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Spiritualität/Mystik

Die Diktatur der neoliberalen Ideologie

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Die Diktatur der neoliberalen Ideologie
Foto: Bernd Wachtmeister pixelio.de

Es gibt nur noch Gewinner und Verlierer

Die neoliberale Ideolgie dringt in sämtliche Lebensbereiche vor und macht auch vor dem deutschen liebster Freizeitbeschäftigung, dem Fußball, nicht halt. Gefragt, woran man denn merken würde, wie sehr die Konkurrenz in der Wirtschaft sich auf alle Lebensbereiche übertragen hat, wies der flämische Psychologe Paul Verhaeghe darauf hin, dass der Ausdruck »Loser« bereits zur gängigen Beschimpfung unter Jugendlichen gehöre. Eine Bestandsaufnahme von Burkhardt Kiegeland...

Habt ihr auch Fussball geschaut? Die Spiele bei der Weltmeisterschaften in Brasilien? Habt ihr auch die begleitenden Berichte gesehen, die immerhin ein wenig gezeigt haben von der Armut auf der einen Seite, dem Reichtum auf der anderen und den Milliarden-Investitionen für das Fussballereignis? Da konnte man den Polaritäten dieser Welt begegnen. Was mir dieses Mal vor allem auffiel, war die Berichterstattung der Sportreporter. Ich habe da bei den deutschen und den schweizer Kommentatoren zugehört. Und etwas gefunden, was viele Leser von sich selber kennen dürften: den rasanten Wechsel zwischen »Hosianna« und »kreuziget ihn«. Etwas ist einem gelungen, und man sieht die Welt in den rosigen Farben des Erfolgs. Wenig später geht etwas daneben, und der innere Polizist kritisiert einen in Grund und Boden. So hatte es manches Mal den Charakter einer Groteske, wenn dieselbe Mannschaft, die bei einem Spiel geglänzt und beim nächsten dann gar nicht so gut gespielt hatte, zuerst in den Himmel gehoben sowie mit grossen Erwartungen bedacht und ein paar Tage später ohne Gnade in Grund und Boden kritisiert wurde.

Der Neoliberalismus hat Ende des letzten Jahrhunderts den Platz der herkömmlichen Ideologien und Religionen eingenommen

Fehler

Ein Reporter stellte zum Beispiel Vermutungen an, welche Fehler man erklären und somit auch entschuldigen könne und welche nicht erklärbar und folglich auch unentschuldbar seien. Da hörte ich dann, und zwar recht oft, den Satz vom inneren Schweinehund, den es zu besiegen gelte. Mit der unausgesprochenen Folgerung, dass moralisch der nicht genügt, der nicht ständig zur Höchstleistung fähig ist. Wo aber das Verlieren, das Nichtgelingen, das Versagen als Kategorien einer Leistungsmoral verwendet werden, hat man sich schon ganz der neoliberalen Ideologie unterworfen: Wer nicht perfekt ist, wer seine Höchstleistung nicht ständig »abruft«, macht sich schuldig. Er ist ein Verlierer. Mit Menschlichkeit, mit reifem Menschsein hat das nichts zu tun.

Passend zum Thema kam ein Magazin des »Tagi« ins Haus. »Tagi« ist die hierzulande gebräuchliche Abkürzung für den in Zürich erscheinenden »Tagesanzeiger«. Darin im Magazin ein Interview mit dem flämischen Psychologen und Psychoanalytiker Paul Verhaeghe, der an der Universität Gent lehrt. Gefragt, woran man denn merken würde, wie sehr die Konkurrenz in der Wirtschaft sich auf alle Lebensbereiche übertragen hat, wies Verhagele darauf hin, dass der Ausdruck »Loser« bereits zur gängigen Beschimpfung unter Jugendlichen gehöre. Es gebe nur noch Gewinner und Verlierer, die Abstufungen, darunter auch die Mittelklasse, sterben aus, mit schlimmen Folgen für die Gesellschaft.

Und ein Zitat: »Der Neoliberalismus hat Ende des letzten Jahrhunderts den Platz der herkömmlichen Ideologien und Religionen eingenommen… und Ideen davon vorangetrieben, was die menschliche Identität auszumachen scheint… Dazu gehört zum einen die Prämisse, dass man sein Selbst perfektionieren kann, zum anderen die, dass wir alle in Wettbewerb zueinander stehen. Da gilt dann das Credo, jeder kann es schaffen, jeder kann Erfolg haben. Du brauchst eine perfekte Karriere, eine perfekte Beziehung, perfekte Kinder, perfekten Sex und mehr. Und das alles erreichst du durch Leistung und die richtigen Entscheidungen im Leben…« (Paul Verhaeghe: Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Verlag Antje Kunstmann)

Die Diktatur der neoliberalen Ideologie
Foto: web rb pixelio.de

Identität

Die einen hören nicht auf, nach einem passenden Bild von sich selber zu suchen und durchlaufen so manche künstliche »Umtypisierung« (in die sie natürlich die alte Identität immer mitnehmen). Die anderen haben sich in einem Selbstbild mehr oder weniger resignierend eingerichtet und bleiben dabei, so unvollständig und begrenzt es auch ist. An einem Markttag in der Stadt Zug sprach mich ein Mann an, der, wie sich heraus stellte, sein Geld damit verdient, das Selbstbild anderer Menschen esoterisch aufzupolieren. Auf Englisch bat er mich, ihn anzuhören, er wolle mir wichtiges mitteilen. Er habe mich schon eine ganze Weile beobachtet, und müsse mir unbedingt sagen, welch starke und schöne Energie von mir ausginge. Ich hätte eine besondere Aura, er könne das sehen, und seine Aufgabe sei, Menschen wie mir Entscheidendes über ihre unmittelbare Zukunft zu offenbaren.

