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Spiritualität/Mystik

Der Kornkreis an der Erdfunkstelle

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Der Kornkreis an der Erdfunkstelle
Foto: www.cropcircleconnector.com

Raistinger Sommermärchen

Selbst das Bayerische Fernsehen (»Quer« mit Christoph Süß) und das Nachrichtenmagazin »Focus« können ihre Faszination nicht unterdrücken. Es hat sich etwas zugetragen im Alpenvorland, ebenso ästhetisch wie mysteriös. Ein Bauer, der am 17. Juli auf dem Acker arbeitete, bezeugt, auf dem Nachbarfeld habe er nichts Ungewöhnliches bemerkt. Erst Ballonfahrer erleben am 18. Juli ihr Sommermärchen: Aus luftiger Höhe sehen sie einen Kornkreis in einem Getreidefeld, das nur durch eine schmale Straße von der Raistinger Erdfunkstelle getrennt ist...

Die Fotos verbreiten sich schnell über Internet, und nun erfahren auch die Eigentümer, die Bauernfamilie Huttner, von der Zweckentfremdung ihres Ackers. Mutter Monika Huttner hegt im Interview keine Bedenken, das Gebilde Außerirdischen zuzuschreiben, während Bauer Christoph Vorsicht walten lässt und die Wissenschaft zur Klärung aufruft (Video im Internet bei »Seegespräche«). Jedenfalls machen sie es nicht wie ihr Kollege, der vor ein paar Jahren einen Kornkreis in der Nähe schnellstens abmähte, sondern gewähren allen Besuchern Zutritt zu dem Gebilde, stellen Schilder auf, und die Kornkreis-Pilger revanchieren sich mit einer Sammelbüchse, damit man für Huttners spenden kann. Aus nah und fern reisen Neugierige und Gläubige an, beleben selbst nachts das Gelände mit Trommeln, Gesang und Ritualen, fühlen sich von guten Mächten wunderbar geleitet und von positiven Energien durchströmt. Erstes Fazit: Wahre Schönheit wirkt als Seelenelixier.

Seit gut dreihundert Jahren befasst sich die Menschheit immer wieder mit Crop Circles, manchmal tatsächlich kreisrunden, manchmal solchen in fantasievollen konkreten oder geometrischen Formen. Viele treten in England auf, aber auch im Rest Europas und in Amerika sind sie auffindbar. Die Ammersee-Region ist nun mit drei Kornkreisen unter die Spitzenreiter aufgerückt: 2007 war einer bei Fischen zu sehen, 2012 bei Andechs. Zwei Fragen werden angesichts des Phänomens immer neu gestellt: Erstens: Wer ist der Urheber des Kornkreises, und wie macht man so etwas? Zweitens: Welche Bedeutung haben die Gebilde, wie lautet die Botschaft an uns? Das Raistinger Rundbild ruft nun erneut nach Beantwortung dieser Fragen. Vorweg angemerkt: Nicht alle Kornkreise müssen auf dieselbe Art entstanden sein und die Bedeutung muss bei jedem speziell geklärt werden.

Raisting 1: Wer hat's gemacht und wie?

Sind in der Nacht des 18. Juli ein paar Aliens vorbeigeflogen und haben vom interstellaren Raumschiff aus Getreidehalme umgelegt zu dekorativen Rätselmustern? War der Ballonfahrer nicht nur der Entdecker? Oder sind künstlerische Scherzbolde auf Stelzen ins Kornfeld gegangen, die Radspuren des Bauern nutzend, um keine eigenen Spuren zu hinterlassen und haben mit Brettern die geometrischen Formen eingedrückt?

