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Spiritualität/Mystik

Wandlungsprozesse

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Wandlungsprozesse
Foto: Rosel Eckstein, pixelio.de

Die Suche nach der unschätzbaren Perle

In einigen Enneagramm-Lehren, die vom Sufismus beeinflusst sind, wird die persönliche Suche nach dem »wahren Selbst« als die Suche nach einer unschätzbaren Perle beschrieben. Diese Deutung steht in Zusammenhang mit einem Mythos, der auch in frühchristlichen apokryphischen Schriften als das so genannte »Lied der Perle« erzählt wurde.

Das Lied von der Perle

Als ein Kind ich war, ohne Sprache, und in meinem Königreiche wohnte, dem Hause meines Vaters, Und mich erfreute in dem Reichtum und in der Herrlichkeit meiner Ernährer. Da sandten aus dem Osten, meiner Heimat, die Eltern mit einer Wegzehrung mich fort. Und aus der Fülle unseres Schatzhauses banden sie eine Traglast zusammen. Groß war sie und doch so leicht, dass allein ich sie zu tragen vermochte.… Und sie gürteten mich mit dem Diamant, der Eisen schneidet. Und sie streiften mir das Strahlenkleid ab, welches in ihrer Liebe sie mir gewirkt hatten. Und ebenso meinen safrangoldenen Umhang, der meiner Gestalt angeglichen gewebt war. Und sie schlossen mit mir eine Übereinkunft, und schrieben mir in mein Herz, auf dass niemals ich vergäße: »Wenn nach Ägypten Du hinabsteigst und von dort die eine Perle holst, die da liegt inmitten des Meeres, umschlängelt von der zischenden Drachenschlange, (dann) sollst Du Dein Strahlenkleid wieder tragen samt Deinem Umhang, der es umhüllt. Und mit Deinem Bruder, unserem Zweiten, sollst Erbe Du sein in unserem Reiche.«

Der Königssohn machte sich mit seinen Gefährten auf den Weg. Geradewegs suchte ich die Drachenschlange auf, verweilte nahe ihrer Bleibestätte, sah zu, bis ermattet sie einschlief, um alsdann meine Perle ihr zu entwenden. Zunächst suchte er sich allerdings noch Gesellschaft und kleidete sich in die Gewänder der fremden Kultur. Die neuen Gefährten gaben ihm betäubende Speisen. Und ich vergaß sie, die Perle, um derentwillen mich meine Eltern gesandt hatten. Und durch die Schwere ihrer Speisen versank ich in tiefen Schlaf … Seine Eltern erfuhren davon und schrieben ihm in einem Brief: Erwache und erhebe Dich von Deinem Schlaf, und vernimm die Worte unseres Briefes. Erinnere Dich, dass Du ein Königssohn bist, sieh die Knechtschaft, - wem Du dienst. Gedenke der Perle, um derentwillen Du nach Ägypten gezogen bist. Erinnere Dich Deines Strahlenkleides, gedenke Deines herrlichen Umhangs … Der Brief rüttelte ihn wach und er erinnerte sich seines Auftrags:

Und ich ergriff die Perle und kehrte um, nach meinem Vaterhaus mich zu wenden. Und ihr schmutziges und unreines Kleid zog ich aus und ließ es in ihrem Lande. Und ich richtete meinen Weg, um zu gelangen zum Lichte unserer Heimat, dem Osten. Nun legte er das Strahlenkleid, das ihm die Eltern gesandt hatten, wieder an: Wohl erinnerte ich mich nicht mehr seiner Würde, weil ich es in meiner Kindheit in meinem Vaterhaus gelassen. Doch plötzlich, sobald ich ihm begegnete, glich die Gewandung mir selbst, gleich einem Spiegelbilde. Ich erblickte in mir seine Ganzheit, und ward in ihm auch meiner Ganzheit gesichtig …. Damit bekleidete ich mich und stieg empor zum Tore der Begrüßung und der Anbetung. Ich neigte mein Haupt und erbot Ehre dem Herrlichkeitsglanz des Vaters, der mir das Kleid gesandt. Dessen Gebote ich ausgeführt hatte, wie auch er, was er verheißen, getan. Die Perle brachte er nach seiner Heimkehr seinem Vater, dem König, als Opfer dar. (Das Lied von der Perle ist enthalten in den Thomasakten (108 – 113), die etwa um 225 n. Chr. In Edessa geschrieben wurden)

Wandlungsprozesse
Foto: Dieter, pixelio.de

Die unschätzbare Perle als Symbol eines Wandlungs-Weges

Dieser Mythos wird in der Enneagramm-Literatur als Symbol für den Weg der inneren Verwirklichung und der Transformation unserer Persönlichkeits-Strukturen interpretiert. Er enthält bestimmte Annahmen über diese Wandlungs-Prozesse:

  • Als ganz kleines Kind sind wir noch in Kontakt mit unserem wahren Wesen - da hat der Königssohn sein Strahlenkleid noch an.
  • Wenn wir heranwachsen, verlieren wir diesen Bezug. Das innere Wissen darum, das in der frühesten Kindheit grundgelegt und als Erinnerung vorhanden ist, lässt uns zu Suchenden werden.
  • Von Gott (dem König) bekommen wir den Auftrag, die Perle (auf dem Grund des Meeres) zu suchen und nach Hause zu bringen.
  • Diese Reise führt uns zunächst ins Vergessen, weltliche Angelegenheiten und Genüsse betäuben uns so, dass wir unsere Suche und ihr Ziel aus den Augen verlieren – der Königssohn schläft ein.
  • Ein Brief von zu Hause (Botschaft Gottes) rüttelt uns wieder wach, lässt uns die Suche erneut aufnehmen und die Perle wird nun erobert und nach Hause gebracht.
  • Nach der Eroberung der Perle, darf das Strahlenkleid des wahren Selbst, unser Wesen, wieder angelegt und stolz getragen werden, wir kehren heim. Die Perle wird als Opfer dargebracht.

