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Spiritualität/Mystik

Der 17. Karmapa zu Besuch in Deutschland

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Der 17. Karmapa zu Besuch in Deutschland
Der 17. Karmapa. Foto: Kagyu-Office

Kann man den Buddhismus neu erfinden?

Rani leitete viele Jahre lang ein tibetisch-buddhistisches Meditationszentrum im Rheinland, ehe sie 2001 auf den Satsanglehrer Samarpan traf, über den sie kürzlich ein Buch schrieb. Im Mai traf sie in der Eifel den Karmapa, der zum ersten Mal nach Europa gekommen war. Er ist die nach dem Dalai Lama bekannteste Persönlichkeit des tibetischen Buddhismus und weckt für viele Tibeter und Deutsche die Hoffnung, den Buddhismus zu modernisieren und auffrischen zu können...

Es war ein Besuch der dritten Art, als der neue, der 17. Karmapa Trinley Dorje kürzlich zum ersten Mal nach Europa kam. Eng gedrängt lagen die Anwohner von Langenfeld auf ihren Fensterbänken, um zu beobachten, wie das Oberhaupt der tibetischen Kagyüschule in ihr Dorf einfuhr. »Für die Leute des buddhistischen Kamalashila Institutes ist das so ähnlich, als wenn der Papst persönlich zu uns käme«, mögen sich die Bewohner des Eifeldorfes gedacht haben.

Freude und Verehrung

Nonnen und Mönche in roten Gewändern bevölkerten die wenigen Straßen und Cafés, lachend und schwatzend oder schweigend in die Luft schauend. Es waren neben den Tibetern in ihren traditionellen Gewänder auch ein paar Dutzend Karmapa-Freunde zur Begrüßung gekommen, die keine rote Roben trugen, sie schienen mir sanfte, gereifte, wache Menschen zu sein. Gebetsfahnen hingen an Häusern, Bäumen und Gartenzäunen. Die Hotels und Pensionen im Umkreis von 50 Kilometern waren seit Monaten ausgebucht.

Als die tiefschwarzen Nobelkarossen mit dem verehrten Karmapa und seinen Begleitern gleich neben der Dorfkirche anhielten, war die Straße mit Blüten bestreut und die Luft erfüllt von anmutigem, leisen Gesang. Kein ausgelassenes, lautes Jubeln, man war eher still berührt und vielleicht auch ein wenig scheu. »Karmapa Chenno« sangen die Menschen, was soviel bedeutet wie: »Oh, heiliger Karmapa bitte schenke mir deine Aufmerksamkeit!«

Etwas sehr Lebendiges…

Ich stand nah der Stelle, wo der Wagen anhielt, und schaute wie gebannt aus nächster Nähe auf das Fenster, hinter dem Trinley Dorje zu vermuten war. Die Scheiben waren zu stark getönt, um etwas erkennen zu können, aber mein Gefühl sagte mir, dass dahinter etwas sehr, sehr Lebendiges sitzt – ein schwarzer Panther oder ein Karmapa, für mein Gefühl war das in dem Moment das Gleiche. Spätestens jetzt hätte ich meine Kamera zücken müssen, immerhin war ich von der Presse, aber ich tat es nicht.

Die Tür mit dem getönten Fenster blieb geschlossen, bis alle Leibwächter ausgestiegen waren und sich neu sortiert hatten. Sehr nobel sahen sie aus, diese Bodyguards, mit ihren schwarzen Anzügen und Krawatten.

… das geschützt werden muss

Mit einigen Blicken in die Runde und in den Himmel stieg der Karmapa aus. Er gab kein Anzeichen, mit den etwa achtzig Menschen, die ihn singend und lächelnd umringten, in direkte Verbindung treten zu wollen. Alle trugen weiße Schals in den Händen oder auf den Schultern für das tibetische Begrüßungsritual, doch für seinen Spaziergang die Straße hinauf bis zum Anwesen des Kamalashila Institutes waren keine direkten Kontakte vorgesehen. Eng beschattet von seinen Leibwächtern verschwand der Karmapa im Haus, nur wenige geladene Gäste durften ihm folgen, alle anderen mussten am Tor zum Grundstück stehen bleiben.

Ich schaute mich um und sah einige ratlose Gesichter. Wie bedroht musste das Leben dieses hohen Gastes wohl sein, dass diese strengen Sicherheitsvorschriften erforderlich waren? Diese Frage und die damit einhergehende Brise von Traurigkeit lösten sich in Nichts auf, als ich wenig später in mich hinein spürte und bemerkte, dass die Begrüßung sehr wohl stattgefunden hatte, denn ich fand mich berührt und glücklich. Wahrscheinlich ging es den anderen auch so, und vielleicht auch den Dorfbewohnern auf ihren Fenstersimsen, vielleicht sogar den Hühnern, Hunden und Vögeln – und wie high ich war im Auto, auf meinem Weg zurück nach Hause!

Der 17. Karmapa zu Besuch in Deutschland
Der 17. Karmapa. Foto: Kagyu-Office

Was für ein Kontrast!