Wie lang braucht ein einzelner Mensch, um einen exakten Kreis von 75 Metern Durchmesser anzulegen und in ihm drei genauso exakte kleinere Kreise zu platzieren, die aus Ringen bestehen, die zur Hälfte aus stehendem, zu anderen Hälfte aus liegendem Korn gebildet sind? Nicht zu vergessen die Muster am Kreisrand. Schafft das einer allein – in der finstern Landnacht? (Sonnenuntergang, 17. Juli: 21.08 Uhr, Sonnenaufgang, 18. Juli: 5.35 Uhr, macht rund 8,5 Stunden) Und wenn es mehrere waren in dieser nächtlichen Dunkelheit: Wie haben sie sich lautlos koordiniert, um weder einander auf die Füße zu treten, noch die Muster im Korn wieder zu zertrampeln oder die Nachbarn und den Sicherheitsdienst der Großantennen nebenan zu alarmieren? Ich schlage vor, ein interdisziplinäres Forschungsprojekt ins Leben zu rufen, bei dem die Kunstakademie mit Mathematikern, Symbologen, Agrar- und sonstigen Ingenieuren und Kriminologen von der Spurensicherung auf mehreren gepachteten Feldern vor laufenden Nachtsichtkameras Rekonstruktionsversuche vornimmt. Nicht zu vergessen: Satellitenaufnahmen auswerten!

Oder doch lieber Außerirdische? Eine Wissenschaftssendung auf »Arte« informiert, dass der Mensch lediglich 5 Prozent dessen sehen und begreifen könne, was im bekannten Kosmos an Dingen existiere. Vom belanglosen Rest von 95 Prozent haben wir immerhin so viel Ahnung, dass sich Wissenschaftler mit »schwarzer Materie« auseinandersetzen. Was wusste Aristoteles von der Milchstraße? Herschel wusste dann schon ein bisschen mehr. Und was wissen wir? Manche nur allzu genau, dass es außer den Menschen kein intelligentes Leben im All gibt.

Raisting 2: Bedeutet das Kornkreismuster etwas?

»Das Zeichen bedeutet«, meint eine Claudia in den »Seegesprächen«, »was es für den einzelnen eben bedeutet.« Müsste man sich so eine Mühe mit geometrischen Figurationen machen, wenn dann doch jeder beliebig ruminterpretiert? Einen New-Age-Ansatz vertritt der »Krieger des Lichts« Michael Stocker vom Zentrum des neuen Seins. Er entdeckt Strukturen des »tausendblättrigen Lotos«, versucht sich mit Zahlenmagie, deutet die triadische Kreisfigur als »Symbol für Gott im Werden-Sein-Vergehen« und zieht die Konsequenz: »Was sich mir beim Betrachten dieses Kornkreises gezeigt hat, ist eine Aufforderung, vom Kronenchakra aus drei Kanäle nach oben – in die göttliche Quelle – zu öffnen, die jeweils frei für polare Impulse – ähnliche einer Doppelhelix - gestaltet sind.« Stocker stellt seinen kategorischen Imperativ auf: »Lenke deine Aufmerksamkeit auf das Wohl anderer, heile und achte auf das Gleichgewicht göttlicher Kräfte. Dann wächst dir Macht von ganz allein entgegen. Und wenn du soweit bist, mache diese spezielle Übung. Es öffnet dir den Zugang in eine Ebene, die bisher höheren Bewusstseinsfrequenzen vorbehalten war.« (zitiert nach: www.zentrum-des-neuen-seins.de)

Der Kornkreis an der Erdfunkstelle
Foto: www.cropcircleconnector.com

Zeichen im Kontext

Um diese Deutung zu liefern, bedarf es einiger Kenntnis der östlichen Weisheitslehren. Ich finde sie interessanter, als das bloße Insistieren auf der Frage »Wer hat's erfunden?«. Ich würde den Kornkreis als Zeichen nicht isolieren, sondern im Umfeld einer spirituell hoch aufgeladenen Region sehen. Am Ammersee konzentrieren sich neben vielen kleinen Kirchen Klöster mit langer christlicher Tradition: Andechs, Dießen, Wessobrunn liegen am bayerischen Jakobsweg.