Mit Speck fängt man Mäuse

Mit Speck fängt man Mäuse. Dieser alte Spruch gilt nicht unbedingt. Von den Balzenberger Ureinwohnern haben wir nämlich gelernt, dass die Mäuse hier in den Häusern sich bevorzugt mit Schoko-Nusscreme in die Falle locken lassen. Je größer die Zweifel am Eigenwert, desto notwendiger muss man kompensieren. Wo aufgrund mangelnder Liebe und Bestätigung in der Kindheit eine Selbstwertstörung vorliegt, herrscht ein innerer Zwang, diese auf irgendeine Art und Weise zu kompensieren. Und auf der Suche nach Ausgleich, nach einem Pflaster für die Wunde, ist man nicht nur empfänglich, sondern geradezu süchtig nach Bestätigung. Der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz, der ein sehr lesenswertes Buch über die narzisstische Gesellschaft geschrieben hat und Vorträge zum Thema hält, spricht von der »Kompensationspflichtigkeit« der narzisstischen Verletzung. Wie ein Zwang verlangt sie nach Kompensation. (Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm. DTV München)

Schoko-Nusscreme in reichen Gaben

Jener »Auraleser« am Zuger Markttag, spendet den Leichtgläubigen Schoko-Nusscreme in reichen Gaben. Natürlich will er auch Geld dafür. Nachdem ich ihm eine Weile zugehört hatte, meinte er, angesichts meiner geradezu übernatürlichen Gaben sei es nur angemessen, wenn ich ihm 1000 Franken geben würde, zur Unterstützung jener Gemeinschaft von Yogis, für die er arbeite. Zumal glänzende Entwicklungen für mich unmittelbar ins Haus stünden. Ganz schön mutig der Mann. Ich meinte, dass er mit dieser Summe seine potenzielle Klientele wohl eher abschrecken würde und diese Yogi-Gemeinschaft wenig glaubhaft sei. Da fühlte er sich gekränkt. Ich beobachte te, wie er an diesem Vormittag noch andere Männer ansprach. Einen sah ich die Brieftasche ziehen. Ein anderer wirkte verstört.

Je mehr wir über uns selber wissen, je versöhnter wir werden mit unserer Geschichte, desto bewusster und achtsamer leben wir unser Leben.

Schnäppchen-Mentalität

Ich fuhr einmal in diesem Sommer in einem recht armen Land mit mehreren Hobby-Fotografen in einem Sammeltaxi. Am Ziel angekommen und vorn sitzend bezahlte ich den Fahrer und gab ein angemessenes Trinkgeld. Das weckte den Widerspruch eines Mitreisenden. Ich würde die Leute nur verwöhnen und die Preise verderben, so lautete sein Vorwurf. Wir haben am Abend noch ausgiebig diskutiert. Über die Schnäppchen-Mentalität, die alles billiger haben möchte, über die Arroganz gegenüber denen, die nichts haben weil sie angeblich nichts leisten, über die eigenen Zwänge zu Leistung und Perfektion und aus welchen frühen Verletzungen diese Zwänge stammen.

Wir leben in den reichsten Ländern der Erde und sind doch arm. Zwar nicht an materiellen Gütern, doch zu oft an Selbstwert und Herz. Anstatt die Großzügigkeit eines offenen Herzens zu leben, pflegen wir zu oft einen speziellen Geiz. Er kommt aus dem Stolz, es aus eigener Kraft zu etwas gebracht zu haben und verlangt von anderen Menschen in anderen Ländern dieselben Anstrengungen. Dabei wird übersehen, dass der eigene Erfolg zum größten Teil auf dem Privileg beruht, in einer reichen Gesellschaft aufgewachsenen zu sein und seine Chancen auch nutzen zu können. Und mit einer Sicht auf das Leben, die Heinrich Böll in seiner bekannten Kurzgeschichte »Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral« (PDF) karikiert. Man findet sie im Netz.

Ich habe über das Unrecht geschrieben, was jeder unvermeidlich begeht, einfach weil er am Leben teil nimmt. Wir können dieses Unrecht vermindern und auch dort, wo wir nichts ändern können, einen Beitrag leisten, nämlich durch Mitgefühl. Vermindern ist möglich durch Bewusstheit. Bewusstheit ist vor allem eine Folge von Information. Je mehr wir über uns selber wissen, je versöhnter wir werden mit unserer Geschichte, desto bewusster und achtsamer leben wir unser Leben. Information im Sinne von mentaler Einsicht reicht allerdings nicht aus. Tiefere Erfahrung und ein tätiges Erforschen der eigenen inneren Wahrheit ist notwendig. Denn würde das Lesen von Büchern ausreichen, müsste es angesichts der in den vergangenen Jahrzehnten gedruckten Masse an Publikationen zum Thema Spiritualität von Erleuchteten geradezu wimmeln. Wir würden nicht, wie die vergangenen Jahre und besonders auch die letzten Monate zeigen, ständig am Rande von Krisen und in Kriegen stehen.

Mehr zum Thema »Spiritualität und Politik« findet ihr in unserem Connection Spirit Heft »Sowohl als auch: Advaita«

Burkhardt Kiegeland

Burkhardt Kiegeland, Jg. 42, der »Herz-Meister«, ist seit nun 1980 bekannt für seine »Herz-Eröffnungs-Seminare« und sein »Herz-Projekt«. Er war Schüler von Osho und Michael Barnett. Aus seinem früheren Zentrum »Weisser Lotus« ist er in die Schweiz ins Berner Oberland übersiedelt und hat unter dem Begriff »Eins und Sein« ein neues Zentrum ins Leben gerufen. Website: www.einsundsein.org
   
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