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Spiritualität/Mystik

Ungeduld

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Ungeduld
Foto: Kiegeland

Geduld, Stille und Schönheit

Ungeduld ist sicher eines der Hauptmerkmale in unserer Zeit des rasenden Stillstands. Ungeduld und Warten treten zumeist gemeinsam auf, wobei das Wartenmüssen als Ursache für die Ungeduld angesehen wird. Das ist aber zu kurz geschlossen. Sie kommt vielmehr zumeist aus der Idee, etwas zu versäumen, etwas, das wichtiger ist als in der Schlange vor der Kasse oder in einem Stau zu stehen. Burkhardt Kiegeland über den Zusammenhang von Geduld, Stille und Schönheit...

Vor ein paar Tagen stand ich im Supermarkt in der Warteschlange vor der Kasse. Der Laden war recht voll und entsprechend lang die Wartezeit. Ich schaute zu wie jene, die schon an der Reihe waren, ihre Einkäufe auf das Band legten, beobachtete, wie in Geldbörsen gekramt, Scheine oder Kreditkarten hervor geholt und Quittungen in Empfang genommen, wie kleine Kinder zum Stillhalten erzogen wurden. Es herrschte einige Unruhe. Mir fiel ein besonders ungeduldiges Paar auf. Es stand unter einem Werbebanner mit der Aufschrift »Advent – die schönste Wartezeit des Jahres«. Eine lustige Szene: Unten ungeduldiges Gestikulieren, erregtes Reden, und über den Köpfen der Werbebanner zur schönsten Wartezeit. Mich erinnert der Werbespruch an einen anderen, nämlich den von der kostbarsten Zeit des ganzen Jahres, gemeint war die Urlaubszeit. Auch sie wird ja oft ungeduldig erwartet, und alles hängt davon ab, ob im Vorfeld die richtigen Kaufentscheidungen getroffen werden. So wie am Heiligabend alles davon abhängt, ob man die richtigen Geschenke gekauft hat – so stand es neulich auf der Ratgeberseite der Tageszeitung.

Ungeduld

Ungeduld ist sicher eines der Hauptmerkmale in unserer Zeit des rasenden Stillstands. Treffend kommt sie in dem zornigen Ausruf eines Mannes zum Ausdruck, ich schnappte ihn auf, während ich mit dem Schlauch in der Hand an der Tankstelle wartete: »Hoffentlich ist bald Weihnachten, dann habe ich endlich Ruhe.« Drücken wir ihm die Daumen, dass er die richtigen Geschenke bekommt!

Ungeduld und Warten treten zumeist gemeinsam auf, wobei das Wartenmüssen als Ursache für die Ungeduld angesehen wird. Das ist aber zu kurz geschlossen. Sie kommt vielmehr zumeist aus der Idee, etwas zu versäumen, etwas, das wichtiger ist als in der Schlange vor der Kasse oder in einem Stau zu stehen. Man geht also davon aus, dass es im Leben wichtige und weniger wichtige Abschnitte gebe, wo bei es gelte, die weniger wichtigen auszuschließen oder wenigstens zu verkürzen. Sowie die wichtigen möglichst schnell anzusteuern und lange andauern zu lassen.

Weniger wichtige Lebensabschnitte - gibt es das? Und kann man etwas versäumen? Ja und nein, es kommt darauf an, was man unter Lebenssinn versteht, sowie auf den Umgang mit einem selber, der sich daraus ergibt. Ich bringe hier jetzt eine Umfrage ins Spiel, sie wurde kürzlich von der Gesellschaft für Konsumforschung in Deutschland veröffentlicht. Ihr zufolge stellen sich gerade einmal 37,1 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 70 Jahren öfter die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die jungen Leute am wenigsten, die Älteren dann mehr. Viele gar nicht. Was in diesem Zusammenhang »öfter« bedeutet, sei einmal dahingestellt. Ich neige überhaupt zur Skepsis, was die Aussagekraft so mancher Umfragen und Studien angeht. Es ist noch nicht lange her, da wurde eine andere veröffentlicht, der zu Folge heute mehr Menschen an existenziellen Fragen interessiert sind als noch vor ein paar Jahren.

Wandlungsprozesse
Foto: Kiegeland

Welcher Sinn?

