Wilber in den Fallstricken eines wissenschaftlichen Objektivismus

Erste fundamentale Unstimmigkeit

Fassen wir zusammen, was uns an inhärenten Widersprüchen bei Ken Wilber erwartet. Erste fundamentale Unstimmigkeit: Durch seine »Integration« von Wissen und Glauben, seine Fusion der aus guten Gründen innerhalb unserer Kultur funktionell geschiedenen Subsysteme von Wissenschaft und Religion bzw. Metaphysik, verwandelt sich ihm deren fruchtbare kulturelle Zweiheit zum unlösbaren Widerspruch, zum inneren Sprengsatz seiner Einheitstheorie. Entweder sind Glaube, meditative Introspektion oder religiös-metaphysische Spekulation je schon über das Ganze im Bild – dann bedarf es keiner wissenschaftlichen Beweisführung und Wilber könnte sich den Aufwand an vermeintlichem Belegmaterial aus den Wissenschaften sparen. Oder es verlangt uns nach sicherem Wissen und es befriedigen uns nur handfeste empirische Beweise – dann sind Glaubensgewissheiten aus Religion und Metaphysik nicht satisfaktionsfähig, und die integrale Theorie von Allem zerfällt wieder in ihre Bestandteile, die vormals bewährte Dualität von Wissen und Glauben. Aus diesem Dilemma kommt Wilber auch dadurch nicht heraus, dass er die »Erleuchtungen«, die ihm das »Auge der Kontemplation« (ein Begriff des Scholastikers Bonaventura) gewährt, mit einem Blick durch Mikroskop oder Teleskop gleichsetzt, ein erkenntnistheoretischer Klimmzug, welcher in der Scientific Communitiy bestenfalls Ratlosigkeit hinterlässt. Mit ihrer Unterscheidung von securitas, einer aus der Wissenschaft und den Büchern zu beziehenden Sicherheit und certitudo, der allein aus dem Glauben zu gewinnenden Gewissheit, verwies übrigens jene scholastische Philosophie just auf das, was Wilber zu akzeptieren sich weigert: dass noch so viel wissenschaftliches Wissen niemals an jene Gewissheit heranreicht, die der Glaube aus seiner eigenen Quelle schöpft.

Zweite fundamentale Unstimmigkeit

Durch die zwanghafte Verwissenschaftlichung seines letzten Endes metaphysischen Ansatzes verfängt sich Wilber in den Fallstricken eines wissenschaftlichen Objektivismus und Naturalismus, in dem Subjektivität und Freiheit im Grunde keine Rolle mehr spielen. Sie sind allenfalls Erfüllungsgehilfen des göttlichen »Geistes in Aktion«, Vollstrecker einer Evolution, deren Landkarten bzw. Territorien längst vermessen sind. Entweder waltet die göttliche Vorsehung und die Evolution wird es richten – dann sind menschliche Freiheit und aktive Selbst- und Weltveränderung ebenso überflüssig wie gegenstandslos. Oder es gibt Spielräume der Freiheit und eine Offenheit für relevante Gestaltungsmöglichkeiten von Bewusstsein und Gesellschaft – dann sind deterministische Systeme und naturalistische Theorien von Allem kontraproduktiv. Auch diesem Zwiespalt entkommt Wilber nicht, erst recht nicht mit dem in jüngster Zeit von ihm und seinen Anhängern unter den Initialen ITP (gleich Integrale Transformative Praxis) an den Tag gelegten Aktivismus der Bewusstseinstransformation und gesellschaftspolitischen Intervention. Mal wirkt diese Rührigkeit wie der lebende Widerspruch zu einer Theorie, für die von vornherein alles aus- und abgemacht erscheint; mal weckt sie den Verdacht, dass hier die Praxis zum Büttel der Theorie gemacht wird, und nichts eiligeres zu tun hat, als deren Plansoll zu erfüllen.

Existenzielle Ungewissheit

Dies sind beileibe nicht die einzigen Inkonsistenzen in Wilbers Werk. Sie sind so zahlreich, dass ich sie an dieser Stelle gar nicht alle auflisten kann. Stattdessen möchte ich mit einer Mutmaßung schließen. Ein Antwortversuch auf die Frage, was Wilbers Leserschaft bei der Stange hält. – Erinnert sei an die Ausgangskonstellation, die Art und Weise, wie wir in nachmetaphysischer Zeit mit den für unsere Vernunft gleichermaßen unabweisbaren wie unbeantwortbaren metaphysischen Fragen nach Ursprung, Sinn, Gott und Unsterblichkeit umgehen. Prinzipiell lässt, Kant zufolge, ein wohlverstandenes Wissen dem Glauben seinen Raum. Wo indes uns Heutigen die Kraft und die Inspiration zum Glauben fehlen, und wir die Unwirtlichkeit der metaphysischen Unbehaustheit zu anstrengend finden, gewinnen wissenschaftliche Surrogate der einstigen Glaubensgewissheiten ihre Attraktivität. Hier wirkt aber nicht nur über den Nimbus der Wissenschaftlichkeit der Verblüffungseffekt, mit dem Ken Wilber ein metaphysisches oder spirituelles Weltbild anscheinend hieb- und stichfest absichert. Die moderne transzendentale Obdachlosigkeit bedeutet Aufenthalt im Freien noch in einem andern Sinne: Indem sie uns der existenziellen Ungewissheit aussetzt, entlässt sie uns gleichzeitig in die eigentliche Tiefendimension menschlicher Freiheit. Die gigantische Materialschlacht, die der Autor Ken Wilber über tausende von Seiten inszeniert, fungiert meines Erachtens, psychoanalytisch gesprochen, als ein einziger Abwehrmechanismus: Sie entlastet von der beunruhigenden, ja erschreckenden Seite dieser Freiheit.