Persönliche und psychologische Deutung

Im Perlenlied sind – wie in anderen Mythen auch – universell gültige Entwicklungsprozesse märchenhaft beschrieben. Es ist leicht, sich selbst und seinen eigenen Weg dort wieder zu finden und wichtige Stationen zu erkennen. Jeder meiner Leserinnen und Leser sei hier eingeladen, das für sich persönlich zu tun. Zudem soll an dieser Stelle auch noch auf einige psychologische Aspekte des Transformationsprozesses aufmerksam gemacht werden, die im Perlenlied beschrieben werden

Wir brauchen uns nur erinnern!

Nach diesem Mythos ist uns unser wahres Wesen nicht fremd, wir waren als kleine Kinder, wenn auch unbewusst, schon einmal mit ihm in Verbindung. Jeder, der mit einem Säugling in Kontakt ist, wird bemerken, dass dieser sich von allen anderen Babys unterscheidet. Er besitzt eine unverwechselbare Ausstrahlung: Sein eigenes persönliches Wesen ist wahrnehmbar. In sehr jungem Alter besitzt der Mensch noch eine Strahlkraft, die uns unmittelbar berührt. Auch wenn das wieder verloren geht, besteht die Möglichkeit, uns später wieder daran zu erinnern. Der Ur-Vater der Enneagramm-Überlieferung, Georges I. Gurdjieff, sprach in diesem Zusammenhang von der »Seelen-Erinnerung«. Diese Rückerinnerung ist in seiner Lehre des vierten Wegs ein entscheidender Motor für spirituelle Transformation.

Durch die Entwicklung der Persönlichkeitsmuster schlafen wir ein

Die Reise des Königssohns ist beschwerlich und er begegnet allerlei weltlichen Genüssen – so wie wir in unserem wirklichen Leben auch. Den Freuden gibt er sich hin, um den Preis, betäubt und schlafend zu werden. Um in der Welt zurechtzukommen, legt er sich eine schäbige Kleidung an, sie ist der Anpassung geschuldet.

Hier werden wesentliche Eigenschaften unserer Persönlichkeits-Strukturen benannt: Sie sind aufgrund von Mangel (als Not-Lösung) entstanden, sättigen uns nur scheinbar und lassen uns unser wahres Ziel aus dem Auge verlieren und einschlafen. Im Vergleich mit unserem authentischen Wesen sind sie eine »schäbige Kleidung« (Not-Lösungs-Programm). Das Wissen um unser »göttliches Inbild« geht dadurch verloren.

Der Schatten muss bearbeitet und integriert werden

Bewacht wird die Perle von einer bösen Schlange. Es könnte auch ein Drachen oder ein anderer Dämon sein. Der Kampf mit dem Ungeheuer ist in dieser Erzählung nicht das große Thema, dennoch wird er wohl auch hier in irgendeiner Weise stattgefunden haben. Psychologisch kann das mythische Auftreten der dunklen Wesen und ihre Überwindung als die Aufgabe der Schattenarbeit betrachtet werden. Sie ist in jeder Perlensuche unumgänglich. Nur wenn wir uns unseren tiefsitzenden Ängsten, Schmerzen und Mangelerfahrungen heldenhaft stellen, geben sie den Weg zum wahren Selbst frei.

Der Weg führt in die Fülle

Jeder Aspekt unserer Persönlichkeit kann als ein eigenes Notlösungsprogramm für ein jeweils spezifisches Mangelerleben betrachtet werden: Er dient dazu, einen Konflikt zu bearbeiten und zu lösen, der dann so (als Problem) nicht mehr im Bewusstsein auftauchen muss. Wenn wir diese automatischen Muster durch Bewusstheit ersetzen können, dann tauchen wir durch die Charakterstrukturen hindurch zu unserem wahren Wesen und zur wahren Quelle des Seins hinab. An der Stelle, wo früher Mangelerleben war, taucht eine neue Erlebens-Qualität auf, die oft als »Essenz« beschrieben wird und sich in vielen Aspekten zeigt, wie das Farbspektrum des Tageslichts, das im Kristall gebrochen wird. Unterhalb der erworbenen Persönlichkeit wohnt im Selbst-Erleben eine reichhaltige Fülle – aus unserem göttlichen Ursprung und Inbild geboren - die wir im Grunde nur vergessen haben.

Die Ausrichtung des Perlen-Suchers

Ein Hinweis darauf, mit welcher Haltung wir uns auf die Suche nach der Perle machen können, bietet ein noch älterer Text, der aus dem Taoismus stammt. Er soll am Ende dieses Beitrags für sich sprechen:

Wer findet die Perle?
Der Herr der gelben Erde wandelte jenseits der Grenzen der Welt.
Da kam er auf einen sehr hohen Berg und schaute den Kreislauf der Wiederkehr.
Da verlor er seine Zauberperle.
Er sandte ERKENNTNIS aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder.
Er sandte SCHARFBLICK aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder.
Er sandte DENKEN aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder.
Da sandte er SELBSTVERGESSEN aus. SELBSTVERGESSEN fand sie.
Der Herr der gelben Erde sprach:
»Seltsam fürwahr, dass gerade SELBSTVERGESSEN fähig war, sie zu finden!«
Zhuangzi (oder auch Tschuang-Tse ca. 365 – 290 v. Chr.)

Maria-Anne Gallen

Maria-Anne Gallen, psych. Psychotherapeutin, Türkenfeld (bei München) Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.gallen-praxis.de

   
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