Ziemlich genau 1500 Stühle standen in der Halle am Nürburgring, und ebenso viele Menschen nahmen am nächsten Morgen darauf Platz, um den neuen Karmapa das erste Mal zu hören, zu sehen, zu erleben. Die Karten für dieses dreitägige Ereignis waren schon Wochen zuvor innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Der Nürburgring mit seinen aufgeblasenen Gebäudekomplexen in Zweck-Formen, der metallischen Kälte und dem allgegenwärtige Geräusch vorbeirasender Autos war für diese Veranstaltung ein bizarres Umfeld – ein starker Kontrast. Sobald man aber die Halle betrat, war die Welt eine andere, und die sogenannte Realität mit ihren Motorengeräuschen verschwand so substanzlos wie ein Traum, aus dem man erwacht. 1500 Menschen also und fast alle reiferen Alters und Geistes, Erwachsene im spirituellen Sinne, von sanftem Gemüt und durchaus mit Eigensinn. Nicht zu übersehen auch hier wieder die vielen Tibeter, die wegen ihrer wild-adeligen Erscheinung und Kleidung allerseits bewundert wurden.

Verehrt als König, Heiliger, Lehrer, Gott

Der Thron, auf dem der Karmapa Platz nahm, war für tibetische Verhältnisse sogar noch schlicht, für deutsche Augen aber sah dieser drei Meter hohen »Stuhl« mit seinen reichen Holzschnitzereien und Brokatdekorationen schon sehr königlich aus. In seinem Heimatland Tibet und auch von vielen seiner Schüler/innen im Osten und Westen wird er wie ein König, ein Heiliger, ein höchster Lehrer, ja wie ein Gott verehrt. Der Karmapa aber, den wir hier zu sehen bekamen, war vor allem anderen zutiefst menschlich! Mit seinen Gesten und seiner kühnen, unverstellten Sprache erinnerte er mich an einen jungen Löwen. Sogar ein bisschen tollpatschig kam er mir vor und doch gleichzeitig spirituell sehr alt, gebildet und weise. Dabei verlässt er ganz bewusst den Lehrstil der tibetischen Traditionen und schreitet damit voran ins 21. Jahrhundert – auch weil er die Sprache der tibetischen Geisteswissenschaft in eine Sprache des Herzens verwandelt. Eine Sprache, die aufgibt, für sich selbst zu existieren und sich als Diener dem Sein, den Wesen, den Erfahrungen der Menschen zur Verfügung stellt.

Da ist es nur natürlich, wenn dieser Karmapa die Erde unsere Mutter nennt, und ihm alles Lebendige so sehr am Herzen liegt. »Alles hängt mit allem zusammen und voneinander ab, es gibt nichts und niemanden, der unabhängig existieren könnte. Alles, was wir tun oder nicht tun, hat Auswirkungen auf den ganzen Planeten.« Dabei geht es ihm um wirkliches Handeln und darum, Verantwortung zu übernehmen im Inneren wie im Äußeren: Walk the Talk! Aus Worten Taten werden lassen.

So schwierig, so leicht

In diesen Tagen am Nürburgring sprach er aber weniger über diese Themen, sondern vor allem über Meditation. Meditation ist schwierig, nicht weil sie zu schwierig wäre, sondern weil sie zu einfach ist. Er erwähnte, wie schwer es ist, mit Gefühlen Freundschaft zu schließen und sprach damit vielen Anwesenden aus der Seele. Keiner solle einen anderen verurteilen, weil dieser noch wütend werden kann, und kein langjähriger Buddhist solle sich verstellen, wenn er noch negative Gefühle habe. Er selbst sei manchmal sehr wütend, auch wenn ihm das als Karmapa niemand glauben würde, und alle dächten dann, er schauspielere nur. Viele der in der Halle anwesenden Buddhisten waren sicherlich dankbar, das zu hören. Ganz sicher aber waren viele nach dieser Begegnung high, berührt und haben sich verbunden gefühlt. Als ich spät am Abend in meinem Bett liegend noch einmal ins Dunkel hineinspürte, sah es so aus, als hätte sich der Grundriss unserer Wohnung enorm vergrößert. Es schien mir als seien von außen, aus allen Richtungen, neue Räume angebaut worden.

Rani Kaluza

Orgyen Thrinley Dorje, der XVII. Karmapa

Der XVII. Karmapa, Ogyen Trinley Dorje ist Oberhaupt der tibetischen Kagyuschule und einer der höchsten Lamas des tibetischen Buddhismus. Er wurde 1985 in Tibet geboren und floh 1999 nach Nord-Indien, wo er seither lebt. Während er die Traditionen seiner spirituellen Abstammung aufrecht erhält, modernisiert er den tibetischen Buddhismus entsprechend den Lebensbedingungen des 21. Jahrhunderts. Mit über 50 Mönchs- und Nonnenklöstern aus dem Himalaya hat er einen Verband gegründet, der Umwelt- und Tierschutzprojekte durchführt.

Rani Kaluza hat Malerei studiert und arbeitet heute als Schriftstellerin und Schneiderin. Ihre spirituelle Reise führte sie 1989 zum tibetischen Shambala-Buddhismus. 2001 verließ sie diesen Weg und folgte 12 Jahre dem Advaita-Lehrer Samarpan über dessen Leben sie 2013 eine Biografie veröffentlichte. Heute bietet sie selber Retreats der '4. Art' an. Homepage: www.doingnothing.de
   
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