Würde man mit einem Bayern Urdu reden oder Kisuaheli? Wer immer sich die Mühe gemacht hat, den Kornkreis zu schaffen, entlehnt seine Zeichensprache der Tradition, die in dieser Gegend beheimatet ist, mithin am ehesten der christlichen. Ich erinnere an Trinitätssymbole, die drei Kreise in einem größeren Kreis zeigen. Von ihrer Geometrie her entsprechen Kornkreise wie der von Raisting häufig auch Fensterrosen mittelalterlicher Kathedralen. Im überwiegend katholischen Bayern bietet sich also eine Übersetzung des Zeichens ins Christliche an. Der große Kreis stünde dann für Gott und die Gesamtheit der existierenden Welt, die drei kleineren für die Personen der Dreifaltigkeit, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die gleichberechtigt erscheinen. Die Ringe in den Kreisen mit einer dunklen und einer hellen Hälfte deuten auf eine innere Dynamik: Eine Person hat viele Schichten und in jeder Schicht existieren zwei Pole. Hier sind sie harmonisch vereint und ergänzen sich. Gott der Vater schenkt das Leben und er nimmt es, er erschafft die Welt und er läutet den Jüngsten Tag ein. Jesus Christus vereint in sich die göttliche und die menschliche Natur, ist der milde Kinderfreund und Heiler, aber auch der Rebell gegen das Establishment, der den Tempel reinigt und manch unbequeme Wahrheit ausspricht. Beim Heiligen Geist ist an die Spannung von Freiheit und Gesetz zu erinnern.

Trinitäts-Symbole

Natürlich ist das Christentum eine Religion in der Familie der Religionen, und Weltanschauungen, sind Trinitäts-Symbole anderen triadischen Symbolen aus dem alten Ägypten oder dem neueren Hinduismus verwandt, weil sie zum archetypischen Feld der Mandalas zählen. Ich versuche hier nicht, das Raistinger Symbol für eine Kirche zu okkupieren, sondern auf seinen tieferen theologischen Gehalt jenseits der Institution hinzuweisen. Abstrahiert gesprochen, verweist der Kornkreis zu Raisting darauf, dass im großen Ganzen ein vielschichtiges Innenleben zu einer Harmonie der Einzelteile ausbalanciert wird.

Die Relativität von »Yes, we can«

Aber vielleicht hat den Kornkreis ja wirklich jemand geschaffen, der sich mit christlicher Dreifaltigkeitslehre etwas auskennt und zugleich mit dem urbayerischen Geist der Rebellion. Und dieser jemand, wer immer es sein mag, hat den Kornkreis neben der Erdfunkstelle angebracht. Auch an der Lauschmaschine sind Kreisformen sichtbar: Der helle Weg führt im Kreis um den grünen Rasen, darauf steht der kreisrunde Unterbau und schließlich ist das Antennenrund in den Himmel gerichtet. (Bild bei www.welt.de, Artikel »Der mysteriöse Kornkreis an der Erdfunkstelle«). Die Maschine dient den Menschen: 1969 wurde von hier die erste Mondlandung auf die europäischen Fernsehschirme übertragen. Die Raistinger Technikanlage wird aber auch immer wieder im Kontext der NSA-Bespitzelungs-Affären genannt. Sie ist so ein Symbol für skrupellose Machtausübung des Menschen über Seinesgleichen, ein Symbol für den Glauben an die absolute Machbarkeit und den Willen zur Selbstverherrlichung, die Schattenseite von »Yes, we can.« Vielleicht erinnert da der Kornkreis mit seiner Trinitätssymbolik daran, dass die Macht der Technik doch sehr relativ ist. Die wahre Macht und das echte Wissen gehören nicht den Obamas und Putins, den Seehofers schon gar nicht, sondern jemand ganz anderem, den das Symbol repräsentiert.

Die Pilger, die im Sommer anreisten, haben zumindest erfasst, dass sie einem Mysterium begegneten. Die meisten zogen die Schuhe aus, als wäre hier heiliger Boden wie am brennenden Dornbusch. So offenbart sich das Göttliche heutzutage vielleicht nicht mehr in Gestalt einer Lourdes-Madonna, sondern zugleich ästhetisch und politisch, spezifisch für eine Region und universell.

Dr. Angelika Koller

Dr. Angelika Koller, geboren am 2. Dezember 1955, studierte Katholische Theologie und Germanistik. Sie arbeitet im Pressebereich und in der Erwachsenenbildung. 2004 publizierte Koller das Buch "Thorwald Dethlefsen, die Reinkarnationstherapie und Kawwana". Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
   
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