Welche existenziellen Fragen? Umfragen wie diese gehen gewöhnlich davon aus, dass es dabei um die Beschäftigung mit der tieferen Bestimmung der persönlichen Existenz geht, um Berufung, Dasein und Tod, um Religiöses. »Existenziell« kann sich aber auch auf andere Ebenen des Lebens beziehen. Für unter Hunger und Krieg leidende Menschen zum Beispiel sind Brot und Frieden fundamentale Bedürfnisse, von denen ihre Existenz abhängt. Und um wieder von der Ungeduld zu sprechen: Auf die Zuteilung der Wasser- und Reisration in einem Kriegsgebiet zu warten hat eine andere existenzielle Dringlichkeit, als in der Warteschlange vor der Kasse im Supermarkt zu stehen. Wer zum Überleben auf Wasser und Reis wartet, wird Wartezeit schwerlich als versäumtes Leben ansehen. Es gibt also unterschiedliche Perspektiven für Sinnhaftigkeit und existenzielle Fragen.

Reichtum

Auf den Märkten und in den Geschäften, die ich in dieser Adventszeit besuchte, war stets unübersehbar, unter welch privilegierten Umständen wir leben, aus welch komfortablen Verhältnissen heraus wir ungeduldig sind, anspruchsvoll, fordernd, verwöhnt. Inzwischen liegen die Weihnachtsfeiertage schon wieder hinter uns, und die Tage der Sonderangebote und Ausverkäufe locken die Schnäppchenjäger in die Geschäfte. Zeiten für Jäger und Sammler. In den Schokoladenfabriken werden die Weihnachtsmänner zu Osterhasen umgeschmolzen. Die Propheten sagen weiteres Wachstum der Wirtschaft voraus. Warteschlangen an den Kassen der Supermärkte.

Ich habe zwar ein Ziel, doch meine Achtsamkeit bleibt in den Gegenwart, bleibt beim Weg, dort wo ich gerade bin.

Ungeduld II

Unvergessen ist mir die Lektion eines meiner Lehrer über unsere privilegierte Lage. Er drängte uns geradezu – man konnte ihn für ungeduldig halten – sie für die Arbeit an uns zu nutzen: »Ihr müsst nicht hungern, ihr habt Zeit zu eurer Verfügung, ihr habt etwas Geld übrig, also wartet nicht, kümmert euch um den anderen Hunger, wer ihr wirklich seid, versäumt nicht diese so gute Gelegenheit!« Ich habe sein Drängen damals verstanden. Es gab keine materielle Not und eine gewisse Sicherheit der materiellen Existenz. Welch eine Chance, dem anderen Hunger Raum und die rechte Nahrung zu geben!

Es gibt da zwei Arten von Ungeduld. Die eine will ein Ziel erreichen, die andere sich endlich auf den Weg machen. Worin unterscheiden sie sich? Wenn ich ein Ziel erreichen will, und zwar so schnell wie möglich, verengt sich der Fokus. Ich habe ein bestimmtes Ergebnis im Auge und mache mir ein Bild davon. Doch Bilder werden niemals zu Wirklichkeit, sie verstellen vielmehr den Blick auf das Wirkliche. Die Ungeduld dieses Lehrers mahnte, den Weg zu beginnen und zu gehen. Dabei liegt die Betonung auf dem Gehen, auf den Schritten in der jeweiligen Gegenwart. Das hält den Horizont offen. Ich habe zwar ein Ziel, doch meine Achtsamkeit bleibt in den Gegenwart, bleibt beim Weg, dort wo ich gerade bin. Im Da-sein.

Da sein

»Die meisten verwechseln Dasein mit Erleben« – sagte Max Frisch, der bedeutende Schweizer Schriftsteller (1911 bis 1991). So ist es, und die Beschleunigung unserer Lebensverhältnisse liegt ja auch daran, dass so viel Erlebnisse wie möglich in der Lebenszeit untergebracht werden müssen. Das führt zwangsläufig zu Ungeduld und zu der Idee, es gebe wichtiges und weniger wichtiges Leben. Inzwischen begegnet einem das Wort Erlebnis allerorten und in den seltsamsten Zusammenhängen. Einfach mal zum Italiener essen gehen, oder in die Sauna, oder zum Friseur reicht nicht, es wird in der Werbung zum Pizzaerlebnis in der Erlebnisgastronomie, zum Wellnessereignis im Erlebnisbad, zum Schönheitserlebnis beim Hairstylisten erklärt. Weihnachten schließlich schenkt uns den Höhepunkt der Geschenkerlebnisse des ganzen Jahres. Richtig verrückt und schon wieder Realsatire fand ich »Putzerlebnis« in der Bedienungsanleitung für eine elektrische Zahnbürste.