Scheitern können

Transzendentale Dachdeckerei unter wissenschaftlichem Vorzeichen ist der abermalige Versuch, sich vor dem »Drama der Freiheit« (Rüdiger Safranski) ideologisch in Sicherheit zu bringen. Die sich stattdessen zum Standhalten entschließen, die ermutigt zuletzt auch die spirituelle oder transpersonale Erfahrung, deren Rehabilitierung oder Anerkennung Wilber ursprünglich im Auge hatte. Wie manche beim Hören einer Musik von Bach, so finden sich beim Meditieren Geübte in einen Bewusstseinszustand versetzt, worin sie die Existenz als von Grund auf in Ordnung erleben. Dass unterdessen diese transpersonale Erlebnisqualität von unserer Alltagserfahrung leidvoll konterkariert wird und auch die Wissenschaft sie keineswegs als das »ursprüngliche Antlitz« allen Seins zu bestätigen in der Lage ist, muss nicht unbedingt nur bedauerlich oder von Nachteil sein. Ein Leben ohne Kontraste ist schließlich kaum denkbar und wäre für uns Menschen vielleicht auch schwer erträglich. Warum also sollte, wer in regelmäßigen Abständen auf dem Weg der Meditation in der besten aller Welten verweilt, nicht mit Gelassenheit immer wieder in den durchwachsenen Alltag zurückkehren und es ertragen können, dass auch Scheitern zum Erdendasein gehört, dass nicht jeder Wunsch in Erfüllung und vieles am Ende schief geht? – Für Wilber ist das »plumper Dualismus«. Doch könnte es nicht sein, dass der Bürger zweier Welten die elegantere Weise vorstellt, sich die Welt und das eigene Dasein zu erschließen?

Literatur: Von den zahlreichen Veröffentlichungen Ken Wilbers wurden die folgenden angeführt bzw. zitiert: Ken Wilber: Das Spektrum des Bewußtseins. Bern 1987. Ders. Halbzeit der Evolution. Bern 1984. Ders. Eros Kosmos Logos Frankfurt 1996 (TB Frankfurt am Main 2001). Ders. Naturwissenschaft und Religion – Die Versöhnung von Wissen und Weisheit. Frankfurt 1998. Ders. Ganzheitlich handeln. Freiamt 2001. Publikationen zum Thema vgl. auch: Hans-Willi Weis: Ken Wilbers transpersonale Systemspekulation. Eine kritische Auseinandersetzung. S. 115-134 in: Belschner (Hg.) Transpersonale Forschung im Kontext. Oldenburg 2002. Hans-Willi Weis: Wilber widersprochen – Fünf Antithesen als Quintessenz. Tagungsbeitrag Bad Kissingen 2002 (als Hörkassette bei Auditorium Netzwerk Müllheim). Ders. Die Eitelkeit der Wissenschaften. In Lettre International Heft 57/2001. Ders.: Über das Unbehagen in der säkularen Kultur. In: Das Plateau. Die Zeitschrift im Radius Verlag, 08.2002. Ders.: Exodus ins Ego – Therapie und Spiritualität im Selbstverwirklichungsmilieu. Zürich/Düsseldorf 1998 (z.Z. nur über die Freiburger Adresse des Autors erhältlich) Ders.: Spiritueller Eros. – Auf den Spuren des Mystischen. Petersberg 1998.

Hans-Willi Weis

Dr. phil. Hans-Willi Weis, geb. 1951, Philosoph und Kulturwissenschaftler, ansässig in Staufen bei Freiburg. Seit seiner Erblindung arbeitet er in der Hauptsache publizistisch, u.a. Radiobeiträge beim SWR2. Darunter Kritisches zu Peter Sloterdijk, zuletzt 2012 das Buch: Denken, Schweigen, Übung – eine Philosophie des Geringfügigen. Zur Zeit beschäftigt ihn sein neues Buchprojekt »Der Intellektuelle und der Yogi«. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

   
© Connection AG 2015