Wirkliche Erlebnisse

Wirkliche Erlebnisse sind etwas ganz anderes. Sie kommen nur im Da-sein vor, nämlich wo wir tatsächlich ganz anwesend in unserem Leben sind. Und sie ergreifen uns dann so tief, dass sich ihre Essenz gar nicht in Worten fassen lässt. Sie können uns verwandeln. Erleben heißt Leben in seiner Fülle erfahren. Und Fülle ist nicht einfach das Viele. Befinden wir uns in einer zur Gewohnheit gewordenen Erwartungshaltung und eilen von einem Event zum nächsten, sind wir nicht da. Wir verlieren uns an das Viele und versäumen dabei die Fülle. Diese ja nicht so schwierigen Zusammenhänge werden deutlich, stellt man sich die Frage nach dem Sinn. Tut man das, tauchen in aller Regel aus der Erinnerung die wahren Erlebnisse auf, die wir schon hatten. Die Augenblicke erlebter Fülle, wo wir eingetaucht ins Dasein erfuhren, dass es da eine Wirklichkeit jenseits unserer persönlichen Grenzen gibt, die mehr ist als die Realität der Dinge.

Geduld

Die erlebnisorientierte Konsumgesellschaft – so sagen Soziologen – ist tendenziell geduldfeindlich. Wer nach dem Sinn seines Lebens zu fragen beginnt, wird früher oder später geduldfreundlich. Wobei mit Geduld keineswegs gemeint ist, dass jene Phasen, in denen unser Tempo ausgebremst wird, wo man warten muss, bis man an die Reihe kommt, oder wo die Zeit scheinbar ereignislos verstreicht, schicksalsergeben erduldet werden müssen. Geduldfreundlichkeit entwickelt sich, wenn wir zu erleben beginnen, dass sich auch in diesen Zeiten eine Fülle – und Stille – verbirgt. Das kann man auf einfache Weise im Alltag üben.

Wahrnehmung

Zum Beispiel in der Warteschlange vor der Kasse im Supermarkt. Dort können wir die Stufen des Wachseins üben. Nämlich uns aus den Wünschen und Ideen und Plänen heraus holen und in dem ankern, was wirklich ist. Im ersten Schritt beginnen wir still für uns zu nennen, was wir in diesem Augenblick in unserem Körper wahrnehmen. Wahrnehmen, ohne zu urteilen, einfach registrieren, welche Qualität jetzt da ist: in den Füßen, den Händen, in Bauch, Rücken, Kehle und so weiter. Will der Verstand abschweifen, holen wir ihn freundlich zurück.

Als zweiten Schritt lassen wir unsere Wahrnehmung ganz entspannt sich ausdehnen auf das, was um uns herum vorhanden ist. Auch dies registrieren wir: Töne, Bewegungen, Menschen, Gesten, Gerüche und welche Resonanz sie in uns hervor rufen. Unsere Wahrnehmung weitet sich für alles, was in uns selbst und um uns herum vor sich geht. Übt man dies, können wir etwas von dem erfahren, was Gegenwart ist. So kann sich Warten in jene umfassende Offenheit für das Gegenwärtige verwandeln, in der Ausgangspunkt und Ziel als Einheit enthalten sind. Mehr darüber zu sagen oder erklären zu wollen, wäre verfehlt.

Erklären lässt sich nur das am wenigsten Wichtige. Das Wesentliche erschließt sich allein durch Erfahren.

Das Schöne sehen

Dies ist eine weitere Übung nicht nur für die Warteschlange, sondern auch für die U-Bahn, den Markt, das Restaurant. Statt die anderen Menschen mit dem Scanner- und Schubladenblick zu mustern, schauen wir aus einer freundlichen und empfänglichen Haltung, bis uns das Schöne an ihnen aufgeht. Das Schöne, das wir an den anderen Menschen wahrnehmen, ist auch das Schöne in uns selbst. Auch hier keine weiteren Erklärungen. Erklären lässt sich nur das am wenigsten Wichtige. Das Wesentliche erschließt sich allein durch Erfahren. Durch Praxis, durch Üben. Das Wahre erfahren wir nicht aus Büchern, nicht durch blinden Glauben, sondern nur aus der Hingabe an das Leben.

Burkhardt Kiegeland

Burkhardt Kiegeland, Jg. 42, der »Herz-Meister«, ist seit nun 1980 bekannt für seine »Herz-Eröffnungs-Seminare« und sein »Herz-Projekt«. Er war Schüler von Osho und Michael Barnett. Aus seinem früheren Zentrum »Weisser Lotus« ist er in die Schweiz ins Berner Oberland übersiedelt und hat unter dem Begriff »Eins und Sein« ein neues Zentrum ins Leben gerufen. Website: www.einsundsein.org

   
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